Stormarn
Ehrenamt

Was Flüchtlingshelfer bei ihrer Arbeit erleben

Ein Auto für 2500 Euro? Hartmut Jokisch (l) und Gerd Ahrens beraten Khalid Al-ammari bei Suche nach einem Pkw, den er für die Arbeit braucht

Ein Auto für 2500 Euro? Hartmut Jokisch (l) und Gerd Ahrens beraten Khalid Al-ammari bei Suche nach einem Pkw, den er für die Arbeit braucht

Foto: Sebastian Knorr

Ehrenamtler in Stormarn sorgen sich seit Jahren um das Thema Integration. Ein Besuch im Kaktus in Bad Oldesloe und in Bargteheide.

Bad Oldesloe.  „Die Mühe lohnt sich“, sagt Hans-Detlev Grader voller Überzeugung. Er freut sich, wenn er von dem 18 Jahre jungen Mann erzählt, der vor drei Jahren aus Afghanistan nach Bargteheide kam und in sein Leben trat. „Er sprach kein Wort Deutsch, heute versteht er alles. Er hat seinen Vater verloren, jetzt ist er der Chef der Familie. Er spielt im Verein Handball und bewirbt sich um ein weiteres Schuljahr, damit er größere Chancen bei einer Ausbildung hat.“ Das motiviere ihn, sagt Grader. Er ist ehrenamtlich im Vorstand des Bargteheider Integrationsvereins Bunte Vielfalt tätig. Der Erfolg seines Schützlings, irgendwie ist das auch sein Erfolg. So kann das gehen. Grader hat das auch anders erlebt. Er sagt: „Die jungen Menschen sind unsere große Chance.“

Nahezu in jeder Kommune im Kreis gibt es seit einigen Jahren Gruppen , die sich um die Integration der vielen Menschen aus Kriegs- und Krisenregionen kümmern. Ehrenamtlich, mit viel Zeit – mit Hoffnung, aber auch mit Frust. Und mit einem überraschend hohen Einsatz, Professionalitäts- und Organisationsgrad. Kein Wunder: Die meisten hier haben schon ein ganzes Berufsleben hinter sich. So wie der Oldesloer Hartmut Jokisch, 74 Jahre alt, Stadtverordneter für die Grünen, pensionierter Schulleiter, Doktor der Physik und jeden Sonnabend von 10 bis 12 Uhr Flüchtlingshelfer im Kaktus an der Hindenburgstraße 25. Es ist der interkulturelle Treffpunkt in der Oldesloer Innenstadt.

Flüchtling muss für Job erst einmal Auto kaufen

Der Kaktus ist Anlaufstelle für Geflüchtete. Vorn ist ein offenes Ladenlokal mit Tisch und Stühlen eingerichtet, im Hinterzimmer ein Seminarraum für Deutschunterricht. Drei Computer stehen hier. Und ein Drucker. An sechs Tagen in der Woche ist der Laden immer vormittags geöffnet, abends wird regelmäßig die deutsche Sprache gelehrt. „Viele Flüchtlinge denken, dass das hier eine offizielle Behörde ist“, sagt Jokisch.

Offiziell sind, wenn man so will, aber nur der Telefon- und der Internetanschluss. Den habe die Stadt übernommen, Miete und Nebenkosten werden durch Spenden finanziert. Am heutigen Sonnabend ist es ruhig im Kaktus, einziger Besucher mit einem Problem ist Khalid Al-ammari (38), der ursprünglich aus dem Jemen stammt. Al-ammari hat einen Job gefunden, fährt jetzt Briefe und Zeitungen in Bad Oldesloe und Umgebung aus. Im Jemen habe er Wirtschaft studiert. Jetzt muss er binnen weniger Tage ein eigenes Auto kaufen, einen Firmenwagen stelle sein Arbeitgeber nicht. Dafür springt das Jobcenter mit 2500 Euro ein.

Schwierigkeiten gibt es bei der Terminabsprache

Al-ammari hat sich schon schlau gemacht, weiß was eine TÜV-Untersuchung ist. Dass Diesel günstiger ist als Benzin – zumindest an der Tankstelle. Auf seinem Handydisplay leuchten mehrere Gebrauchtwagenangebote auf. Ein alter Diesel von Skoda etwa, der 165.000 Kilometer auf dem Buckel hat. „Das ist zu viel“, sagt Gerd Ahrens (74), der im Kaktus unter anderem Deutsch unterrichtet. „Außerdem kommst du damit über kurz oder lang nicht mehr in die Großstädte.“ Er habe nur 2500 Euro, sagt Al-ammari. Was habe er für eine Wahl? Wo kaufen? Wie verhandeln? Jokisch und Al-ammari verabreden sich für 12.15 Uhr für einen Ausflug zur Hamburger Straße, an der mehrere Autohändler ansässig sind. „Die Flüchtlinge werden häufig übers Ohr gehauen“, sagt Jokisch, als Al-ammari den Kaktus wieder verlassen hat. Besonders bei Handy- und Internetverträgen. Eine andere Helferin berichtet von einem „sehr teuren“ Führerschein.

Jokisch und Kollegen kümmern sich in ihrem Laden um diejenigen, die kommen, die Hilfe suchen . Alle seien das nicht. Die Oldesloer Ehrenamtler beklagen sich über eine hauptamtliche Betreuungslücke, die am Mittwoch auch Thema im Sozialausschuss sein wird. „Nach einem positiven Asylbescheid endet die Zuständigkeit der öffentlichen Stellen“, sagt Hartmut Jokisch. Die Probleme in der neuen Heimat fingen dann aber häufig erst an.

Schwierigkeiten unter Ehrenamtlern und Flüchtlingen gebe es auch. Zum Beispiel bei der Terminabsprache. „Man weiß nie, woran das liegt“, sagt Andreas Schöppl, der sich auch im Kaktus engagiert. Von einem Flüchtling, der seinen Vater im Krieg verloren habe, habe Schöppl erfahren, dass er es manchmal in seiner Trauer nicht schaffe, in die Stadt zu kommen. „Es ist Wahnsinn, was der Mensch erlebt hat.“

Helfer sehen Probleme vor allem bei älteren Menschen

Wie der Kaktus in Bad Oldesloe ist auch die wöchentlich geöffnete Teestube in Bargteheide längst zu einer festen Institution für nachbarschaftliche Hilfe geworden. Rund 20 Besucher kamen am vergangenen Mittwoch. Wenn Ramadan ist, wie heute, sei das Café immer etwas leerer, sagt ein Flüchtlingshelfer, der am Eingang steht. Kaffee, Kekse und Obst stehen auf dem Tisch, Menschen unterhalten sich über dies und das – vor allem aber über Hausaufgaben, Bewerbungsunterlagen und offizielle Schreiben.

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Probleme hätten vor allem ältere Migranten, sagt Hans-Detlev Grader. Kinder und Jugendliche lernten die neue Sprache schneller, finden in Schule und Kindergarten Kontakte, kämen auch ohne viel Hilfe zurecht. „Sie sind die große Chance.“