Stormarns Theatermacher

Eine Bühne, auf der junge Ahrensburger ausprobieren

| Lesedauer: 5 Minuten
Sebastian Knorr
Fynn (r.) spielt in „Die ersten Boatpeople“ einen Teufel im Frack

Fynn (r.) spielt in „Die ersten Boatpeople“ einen Teufel im Frack

Foto: Sebastian Knorr / HA

In der Serie Stormarns Theatermacher treffen wir Menschen vor und hinter der Bühne. Heute: das Junge Theater im Marstall.

Ahrensburg.  „Salud!“ ruft Fynn mit erhobenem Hand ins Podium. Im Namen „unseres mächtigen Herrn Luzifers“ heiße er uns „fromme Weibsbilder“ und „edle Mannespersonen“ willkommen. Und der kleine Mann – Frack, Schärpe und Hose in einer Nummer zu groß – fährt mit noch festerer Stimme fort, empfängt das Publikum in der „illustren Welt der Sklaverei“. Eine Welt sei das, „in der die Grausamkeit der Rasse Mensch geschürt durch Habsucht und Berechnung ihresgleichen nicht kennt“.

Hinter dem elf Jahre alten Schauspieler, der im echten Leben irgendwie eher total süß wirkt als fiese und finster, stehen zwei weitere Nachwuchskünstler, die das Geschehen mit kaltem Blick taxieren. Einer von ihnen ist mit Tropenhut und Springerstiefeln gerüstet. Der andere zeigt seine Überlegenheit durch feine Nadelstreifen. Vor ihnen liegen zwei Mädchen, die auf dem Boot die Rolle der Sklaven übernommen haben.

Eine andere Perspektive auf ernste Themen

Ein ernstes Thema also, dem sich das Junge Theater im Marstall mit der Inszenierung „Die ersten Boatpoeple“ angenommen hat. Eine Überforderung für die Crew im Alter von elf bis 18 Jahren sei das Stück aber nicht, sagt Regisseurin Angela Deininger-Schrader, die seit 2008 das Junge Theater Marstall und die Junge Schauspielschule leitet. „Fakten zum Thema Kolonialismus kennen die Schüler aus dem Fach Geschichte“, sagt sie, „im Theater verhandeln wir die emotionale Ebene.“

Auf der Bühne hätten die jungen Menschen die Chance, einen anderen Blickwinkel einzunehmen und Gefühlen nachzuspüren. Dabei gehe es Deininger-Schrader immer auch um einen Bezug zur Gegenwart: „Ausgrenzung und Rassismus sind natürlich auch heute noch Thema im Alltag der Jugendlichen“.

Einen eigenen Ausdruck finden

Das künstlerische Probieren sorge aber nicht nur für Perspektivwechsel, sagt die Regisseurin, sondern setze auch Potenziale frei: „Hier können sich die Jugendlichen darstellen und einen eigenen Ausdruck finden.“

Und das macht, trotz der ernsten Thematik, dann durchaus Spaß. „Ich spiele sehr gern die Bösen“, sagt Fynn, als er von der Bühne ins Publikum kommt. Schwierig sei die Szene für ihn vor allem aus praktischen Gründen: „Ich kann nicht so lange so starr stehen“, sagt der Elfjährige. Aber auch der Inhalt beschäftige ihn. Er freue sich, dass die Zeit, die sie darstellen, mittlerweile Geschichte ist. „Heute ist es mir viel lieber“, sagt Fynn, „heute herrscht Gleichberechtigung.“

Hier gilt gleiches Recht für alle

Und zumindest für kleine Theatergruppe im Marstall mag das zutreffen. Denn hier spielt nicht nur jeder mehrere Rollen. Es gilt auch sonst gleiches Recht für alle. Und das heißt hier: Narrenfreiheit, solange es die Probe nicht stört. „Wenn man etwas machen kann, dann hier“, sagt der 14-jährige Laurin.

Neben der Theatergruppe, die sich an Jugendliche in weiterführenden Schulen richtet, gibt es noch eine Gruppe für Grundschüler und andere Angebote am Haus (siehe unten). Die Vielfalt an Gruppen folgt dem Motto des Trägervereins, der den Marstall leitet: „Kultur für Alle“, heißt es. Und das heißt: Möglichst viele Menschen aus der Region sollen mit Kunst, Literatur, Theater und Musik in Berührung gebracht werden, sagt dessen Vorsitzende Hella Eickenscheidt.

Über Jugendarbeit Jugendliche für Theater begeistern

„Über die Jugendarbeit wollen wir Jugendliche für das Theater und damit auch für die Kultur im Allgemein begeistern“, sagt Eickenscheidt. Einiges von dieser Begeisterung lässt sich auf der heutigen Probe im Marstall spüren. Dafür, dass der Verein mit seiner Jugendarbeit auf dem richtigen Weg ist, spricht auch die hohe Nachfrage nach den Gruppen. Eickenscheidt: „Wir haben nie viel Werbung machen müssen.“

Dabei sind, wie im Kleinen Theater in Bargteheide, auch hier für Kurse und Proben Gebühren fällig: Grundschüler zahlen für Schauspieltraining (zehn Euro) und die Theaterprobe (35 Euro). Insgesamt 45 Euro im Monat, für Jugendliche kostet das Paket 65 Euro. Das Geld brauche der Verein, um professionelle Kursleiter wie Angela Deininger-Schrader zu bezahlen, die Theaterwissenschaft studiert hat und ausgebildete Schauspielerin ist.

„Die ersten Boatpoeple“ feiert am 30. Juni im Marstall Premiere. Noch ist also viel Zeit zum Proben für die knapp 20 Jungschauspieler. Die Aufführungen, sagen sie, seien natürlich etwas ganz Besonderes, aber da gebe es auch mal ein schlechteres Publikum. Verlassen können sie sich dann auf die Dynamik ihrer Gruppe. „Hier lacht keiner den anderen aus“, sagt Laurin. Und trotzdem haben sie jede Menge Spaß.

Eine Bühne, viele Schauspieler

Grundschüler und Jugendliche können in zwei unterschiedlichen Gruppen des Jungen Theaters im Marstall mitwirken, zudem gibt es in diesem Sommer auch ein Ferienangebot und ein Projekt an der Schlossschule.
Erwachsene
treffen sich in einer weiteren Theatergruppe, die ein bis zwei Stücke im Jahr aufführt. Zuletzt hatte eine Adaption des Filmes „Harold und Maude“ Premiere und Oscar Wildes Komödie „Bunbury“.
Eingeladen werden
zudem professionelle Theatertruppen, die mit ihren Stücken in Ahrensburg gastieren.
Weitere Infos und das gesamte Programm gibt es unter: www.marstall-ahrensburg.de.

( kno )

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