Stormarn
Bargteheide

Wir sind zu wenige! Notruf der Flüchtlingshelfer

Wöchentlich kommen Flüchtlinge und Helfer vom Verein Bunte Vielfalt in Bargteheide zusammen. Mit dabei: Margit Hegenbart-Hermann (l.)

Wöchentlich kommen Flüchtlinge und Helfer vom Verein Bunte Vielfalt in Bargteheide zusammen. Mit dabei: Margit Hegenbart-Hermann (l.)

Foto: Sebastian Knorr

Ehrenamtler klagen über abnehmendes Interesse und Engagement bei Stormarnern und berichten auch über Enttäuschungen bei ihrer Arbeit.

Bargteheide.  Das hätte der Verein Bunte Vielfalt in Bargteheide so nicht erwartet: Von ursprünglich 340 Ehrenamtlern, die sich um Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten in Stadt und Umland kümmerten, ist heute nur noch etwa ein Sechstel aktiv – 50 Menschen, die Geflüchtete bei ihren Bemühungen unterstützen, in Deutschland Fuß zu fassen. Flüchtlingshelfer aus Ahrensburg, Bad Oldesloe und Reinbek klagen über ähnliche Entwicklungen. Die Hilfsbereitschaft nehme ab. Dabei sei Hilfe gerade jetzt dringend notwendig.

Integration beginnt jetzt erst richtig und braucht Ehrenamt

Margit Hegenbart-Hermann ist Vorsitzende des Vereins Bunte Vielfalt, der Anfang 2016 auf Anregung der Stadt und des Amtes Bargteheide gegründet wurde, um das Ehrenamt zu bündeln. „Die Integration beginnt jetzt erst richtig“, sagt sie. Zwar kommen heute weniger Geflüchtete (siehe Textende). Hilfe bräuchten aber auch jene, die in Deutschland bleiben können. Diejenigen, die Asyl bekommen haben, sich jetzt um einen Arbeitsplatz bemühen, um eine Ausbildung, eine Wohnung , um Schulabschlüsse und Einbürgerungstests – um eine Perspektive für ihre Zukunft in Deutschland. „Die Menschen brauchen uns.“

Die Arbeit der Flüchtlingshelfer hat sich also gewandelt, auch beim Freundeskreis für Flüchtlinge in Ahrensburg. Isabel Schmidtke ist dort Kassenwartin und sitzt gerade am Telefon im Büro des Freundeskreises an der Rudolf-Kinau-Straße. Wie viele Mitglieder der Freundeskreis noch hat, sei schwer zu sagen, sagt Schmidtke. Aber Mitgliederschwund gebe es auch hier. Warum? „Das Thema ist nicht mehr so präsent in den Medien. Die erste Anpackwelle ist durch, die zweite muss jetzt kommen.“

In Glinde ist nur noch eine Handvoll Flüchlingshelfer aktiv

Im Jahr 2015, am Scheitelpunkt der sogenannten Flüchtlingskrise, war die Euphorie im Land groß. Viele Menschen opferten ihre Freizeit, halfen mit enormer Motivation und individuellen Stärken – spendeten Kleidung und Alltagsutensilien. Nicht selten gab es sogar ein Überangebot an Unterstützung.

Ende 2013 war der Verein Flüchtlingshilfe Glinde gegründet worden. „Wir hatten in besten Zeiten um die 70 Mitglieder“, sagt Vorsitzender Hans-Christian Nicken. Auf dem Papier seien es noch heute 50 Ehrenamtler. Aktiv sei aber nur noch eine Handvoll. Ähnliches berichtet Roderich Ziehm von der Flüchtlingsinitiative Reinbek: „Wir haben viel zu wenig Sprachpaten.“ Das Interesse habe „deutlich abgenommen“.

Für Spracherwerb gibt es inzwischen ein Kursangebot

Auch Flüchtlingshelfer aus Ammersbek würden sich über neue Helfer freuen. Dramatisch sei die Situation nicht, so Holger Lehmann. „Es wird ruhiger, aber der Bedarf hat eben auch abgenommen.“ Eine der Kleiderkammern, die der Freundeskreis im Ort geöffnet hat, werde deshalb geschlossen.

Wie Lehmann schätzt auch Albrecht Werner von den „Reinfelder Bürgern für Menschen im Asyl“ die Situation ein. „Wir sind nie so eine große Gruppe gewesen“, sagt er, „maximal 60 bis 70 Personen.“ Aktiv seien heute noch etwa 20 bis 40 Ehrenamtler, der „harte Kern“ – der reiche in der Regel aber auch aus, um den Bedarf in Reinfeld zu decken. Nachgelassen habe besonders der Sprachunterricht. „Dafür gibt es mittlerweile offizielle Kurse“, sagt Werner. Falls es wieder mehr Bedarf gebe, stünden Ehrenamtler bereit.

Aber auch ein anderes Thema sprechen Flüchtlingshelfer offen an: Dass nicht jeder, der in Deutschland Schutz vor Krieg oder Verfolgung sucht, auch ein guter Mensch sei. „Es gab immer wieder auch Frust auf beiden Seiten“, sagt Margit Hegenbart-Hermann. Dann, wenn Geflüchtete zu viel gefordert oder zu wenig selbst geleistet hätten.

Helfer haben auch unschöne Erfahrungen gemacht

Besonders bei Terminabsprachen seien die kulturellen Unterschiede deutlich spürbar, sagt etwa Andreas Schöppl, der sich beim „Kaktus“ engagiert, dem interkulturellen Treffpunkt in der Oldesloer Innenstadt. In einigen Fällen habe das auch zu nachlassendem Engagement geführt.

Ein anderes Thema sei der Faktor Zeit. Wer mit Flüchtlingshelfern im Kreis spricht, hört immer wieder den Begriff „Vollzeitjob“ – so etwas schrecke einige ehrenamtlich Aktiven ab. Dabei seien die Aufgaben in diesem Bereich vielfältig, ebenso die Einsatzmöglichkeiten. Nicht jeder müsse gleich eine zeitintensive Patenschaft übernehmen. Auch eine Stunde Deutschunterricht in der Woche bewirke viel, ein Schwimmtraining oder eine Stunde Hilfe im Integrations-Café.

Große Enttäuschungen, von denen die Flüchtlingshelfer berichten, habe es auch immer dann gegeben, wenn Freundschaften durch einen negative Asylbescheid getrennt wurden. „Wer das erlebt hat, übernimmt keine Patenschaft mehr“, sagt Margit Hegenbart-Hermann vom Verein Bunte Vielfalt.

Bei aller Not und allem Frust, der Hilferuf der Flüchtlingshelfer ist auch mit einer positiven Botschaft verbunden: Es kann funktionieren, wenn sich ausreichend viele engagieren.

In unserer Dienstag-Ausgabe berichten Flüchtlingshelfer von ihrem Alltag. Und Sie erfahren, wie Sie die Vereine erreichen können.