Stormarn
Historie

Die geheimnisvolle Gruft von der Sülfelder Kirche

Sülfelds Pastor Steffen Paar vor der Grabplatte, unter der die verfüllte Gruft direkt neben der Kirche liegt

Sülfelds Pastor Steffen Paar vor der Grabplatte, unter der die verfüllte Gruft direkt neben der Kirche liegt

Foto: Frank Knittermeier / HA

Viele kleine und große Ereignisse sind im Laufe der Jahrzehnte in Vergessenheit geraten. Das Abendblatt hat sich auf Spurensuche begeben

Herkömmliche Friedhöfe sind vom Aussterben bedroht: Anonyme Urnengräber, Waldbestattungen und sonstige Formen der Bestattungen sind heute gefragt. Wer spricht da noch von einer Gruft? Gruftbestattungen kommen in Deutschland mittlerweile nur noch selten vor, in romanischen Ländern hingegen häufiger. Es sind ja auch strenge Vorschriften zu beachten: Die Verwendung von Metallsärgen, von Holzsärgen mit Zinkeinsätzen oder von abgedichteten Steinsarkophagen ist vorgeschrieben. In einigen Ländern müssen die Leichname einbalsamiert werden. Das war früher offenbar nicht immer so: Etliche Schüler der Sülfelder Volksschule bekamen im Frühsommer 1965 einen Eindruck, wie es in einer Gruft aussieht, die nach knapp 130 Jahren plötzlich und versehentlich geöffnet wird. Die Gruft auf dem Sülfelder Kirchhof gibt es noch heute. Allerdings kann sie nicht mehr betreten oder eingesehen werden.

An dem besagten Frühsommertag vor 53 Jahren war der Friedhofsgärtner beim Mähen des Rasens auf dem Kirchhof rechts neben dem Kirchturm mit seinen Gerätschaften plötzlich eingebrochen. Die Rasenoberfläche gab nach, und der Gärtner hing mit seinen Beinen in einem Erdloch. Wie sich herausstellte, befand sich exakt unter dieser Stelle eine bis dahin unbekannte Gruft, deren unterirdisches Gewölbe plötzlich nachgab. Der zu Tode erschrockene Friedhofsgärtner verschwand nicht ganz im Erdreich. Er kam mit Mühe wieder aus dem Loch heraus und schlug Alarm.

Nach der Bestattung wurde die Gruftöffnung zugemauert

Das Ereignis sorgte sofort für Aufsehen im Dorf. An der Volksschule wurde an diesem Vormittag sogar der Unterricht unterbrochen, damit die Schüler zum Kirchhof eilen konnten, um sich dort anzusehen, was passiert war. Da die Sommerferien unmittelbar bevorstanden, drückten die Lehrkräfte offenbar ein Auge zu und schickten die Schüler zum „lebendigen“ Unterricht auf den Friedhof. Unter ihnen war auch Ulrich Bärwald, der heute als ehrenamtlicher Archivar der Gemeinde Sülfeld und der Kirche tätig ist. Er bekam auf diese Weise einen anschaulichen Geschichtsunterricht, der sich dann später auch in seinen Aufzeichnungen niederschlug.

Was fanden die Schüler damals vor? Die Untersuchung der spektakulären Fundstelle im Ortskern an der Kirche ergab eine mit Ziegelsteinen fein säuberlich aufgemauerte großräumige Gruft. Sie war so groß, dass eine Person darin stehen konnte. Die Gruft hatte, das war deutlich zu sehen, eine Türöffnung in normaler Größe, damit der Sarg hinein transportiert werden konnte. Nach der Bestattung aber war die Öffnung zugemauert worden.

Durch das jetzt vom Friedhofsgärtner zufällig eingetretene Loch konnten die Schüler einen einzelnen eingefallenen Holzsarg mit einem Leichnam erkennen.

Lehrer Carl Holz untersuchte Sarg und Leiche genauer und vermerkte später in der Schulchronik, dass im Haar ein Kamm zu erkennen gewesen sei. Also folgerte er, dass hier irgendwann eine Frau bestattet worden war. Ein Lederschild auf dem eingefallenen Sargdeckel brachte schließlich Licht in das Dunkel der Gruft.

Maria Rosberg war die Frau des Gutsverwalters

Bei der Toten handelte sich um Anna Maria Rosberg, die 1837 bestattet worden war. Diese auch für die damalige Zeit aufwendige Bestattung verdankte die Tote der Tatsache, dass ihr Ehemann Verwalter auf Gut Borstel unter Josef Graf von Baudissin war. Aus der Borsteler Gutschronik geht hervor, dass beide erst zwei Jahre zuvor geheiratet hatten. Die Tote war 1788 geboren und zwischendurch einmal verwitwet. Zum Zeitpunkt ihres Todes war sie also erst 49 Jahre alt.

„Etwas Gruseliges hatte dieser Ausflug auf den Friedhof schon“, erinnert sich Ulrich Bärwald heute. Um den Grusel nicht auf die Spitze zu treiben, wurde die Gruft nach der Inspektion schnell mit Kies verfüllt und wieder endgültig verschlossen, um der Toten die ewige Ruhe zurückzugeben. Heute ist die Gruft mit einer alten Grabplatte im Rasen abgedeckt. Ein altes schmiedeeisernes Gitter umgrenzt den Ort der Gruft.

Bestattungsplatz für höhergestellte Menschen

Die Sülfelder Kirche selbst diente lange als Bestattungsplatz für höhergestellte Menschen aus der Umgebung. Im früheren Beinhaus links am Kirchturm waren über Jahrzehnte die Särge des Hauses Baudissin, Besitzer des Gutes Borstel im Zeitraum von 1838 bis 1930, aufgestellt. Mitte bis Ende der 1960er-Jahre erfolgte die Erdbestattung dieser Särge. Die sanierte Gruft diente dann mehr als 30 Jahre lang als Lagerraum, bis sie zu Beginn der 1990er-Jahre abgerissen wurde.

Im Kirchenanbau zum Pastorat waren die Särge der Familie von Bethmann Hollweg, Besitzers des Gutes Jersbek, aufgestellt. Auch sie wurden vor etwa 25 Jahren einer nachträglichen Erdbestattung zugeführt. Im Gruftanbau rechts vom Altar waren die Särge aus dem Hause Borstel aufgestellt. Sie wurden später dort im Boden versenkt. Bei der grundlegenden Sanierung der Kirche fand man weitere Zeugnisse von Bestattungen im Kirchenschiff – vorwiegend wohl von Predigern an der Sülfelder Kirche. Diese Grabstellen blieben dort und wurden mit dem neuen Fliesenbelag abgedeckt.