Stormarn
Prozess-Auftakt

Axt-Mord in Reinbek: Beschuldigter schweigt vor Gericht

Der Vorsitzende Richter Christian Singelmann (M) eröffnet das Verfahren gegen einen 32 Jahre alten Mann, der seinen Stiefvater mit einer Axt erschlagen haben soll.

Der Vorsitzende Richter Christian Singelmann (M) eröffnet das Verfahren gegen einen 32 Jahre alten Mann, der seinen Stiefvater mit einer Axt erschlagen haben soll.

Foto: Carsten Rehder / dpa

Der Mann, der seinen Stiefvater erschlagen haben soll, gilt als schuldunfähig. Im Gericht trifft er erstmals seit der Tat auf seine Mutter.

Lübeck/Reinbek.  Das dunkelblonde Haar wirkt ungepflegt. Fettige Strähnen fallen in sein Gesicht. Doch sie können nicht den Hass in seinen Augen verbergen, mit dem er seine Mutter anschaut, als diese den Gerichtssaal betritt. Doch die Frau mit den dichten grau-blonden Locken und dem dunkelrot geschminkten Lippen empfindet offensichtlich nur Mitleid. Ihr Sohn Felix B. wird in Handschellen in den Saal geführt. Um seine Taille ist ein breiter Ledergurt geschnallt. Mit Ketten sind seine Arme daran fixiert. Die Jeans, die der hagere Mann trägt, ist mindestens zwei Nummern zu groß.

Ist dieser Mann, der auf den ersten Blick verwahrlost wirkt, ein gefährlicher Mörder? Eine Antwort auf diese Frage versucht jetzt das Landgericht in Lübeck zu finden. Die Staatsanwaltschaft wirft Felix B. vor, im August 2017 seinen Stiefvater mit einer Axt erschlagen zu haben. Es war ein warmer Sommertag, den das 65 Jahre alte Opfer in seinem Garten in Reinbek verbrachte. Vermutlich bemerkte der Mann nicht, dass sich jemand von hinten näherte. Mit der scharfen Seite des Beils schlug der Mörder auf den Hinterkopf.

Der Reinbeker fällt zu Boden, 13 weitere Male rammt der Angreifer das Beil in den Kopf. So rekonstruiert die Staatsanwältin die grausige Tat. „Sein Schädel und das Gehirn wurden zertrümmert. Der Mann starb noch vor Ort.“ Doch der Täter, der offenbar im Wahn gehandelt hat, gilt als schuldunfähig. Ärzte haben bei Felix B. eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert.

Deswegen wird Felix B. auch nicht vor Gericht angeklagt. Ziel des sogenannten Sicherungsverfahrens ist, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob B. für sich und andere Menschen eine Gefahr darstellt und in eine geschlossene Psychiatrie muss.

Die Leiche wurde mit Blättern und Zweigen bedeckt

Dafür will das Gericht zunächst klären, ob der gebürtige Berliner tatsächlich für die Tat verantwortlich ist. B. schweigt zu dem Vorwurf. Doch seine Mutter ist sich sicher: Felix B. hat ihren Ehemann getötet. Sie ist in diesem Unterbringungsverfahren Nebenklägerin und sitzt ihrem Sohn im Saal gegenüber.

Sie hatte am Tattag, dem 17. August, morgens das Haus verlassen. Als sie gegen 19.10 Uhr wieder zurückkehrt, findet sie den leblosen Körper ihres Ehemanns im Garten. Er ist mit Blättern und Zweigen bedeckt. Das Beil liegt neben der Leiche. Die Frau läuft hilfesuchend zu den Nachbarn, wird später im Polizeibericht zu lesen sein. Gegenüber den ersten Beamten vor Ort sagt sie: „Suchen Sie nach meinem Sohn, er ist der Täter.“

