Stormarn
Minister eingeschaltet

Stormarner Bahnpendler ärgern sich über Zugausfälle

Jörg Döscher leidet unter Verspätungen und den häufigen Zugausfällen. Mit dabei: Hündin Skrollan. 

Jörg Döscher leidet unter Verspätungen und den häufigen Zugausfällen. Mit dabei: Hündin Skrollan. 

Foto: Johanna Helbing / HA

Probleme an Bahnübergängen, Weichen und Oberleitungen sorgen für Unmut. Dazu kommen defekte Klimaanlagen.

Ahrensburg/Reinfeld.  Jörg Döscher ist sauer. Ziemlich sauer sogar. Tagaus, tagein hört und liest er über die Zustände auf der sogenannten Marschbahn nach Westerland/Sylt, auf der es seit Monaten zu heftigen Problemen, zu zahlreichen Zugausfällen kommt. Er liest von Entschädigungszahlungen für die Pendler, er liest, dass das Land in Person von Wirtschafts- und Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP) eine Kündigung der Verkehrsverträge mit der Bahn androht, wenn das ehemalige Staatsunternehmen die Situation nicht in den Griff bekommt.

Jörg Döscher aber ist von diesen katastrophalen Zuständen im Westen Schleswig-Holsteins nicht betroffen. Er wohnt in Zarpen und ist jahrelang als Pendler auf der Linie die RE 80 zwischen Lübeck und Hamburg unterwegs gewesen, hat Zugverspätungen und -ausfälle am eigenen Leib zu spüren bekommen. Nun bringt er seine Frau, die in Hamburg arbeitet, jeden Morgen um kurz vor sechs Uhr zum Bahnhof nach Reinfeld und holt sie am Nachmittag wieder ab – wenn denn die Bahn fährt und pünktlich ist.

Brandbriefe an Minister und Regierungschef

Was ihn so sauer macht, erklärt er so: „Diese Strecke hinkt der Marschbahn nicht weit hinterher und es besteht akuter Handlungsbedarf seitens der Politik, um Abhilfe zu schaffen.“ So hat er es auch an Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) geschrieben. So ähnlich hatte er bereits im Februar einen Hilferuf in Richtung Wirtschaftsminister Bernd Buchholz abgesetzt, der in einer ausführlichen Antwort zum einen Erläuterungen lieferte, zum anderen auch versprach, sich des Themas anzunehmen. „Die Zugausfälle und Verspätungen mehren sich in einem unerträglichen Maße“, sagt Döscher. „Von den Zuständen der Wagen wollen wir gar nicht reden.“ Damit meint er unter anderem defekte Klimaanlagen, verschmutzte Toiletten, klemmende Türen sowie gesperrte oder fehlende Waggons.

Besonders ärgerlich sind für den Pendler aber die Zugausfälle. Döscher hat akribisch Buch geführt über die Fälle, die seit Beginn des Jahres allein ihn beziehungsweise seine Frau betroffen haben. Im Januar ist acht Mal der von ihnen gewählte Zug ausgefallen, im Februar waren es sechs Fälle und im Mai sogar neun. „In dieser Auflistung sind die teils erheblichen Verspätungen noch gar nicht enthalten – aber an der Tagesordnung.“

Die Auflistung von Jörg Döscher ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt. Wie sieht es denn ganz offiziell mit der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit aus? Darüber kann Burkhard Schulze vom Nahverkehrsverbund Schleswig-Holstein (Nah.SH) Auskunft geben. Und diese Auskunft bestätigt zumindest in Teilen die Erkenntnisse von Jörg Döscher. „Im Mai sind auf der Linie RE 80 außergewöhnlich viele Fahrten ausgefallen“, so Schulze. Das Unternehmen, das im Auftrag der Landesregierung den öffentlichen Nahverkehr plant, bestellt und kontrolliert, hat für jenen Monat eine Ausfallquote von 4,5 Prozent auf der Linie ermittelt, die von Lübeck über Reinfeld, Bad Oldesloe und Ahrensburg zum Hamburger Hauptbahnhof fährt.

