Nachwuchsmusiker

Bad Oldesloe: Kammeroper fesselnd neu inszeniert

| Lesedauer: 3 Minuten
Elvira Nickmann
Der Erzähler (Eungdae Han, l.) beobachtet, wie das Geschehen um Lucretia (Annemarie Wolf) und Tarquinius (Hussain Atfah) unheilvoll voranschreitet

Der Erzähler (Eungdae Han, l.) beobachtet, wie das Geschehen um Lucretia (Annemarie Wolf) und Tarquinius (Hussain Atfah) unheilvoll voranschreitet

Foto: Elvira Nickmann / HA

Kritik der Woche: Studierende der Musikhochschule Lübeck demonstrierten in „The Rape Of Lucretia“ großes Potenzial und Hingabe.

Bad Oldesloe.  Sie waren die Stars bei der Premiere von Benjamin Brittens Kammeroper „The Rape Of Lucretia“, die am Freitag im Oldesloer Kultur und Bildungszentrum (KuB) aufgeführt wurde: Die Gesangsstudierenden der Musikhochschule Lübeck (MHL), verstärkt durch ebenso junge Musiker des MHL-Kammerorchesters. Die ungewöhnliche, aber einfallsreiche Platzierung von Blasinstrumenten auf der einen und Saiteninstrumenten inklusive Harfe auf der anderen Seite des Saals vermittelte den Zuschauern das ungewohnte Gefühl, mitten im Geschehen zu sitzen. Auf der Bühne im Hintergrund das Schlagwerk, im Vordergrund ein Kreis aus Stühlen, ein paar Blumen, sonst nichts.

Ausgerechnet die Kammeroper „The Rape Of Lucretia“ von Benjamin Britten sollte es sein, die hohe Ansprüche an körperliche Belastbarkeit, darstellerische Leistung und stimmliches Können stellt. Ein Wagnis und eine Herausforderung für ein so junges Ensemble und die Frage des Abends, ob es ihm gelingen würde, diese zu meistern.

Stück wurde geschrieben, um auf Gastspiel zu gehen

In seiner Inszenierung stellte der renommierte Regisseur Anthony Pilavachi seine Lust am Experimentieren unter Beweis. Er entstaubte den Britten-Stoff mit Erfolg und verpasste ihm einen deutlich aktuellen Bezug zur Me-too-Kampagne. Musikalisch bleibe die Kammeroper jedoch unverändert, betonte der Regisseur. Die meisten Sänger befinden sich im zweiten oder dritten Studienjahr, für viele ist es das erste komplette Stück – und für einige sogar eine Prüfungsleistung, beurteilt von einer Kommission, die mit im Publikum saß. „Ich habe sie nicht geschont“, sagt Pilavachi.

Mit sichtbarem Erfolg: Von Anspannung bekam das Publikum nichts mit. Erstaunlich, mit welcher Professionalität und vor allem Intensität die Sänger in ihren jeweiligen Rollen aufgingen. Reife Leistung lieferten männlicher und weiblicher Chor (Eungdae Han, Bass, und Sopranistin Dorothee Bienert) ab, die als Erzähler das Geschehen auf der Bühne aus verschiedenen Blickwinkeln kommentierten. Mitleidend die eine, spöttisch-distanziert auf die menschliche Natur blickend der andere.

Ensemble übertrifft Erwartungen des Regisseurs

Ganz groß Annemarie Wolfs beklemmend realistische und körperlich hoch anstrengende Darstellung der Lucretia, die von Tarquinius (Hussain Atfah) vergewaltigt wird und sich später vor Scham erdolcht. Es gelang dem Ensemble, die bedrohliche Atmosphäre fühlbar bis in den Saal zu transportieren und die Zuschauer mit Gesang und Spiel von Anfang bis Ende in atemloser Spannung zu halten. Dank eines minimalistischen Bühnenbildes und eines sparsamen, aber effektiven Einsatzes von Requisiten lenkte nichts von den hinreißenden gesanglichen Leistungen und der glänzenden Darstellung ab.

Das Publikum war begeistert. Geklatscht wurde, bis die Hände weh taten. Wer die Oper in Bad Oldesloe verpasst hat: Der Weg nach Lübeck lohnt.

Kammeroper So 24.6., 17 Uhr, Großer Saal der Musikhochschule Lübeck, Große Petersgrube 21, Karte 14/19 Euro (ermäßigt 8/12 Euro), Vvk. unter luebeck-ticket.de

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