Stormarn
Prozess

Beziehungsdrama endet in fast tödlicher Messerstecherei

Der Fall wird am Landgericht Lübeck verhandelt (Symbolfoto)

Der Fall wird am Landgericht Lübeck verhandelt (Symbolfoto)

Foto: Olaf Malzahn / dpa

25-jähriger Bargteheider greift Ex-Freundin mit Messer an und springt vom Balkon. Nun steht er wegen versuchten Mordes vor Gericht.

Bargteheide/Lübeck.  Es ist das grausige Ende einer schwierigen Beziehung: Mehrmals soll ein 25 Jahre alter Bargteheider auf seine Freundin eingestochen haben, nachdem diese sich von ihm trennen wollte. Die zweifache Mutter wurde bei dem Angriff lebensgefährlich verletzt, konnte nur dank der Hilfe von Freunden und einer Notoperation gerettet werden.

Seit Freitag muss sich Stefan L. (Name geändert) vor dem Schwurgericht am Lübecker Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vor. Die Tat bestreitet der Mann mit dem kahl rasierten Schädel nicht. „Wer denn sonst?“, antwortet er auf die Frage des Gerichts, ob er sie begangen habe. Er könne sich aber nicht mehr daran erinnern, behauptet er. Nur Bruchstücke habe er noch vor Augen. „Ich weiß, dass ich ein Messer voller Blut in der rechten Hand gehalten habe.“

Der Mann sprang nach der Tat im dritten Stock vom Balkon

Mit zwei Freunden hatte das frisch getrennte Paar am Abend des 24. Oktober 2017 in der gemeinsamen Wohnung in Bargteheide gefeiert. Die Stimmung sei gut gewesen, sagen alle Vier. Es wurde Alkohol getrunken, Musik gehört, getanzt und viel geredet. Die Kinder schliefen nebenan. Gegen 1.30 Uhr legten sich auch die Erwachsenen schlafen – nur Stefan L. nicht. Er wollte mit Leonie F. (Name geändert) über ihre Beziehung reden. „Ich wollte unbedingt, dass sich das Blatt wieder wendet und sie mir noch eine Chance gibt“, sagt er vor Gericht.

Doch die 32-Jährige betonte, an ihrer Entscheidung festzuhalten. Während des Gesprächs im dunklen Schlafzimmer schlief sie immer wieder ein. „Plötzlich habe ich am rechten Arm einen Schmerz gespürt, ein heißes Brennen“, sagt sie. Danach könne sie sich nur noch an einen riesigen Schmerz erinnern, alles andere sei wie ausgelöscht. 21 Schnittverletzungen erlitt die Frau laut Staatsanwaltschaft – unter anderem an Bauch, Brust, Oberarmen und Beinen. Zugefügt mit einem Küchenmesser mit rund 20 Zentimeter langer Klinge. Die beiden Freunde sagen vor Gericht aus, dass sie von den Schreien und Hilferufen des Paares wach geworden seien. Sie riefen den Notarzt und kümmerten sich um die blutüberströmte Frau.

Täter war nach eigenen Angaben drogensüchtig

Stefan L. sei währenddessen durch die Wohnung gelaufen, habe immer wieder Sätze wie „Was hab’ ich getan?“ und „Wie konnte ich nur?“ gerufen. Als die Polizei eintraf, sprang er vom Balkon der Wohnung im dritten Stock rund 15 Meter in die Tiefe. Dabei wurde er ebenfalls lebensgefährlich verletzt, lag eigenen Angaben zufolge eineinhalb Monate im Koma.

Stefan L. behauptet, am Abend der Tat auch Kokain konsumiert zu haben. Er habe schon mit zwölf Jahren angefangen, Drogen zu nehmen. Erst Marihuana, schnell seien Amphetamine, LSD und Kokain dazugekommen. Wie er sich den umfangreichen Drogenkonsum finanziert habe, will der Vorsitzende Richter Christian Singelmann wissen. „Mein Vater hatte einen großen Geldbeutel“, lautet die lapidare Antwort. Und auch einen großen Weinkeller, deshalb habe er schon als Jugendlicher viel Alkohol getrunken.

2011 lernt er Leonie F. kennen, die ihn zunächst aus Hilfsbereitschaft mit ihrem damaligen Freund und ihrer Tochter in ihrer Wohnung aufnimmt. Kurz danach werden die beiden ein Paar, ein Jahr später kommt ihr gemeinsamer Sohn auf die Welt. Das Familienglück scheint perfekt. Sie wollen sogar heiraten und Stefan L. möchte die Tochter adoptieren. „Nach etwa zwei Jahren hat es angefangen, zu kriseln“, sagt er. Leonie F. ärgerte sich über den ständigen Drogenkonsum ihres Freundes und seine Antriebslosigkeit. Wenn er zu Hause war, habe er lieber auf der Playstation gezockt, statt im Haushalt zu helfen oder sich um die Kinder zu kümmern, sagt sie.

Das Opfer wollte die Beziehung schon oft beenden

Von seinem Einkommen als Altenpfleger – rund 1300 Euro netto – gab er 1100 Euro für Drogen aus. Es folgten häufige Streits, bei denen Stefan L. ein paar Mal auch gewalttätig wurde. Negativer Höhepunkt war Himmelfahrt 2017. Völlig betrunken schlug er seiner Freundin mehrmals so stark ins Gesicht, dass diese ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Mehr als ein Dutzend Mal habe die Bargteheiderin in der sechsjährigen Beziehungszeit angekündigt, dass sie sich trennen werde. Doch sie nahm die Entscheidung immer wieder zurück. „Warum?“, will der Richter wissen. „Ich habe gehofft, dass er sich ändert“, sagt die 32-Jährige. „Ich wollte, dass wir als Familie glücklich werden.“