Übergang Brauner Hirsch in Ahrensburg ist häufig defekt

Deutlich besser sah es dagegen im Mai auf der Linie R8 aus, die auf der Strecke allerdings nicht in Ahrensburg hält. Sie erreichte im Mai eine Zuverlässigkeitsquote von 99 Prozent. Bei der Regionalbahn 81, die von Bad Oldesloe nach Hamburg fährt und auch in Bargteheide und Ahrensburg sowie den Hamburger Bahnhöfen hält, fielen im Mai 3,1 Prozent der Züge aus.

In den ersten Monaten des Jahres sahen die offiziellen Zahlen auf allen drei Linien annähernd gleich oder sogar besser aus. Zum Vergleich: Die Linie RE6 zwischen Hamburg-Altona und Westerland erreichte im Mai eine Zuverlässigkeitsquote von 93,3 Prozent.

Schleswig-Holsteins Wirtschafts- und Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP) hat in seiner Antwort an Döscher auch ein paar Erläuterungen zu den unterschiedlichen Ursachen und den Problemen bei der Behebung von Störungen geliefert. So gebe es mit der DB Netz AG und der DB Regio AG zwei unterschiedliche Unternehmen, in deren Zuständigkeitsbereich die Störungen lägen. „Die Netz AG ist verantwortlich dafür, eine funktionsfähige Schieneninfrastruktur bereit zu stellen“, so Buchholz. Dafür erhalte sie im Rahmen der Trassenpreise erhebliche finanzielle Mittel vom Land. „Umso ärgerlicher ist es, wenn die Schieneninfrastruktur aufgrund von Störungen an Bahnübergängen oder Weichen nicht verlässlich zur Verfügung steht.“

Vor allem der Bahnübergang Brauner Hirsch in Ahrensburg sorgt immer wieder für Probleme . Auch in den vergangenen Tagen gab es dort Störungen, die zu Verspätungen bei der Bahn führten. Buchholz verweist aber auch darauf, dass die Einflussmöglichkeiten des Landes hier begrenzt seien, da es keine direkten Vertragsverhältnisse mit dem Unternehmen des Bundes habe.

Bahn will 270 Millionen Euro investieren

Anders verhält es sich laut Buchholz mit den Problemen, die im Ursachenbereich der DB Regio AG liegen. Hier gibt es den Verkehrsvertrag „Netz Ost“, der definiert, welche Leistungen und welche Qualitätsstandards zu erbringen sind. „Sofern die Qualitätsstandards nicht eingehalten werden, kürzt der Nah.SH die Ausgleichszahlungen.“ Dies gelte sowohl für Zugausfälle als auch für fehlende Waggons. „Auch wenn der vertraglich definierte Pünktlichkeitszielwert von 95 Prozent nicht eingehalten wird, verhängt der Nah.SH eine Vertragsstrafe gegen die DB Regio AG.“ Diese Vertragsstrafe steige mit zunehmenden Verspätungen quadratisch an, so dass ein hoher finanzieller Anreiz für die DB Regio AG besteht, die Züge pünktlich fahren zu lassen.

Auf die Frage nach den Ursachen hat eine Bahnsprecherin gegenüber dem Abendblatt die ganze Palette bereit: Es sind Störungen an Bahnübergängen, Weichen, Oberleitungen oder direkt an den Fahrzeugen, die immer wieder zu Ausfällen und Verspätungen führen. Deswegen habe das Unternehmen das Programm „Zukunft Bahn“ ins Leben gerufen, dessen Schwerpunkt auf einem leistungsfähigen Schienennetz und attraktiven Bahnhöfen liege. „Daher investiert die Bahn auch in diesem Jahr in Hamburg und Schleswig-Holstein rund 270 Millionen Euro in das bestehende Schienennetz und die Bahnhöfe“, sagt die Bahnsprecherin.