Stormarn
Bürgerstiftung

Barsbütteler Busbegleiter: Die guten Geister von Linie 337

Manfred Schlag (Mitte) und Wolfgang Domaschke (r.) sind bei den Kindern beliebt. Hier fahren sie mit Grundschülern von Stellau nach Willinghusen

Manfred Schlag (Mitte) und Wolfgang Domaschke (r.) sind bei den Kindern beliebt. Hier fahren sie mit Grundschülern von Stellau nach Willinghusen

Foto: René Soukup / HA

Wolfgang Domaschke und Manfred Schlag von der Barsbütteler Bürgerstiftung bringen Kinder als Busbegleiter sicher zur Schule und zurück.

Barsbüttel.  Heute konnte Wolfgang Domaschke ausschlafen, zumindest für seine Verhältnisse. Die Ziffernblatt zeigt 6 Uhr. Manchmal ist der 73-Jährige dann schon auf Achse. Das trifft in jenem Moment auf seinen Mitstreiter Manfred Schlag (70) zu. Die beiden Senioren sind für die Barsbütteler Bürgerstiftung als Busbegleiter unterwegs, garantieren von Montag bis Freitag, dass Jungen und Mädchen sicher in die drei Schulen der Gemeinde und auch zurück nach Hause kommen. Zeitspender nennen sie sich, fahren auf vier Touren bis nach Trittau, Lütjensee, Reinbek und Glinde. Dabei wechseln sich die Rentner bei den Routen ab, nutzen nicht nur die 337er- und 737er-Schulbusse, sondern auch solche, die im Linienbetrieb für jedermann zugänglich sind. Im Kreis Stormarn haben der Barsbütteler Domaschke und Schlag aus Oststeinbek damit ein Alleinstellungsmerkmal. Das Abendblatt hat sie einen Tag begleitet.

Manfred Schlag ist schon um 4.30 Uhr raus aus den Federn, dann mit den Hunden Gassi gegangen und eine Stunde später weiter zum Busbetriebshof nach Glinde. Dort wartet bereits der Fahrer: ein kurzer Fahrzeugcheck und auf nach Lütjensee, wo die ersten Schüler einsteigen „Einen Wecker brauche ich inzwischen nicht mehr, habe die Zeiten so drin“, sagt der frühere Möbelpacker. Er und Domaschke stellen sich seit 13 Jahren in den Dienst der Kinder. Lange Zeit ehrenamtlich, seit 2015 erhalten sie 327,40 Euro pro Monat. Das Geld kommt aus der Gemeindekasse und fließt über die Bürgerstiftung. Ihre Jahreskarten müssen sie nicht bezahlen.

Wer Regeln missachtet, wird im schwarzen Heft vermerkt

Die Idee, Busbegleiter zu installieren, hatte die Verwaltung. „Damals gab es Beschwerden von Eltern über Vandalismus in Bussen und vermehrt Streitigkeiten unter Schülern“, sagt Jan Greve, Fachdienstleiter und zuständig für Schulangelegenheiten. Die beiden Rentner hätten schnell zur Beruhigung der Situation beigetragen.

Domaschke ist meistens für die Touren zwischen den Ortsteilen Stellau und Willinghusen zuständig, fährt um 7.40 Uhr an der Haltestelle Am Dorfplatz im Bus vor. Er trägt wie immer eine Cap und eine rote Weste. Sein Partner hat es auch noch geschafft, steigt mit 32 Grundschülern ein. „Ich finde es klasse, dass Wolfi und Manfred für uns da sind“, sagt die zehnjährige Ayleen. „Wir können mit ihnen über Fußball reden“, fährt ihr der gleichaltrige Max ins Wort. Die beiden Helfer lassen sich duzen. Im Bus ist es laut, alle reden durcheinander. Domaschke scherzt mit den Kindern, seine Stimme hebt sich jedoch, als einige während der Fahrt aufstehen wollen, um die Folgen eines Autounfalls mit Blechschaden auf der Gegenfahrbahn besser ins Auge fassen zu können. „Hinsetzen, das gilt für jeden“, ruft er. Das wirkt.

„Die Kinder können ihr Herz bei uns ausschütten“

Wer hier als Aufpasser seinen Gute-Laune-Pegel konstant oben halten will, muss ein ruhiges Gemüt und zugleich Ausdauer haben. Für Domaschke und Schlag ist das offenbar kein Problem. „Die sind alle lieb, können auch immer ihr Herz bei uns ausschütten“, sagt der Barsbütteler. Er habe den Kindern versprochen, dass das Gesagte im Bus bleibe. Dann zieht er aus seiner Westentasche ein Heft mit der sogenannten schwarzen Liste vor, dem ein Ruf vorauseilt und das zugleich Drohkulisse ist. Dort sind jene vermerkt, die Regeln missachtet haben. Derzeit ist ein Name eingetragen. Gibt es eine weitere Verwarnung, steht ein Gespräch mit Schulleitung oder Eltern an. Soweit ist es aber noch nicht gekommen. Allerdings werden Kinder nach exakt zwei Wochen von der Liste gestrichen bei untadeligem Verhalten.

Fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn ist das Ziel, die Grundschule Willinghusen, erreicht. Die beiden Rentner begleiten die Jungen und Mädchen bis auf den Schulhof. Einrichtungsleiterin Gabriela Bock hält große Stücke auf die Helfer, sagt: „Die Kinder lieben sie. Was die Herren leisten, ist mit Geld nicht aufzuwiegen.“ Die Eltern seien allesamt sehr glücklich. Domaschke habe eine natürliche Autorität. „Es ist bei ihm wie mit einem Opa. Die Kinder dürfen viel, sind aber gehorsam.“

Domaschke lebt seit 42 Jahren in Barsbüttel

Ihre Grundschule ist auch zuständig für den Vorschulunterricht der Stellauer Kindertagesstätte. Drei Gruppen kommen jeweils einmal in der Woche für drei Stunden nach Willinghusen. Es ist Zeit, eine von ihnen jetzt abzuholen. Um 8.30 Uhr steigen Domaschke und Schlag in den Bus, diesmal die Linie 263. Auf dem Weg dorthin spricht Domaschke immer wieder von seiner Gemeinde und lobt die Investitionen in Bildungseinrichtungen und Kitas. Für die Erweiterungen der Grundschulen Barsbüttel (Projekt im April abgeschlossen) und Willinghusen (Arbeiten sollen im dritten Quartal beendet sein) sowie der Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule (Fertigstellung im August) zahlt Barsbüttel rund 4,7 Millionen Euro binnen zwei Jahren.

Domaschke ist heimatverbunden und ein Familienmensch, lebt seit 42 Jahren mit seiner Frau Silke in Barsbüttel. Sie haben zwei Söhne im Alter von 40 und 33 Jahren sowie drei Enkel. „Ich habe in 13 Jahren noch keinen Tag als Busbegleiter gefehlt“ sagt er. Seine Kurzurlaube richten sich nach den Schulferien. „Länger als vier Tage halte ich es woanders ohnehin nicht aus.“ Schlag bevorzugt zum Entspannen seinen Garten.

In der Kita angekommen, läuft der kleine Ole Domaschke in die Arme und ruft laut „Wolfi“. Fünf Jungen und sechs Mädchen ist die Freude über das Wiesersehen ins Gesicht geschrieben. An der Haltestelle versuchen sie immer wieder, die Kombination der beiden Zahlenschlösser seines schwarzen Rucksacks herauszufinden. Dieser ist mit Bonbons gefüllt. Wer den Code knackt, bekommt die Leckereien. Das ist der Deal und auch eine Methode, bei den Kindern anzukommen.

Einladungen zu Abifeiern und Kindergeburtstagen

Um 10 Uhr haben die Busbegleiter eineinhalb Stunden Pause. Domaschke fährt zurück in die Wohnung. Erst jetzt ist Frühstück angesagt – zwei Scheiben Schwarzbrot mit Marmelade, Käse und Wurst, dazu ein Ei. Er kann auch gut kredenzen. Früher ist der gebürtige Lüneburger zur See gefahren und hat auf Schiffen als Koch gearbeitet, später Wintergärten gebaut. Daher auch seine Liebe zum Hafen, in dessen Gebiet der Hobbyfotograf bevorzugt Bilder macht. Seine jetzige Tätigkeit für die Bürgerstiftung bezeichnet er als „Job, der mich fit hält“. Und der Einsatz für junge Menschen lohne sich immer, „denn die sind unsere Zukunft“.

In all den Jahren hat das Duo Hunderte Kinder und Jugendliche zur Schule begleitet. „Die Namen habe ich mir fast alle gemerkt“, so Domaschke. Sie seien schon auf Abiturfeiern und Kindergeburtstagen eingeladen gewesen. „Da gehen wir aber nicht hin, weil es zu privat ist.“ Gefreut hat er sich über Weihnachtsgeschenke von Grundschülern. Auf deren Bildern ist er als lachender Busbegleiter gemalt. „Das ist Bestätigung genug“, sagt der Mann mit dem Vollbart. In der Pause erledigt Domaschke noch Schriftliches für das Deutsche Rote Kreuz. Er ist im Vorstand des Ortsverbandes. Es muss aber zackig gehen. Den Bus nutzt er übrigens auch privat, verzichtet inzwischen auf ein Auto. Mehr als 10.000 Kilometer im Jahr legt der Barsbütteler so mit den Kindern zurück.

Die Suche nach weiteren Mitstreitern war erfolglos

Um 12.30 Uhr geht es wieder nach Stellau, Manfred Schlag übernimmt die größere Tour Richtung Lütjensee und wird erst um 16 Uhr Feierabend haben. Für Domaschke gilt das zwei Stunden früher. Er geht zufrieden nach Hause mit der Erinnerung, dass die Kitakinder ihm beim Abschied zugewinkt und damit ihre Sympathie bekundet haben.

Sie könnten gut zwei Personen als Unterstützung gebrauchen, um noch mehr Busse zu bedienen, erzählt der Barsbütteler. Bemühungen zwecks Rekrutierung sind bisher erfolglos geblieben. Domaschke sagt: „Wir machen weiter, solange wir dazu körperlich in der Lage sind.“ Noch im Bett zu liegen, wenn die Klingel zur ersten Schulstunde ertönt, ist für die beiden Busbegleiter vorerst ausgeschlossen.