Seine erste Aussage macht ihn verdächtig

Doch erst am späten Abend des darauffolgenden Tages nehmen Hamburger Zielfahnder Felix B. fest. „Wir haben Hinweise bekommen, dass er sich am Allermöher See aufhält“, erinnert sich der Beamte, der am Freitag vor Gericht als Zeuge aussagt. „Ich habe dort die Badeaufsicht gefragt, ob ihr in den vergangenen Tagen etwas Merkwürdiges aufgefallen ist“, so der Polizist. Sofort habe der Rettungsschwimmer von einem Mann im Anzug berichtet, groß, hager, der die vergangenen Tage am See vor sich hin murmelnd auf und ab lief. Gegen 22 Uhr wird Felix B. in einem Pavillon unweit des Sees festgenommen. „Ich schrie: ,Auf die Knie, Hände hoch’“, sagt der Ziel- und Personenfahnder. Und er berichtet, dass B. sich widerstandlos festnehmen ließ.

Der Polizist erklärt B., dass er Beschuldigter eines Tötungsdeliktes ist. „Er antwortete, dass er niemanden totgeschlagen habe“, erinnert sich der Beamte. „Das war auffällig, weil ich nicht gesagt hatte, wie das Opfer starb.“ Merkwürdig sei auch gewesen, dass er sich als „Felix Mikrob“ ausgegeben habe, sagt der Polizist. B. habe in dieser Situation abwesend gewirkt.

Auch ein Ermittler der Lübecker Mordkommission, der B. am nächsten Tag vernommen hatte, berichtet dem Gericht, B. habe gesagt, sein richtiger Name sei Felix Mikrob. Als er 13 Jahre alt war, habe ihn die Frau, die sich als seine Mutter ausgibt, entführt. „Sie war eine Leihmutter und er hätte in Jerusalem geboren werden sollen“, zitiert der Beamte. B. habe ihn aufgefordert, die israelische Botschaft über die Verhaftung zu informieren.

Ein Leben mit Cannabis und Alkohol

Obwohl diese Geschichte für Ausstehende wirr wirkt, sagt der Polizist, B. habe strukturiert geantwortet, keine Ausfälle gehabt und sehr sortiert gewirkt. „Er ist sehr intelligent“, so die Einschätzung des Beamten, dem B. seine Lebensgeschichte erzählt hat.

Als B. sieben Jahre alt ist, zieht er mit seiner Mutter und seiner Schwester nach Elmshorn. Zunächst hat er Probleme in der Schule, muss diese wechseln und macht einen Hauptschulabschluss. Doch dann besucht er die Handelsschule, macht seine mittlere Reife und geht zur Bundeswehr.

Danach sucht er sich eine Wohnung in Berlin, macht dort eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker, die er 2010 abschließt. Doch Felix B. ist zielstrebig. Er macht an der Abendschule sein Fachabitur und studiert Sicherheitsmanagement. Es scheint ein gewöhnlicher Werdegang zu sein, der jedoch von jahrelangem Cannabis- und Alkoholkonsum getrübt wird. Während des Studiums gerät sein Leben aus den Fugen. B. sieht in seinen Kommilitonen Scientologen. Im sechsten Semester bricht er ab. Auch seine Mutter, ihr Mann und seine Schwester sind in seinen Augen Mitglieder der Sekte und deswegen bricht er den Kontakt zu ihnen ab. Wegen einer Psychose wird Felix B. in der Charité behandelt. Doch die Ärzte können dem seelisch erkrankten Mann nicht helfen. Er verlässt Berlin. „Er sagte, er musste sich vor der Zersetzungsmaschinerie der Scientologen, die seit 2016 auf Hochtouren gegen ihn läuft, in Sicherheit bringen“, sagt der Ermittler. B. fährt mit lediglich fünf Euro in der Tasche und ohne Ticket im August 2017 nach Hamburg, um alte Bekannte zu treffen. Er lebt am Allermöher See, wäscht darin seine Klamotten, schläft in einem Torbogen.

In Reinbek will er aber nie gewesen sein. Auch als die Ermittler der Polizei ihm Bilder einer Überwachungskamera, die ihn nach der Tat am Reinbeker Bahnhof zeigen, bestreitet er dies. Der Ermittler: „Er sagte, er habe nichts mit der Tat zu tun.“

Am nächsten Verhandlungstag, dem 1. März, werden weitere Zeugen vernommen.