Stormarn
Streikkultur

Welche Macht haben Gewerkschaften heute noch?

Treten für die Rechte von Arbeitnehmern im Kreis ein (v.l.): Andreas Guhr, Juliane Hoffmann und Jörn Behrens

Treten für die Rechte von Arbeitnehmern im Kreis ein (v.l.): Andreas Guhr, Juliane Hoffmann und Jörn Behrens

Foto: Sebastian Knorr / HA

Kleinteilige Betriebe, Auslagerung und mobiles Arbeiten: Gewerkschafter aus Stormarn berichten über den Wandel der Beschäftigung.

Ahrensburg.  Von der Streikkultur her betrachtet, war 2015 ein Erfolgsjahr. Rund 230.000 Arbeitnehmer setzten ihre Arbeit aus. Mehr als eine Million ausgefallene Arbeitstage sind bundesweit zusammengekommen. Das waren so viele wie seit 1992 nicht mehr, sieben Mal mehr als im Jahr 2014 – viele von ihnen auch in Stormarn.

Kein Wunder also, dass Juliane Hoffmann, Regionsgeschäftsführerin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Lübeck – und damit hauptamtliche Vertreterin für rund 5000 Gewerkschaftler im Kreis –, beim Besuch der Abendblatt Regionalausgabe in Ahrensburg auf diese Zahl, dieses Jahr hinweist.

2015. Das war das Jahr des Kita-Streiks, der wöchentlich Schlagzeilen machte. Eltern, Erzieher, Politiker und Verwaltungen im Kreis ärgerten sich, stritten, streikten, verhandelten – bis es zu einer Lösung kam. Die Bedingungen aus Gewerkschaftssicht damals waren wohl so ideal wie selten: ein großes öffentliches Interesse, ein großer Arbeitgeber und eine große Arbeitnehmerschaft, die Fachkräftemangel und Arbeitsverdichtung nicht mehr akzeptieren wollte. Gewerkschaftskampf im Rampenlicht.

DGB verzeichnet 50.000 weniger Mitglieder

Dass das nicht immer so ist, weiß natürlich auch Juliane Hoffmann. Mit ihr sitzen heute zwei Stormarner Gewerkschaftler mit viel Erfahrung am Tisch: Jörn Behrens, IG-Metaller und aktiver Betriebsrat, und Andreas Guhr, ehemaliger Betriebsrat, IG-Metaller im Ruhestand und Vize des DGB-Kreisverbands. Um den aktuellen Stand der Gewerkschaften soll es gehen: Welche Macht haben sie? Wie hat sich der Arbeitskampf gewandelt, wie die Probleme und Herausforderungen?

Die Spurensuche beginnt bei den harten Fakten, von denen die Regionalstelle des Dachverbands überraschenderweise wenige für den Kreis Stormarn erhebt. Wie sich die Mitgliederzahl in den sieben Gewerkschaften unter dem Dach des DGB über die letzten Jahre in Stormarn nämlich entwickelt hat, kann Hoffmann gar nicht sagen. Bei der Annäherung hilft also nur ein Blick auf den gesamtdeutschen Trend: 2017 zählte der DGB knapp sechs Millionen Mitglieder, 50.000 weniger als im Vorjahr. Flaute im Arbeitskampf also?

Hoffmann präsentiert die nächste Zahl, die wiederum nicht explizit für Stormarn erhoben werde. „42 Prozent aller Unternehmen in Schleswig-Holstein haben derzeit einen Betriebsrat.“ Bedeutet aber auch: Über die Hälfte der Arbeitnehmer werden nicht vertreten. Da ist also noch Luft nach oben.

Schwierigkeiten durch kleine Betriebe und Auslagerung

„Ja und nein“, sagt Hoffmann. Die Macht der Gewerkschaften sei ungebrochen. Aber viele Arbeitnehmer erreichen sie auch heute nicht. Besonders schwer mache es ihnen der Wandel in der Wirtschaft, sagt Hoffmann, das Erstarken des Dienstleistungssektors mit seinen vielen kleinen Betrieben – aber auch die Auslagerung von Leistungen an externe Auftragnehmer. „Mit großen Unternehmen können wir gut verhandeln“, sagt Hoffmann. Je kleiner der Betrieb, desto schwerer die Auseinandersetzung. Das ist so eine Faustregel, die den Gewerkschaftern Kopfschmerzen bereitet.

Betroffen seien Kleinstgewerbe, Handwerker oder Friseure. Aber auch Mitarbeiter von Nachmittagsbetreuung in der Schule zum Beispiel, die häufig für externe Träger arbeiten. „Viele von ihnen sind nicht in einer Gewerkschaft“, sagt Hoffmann, hätten keinen Betriebsrat, seien schlecht organisiert. „An sie heranzukommen ist nicht leicht.“

An Problemen mangele es indes nicht. Sie seien von Branche zu Branche, von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich, sagt Hoffmann. Aber es gibt Schnittmengen, auch über das klassische Thema Tarifvertrag hinaus. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist zum Beispiel so ein Thema, das viele Arbeitnehmer im Kreis betreffe, Chancen- und Gehaltsgleichheit für Mann und Frau ebenso wie das sogenannte mobile Arbeiten.

Ständige Erreichbarkeit durch Diensthandys- und Notebooks

„Vor 20 Jahren“, sagt Jörn Behrens, IG-Metaller und aktiver Betriebsrat, „sind Arbeiter ganz normal in die Firma gegangen, waren nach Feierabend nicht mehr erreichbar“. Heute gibt es Diensthandys und -Notebooks, mit denen sich Anrufe und E-Mails zu Tag- und Nachtzeiten entgegennehmen lassen – und die Möglichkeit, ständig auf sie zu reagieren. „Die Chefs locken mit Freiheit und größerer Verantwortung“, sagt Behrens. „Die Arbeitnehmer arbeiten dann auch zu Hause noch unentgeltlich weiter. Nach dem Motto: Ich bin wichtig, ich muss das noch regeln.“

Prinzipiell sei eine solche „beteiligungsorientierte Unternehmenskultur“ gar nicht verkehrt, sagt Juliane Hoffmann. „Die Frage ist nur, unter welchen Bedingungen.“ Gleiches gelte für die Situation von Freiberuflern und Selbstständigen. „Es muss einen Mehrwert für den Dienstleister und das Unternehmen geben“, sagt Hoffmann. Und: „Dieses Verhältnis gerät leider oft ins Wanken.“

Für Andreas Guhr, Vize des DGB-Kreisverbands Stormarn, ist das ein Trend, der noch weiter anhalten wird. „Der Mensch neigt dazu, sich selbst auszubeuten, Unternehmen wissen das“, sagt Guhr. Seit 1997 ist er bei der IG-Metall, engagierte sich viele Jahre lang auch als Betriebsrat. Die Arbeit beim Kreisverband des DGB ist ein Ehrenamt im Ruhestand.

Besonders prekär ist für Guhr das Thema Leiharbeit: „Das ist so als ob sie ein Auto leihen, nur, dass die Betriebe das mit Menschen machen. So brutal muss man das sehen.“ Durch kurzzeitige Beschäftigungen gerieten Menschen auch im reichen Kreis Stormarn regelmäßig in eine Abwärtsspirale, sagt Guhr: „Die führt letztlich zur Erwerbslosigkeit und dann in die Armut.“

Altersvorsorge bleibe bei jungen Menschen Nebensache

Neue Arbeitsformen werden aus Sicht der Stormarner Gewerkschafter besonders in Zukunft noch zu erheblichen Problemen führen. „Gerade junge Menschen, die in Werkverträgen oder freiberuflich in Projekten arbeiten, kümmern sich nicht um ihre Altersvorsorge“, sagt Jörn Behrens. Überhaupt Arbeit zu finden, sei erst mal so wichtig, dass alles andere vergessen werde.

Dabei seien gewerkschaftlich erkämpfte Löhne so wichtig, sagt Andreas Guhr. „Meine Gehaltsstruktur ist über den Tarifvertrag gesichert: Urlaub, Weihnachtsgeld, Sonntagszuschläge.“ Guhr: „Diese Sicherheit haben Gewerkschafter erkämpft. Viele Menschen nehmen das für selbstverständlich.“

Die Botschaft der Gewerkschafter ist also klar: Engagiert euch, in der Gewerkschaft, im Betrieb. „Es muss ja nicht gleich ein Ehrenamt sein oder ein Platz im Betriebsrat“, sagt Andreas Guhr. Auch Juliane Hoffmann blickt mit Sorge, vor allem aber auch mit Tatendrang in die Zukunft. „Ich freue mich, wenn wir als Dachverband die Themen in den Gewerkschaften vor der Politik vertreten können – nicht nur in Berlin und Brüssel – sondern auch vor Ort.“

Der DGB will auch in der Kreispolitik mitreden

Als Lobby-Verband der Gewerkschaften ist der DGB vor allem mit bundespolitischen Themen befasst, zuletzt mit dem Entgelttransparenzgesetz, das Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern seit Anfang des Jahres durch individuellen Auskunftsanspruch ermöglichen soll, gleiches Entgelt für Männer und Frauen zu erreichen.

Der DGB mischt zudem bei Kommunal-, Kreis- und Landespolitik mit: Etwa beim neuen Landes-Vergabegesetz von Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP). Mit öffentlichen Appellen oder in Diskussionsrunden, wie jüngst vor der Kommunalwahl in Bad Oldesloe. „Es ist ein mühsames Geschäft“, sagt Andreas Guhr. „Aber es nützt ja nichts: Steter Tropfen höhlt den Stein.“