Stormarn
Verbraucherschutz

Der schnelle Klick zum Glück kann ungeahnt teuer werden

Einige Internet-Kontaktbörsen verführen zum Abschluss kostenpflichtiger Mitgliedschaften

Einige Internet-Kontaktbörsen verführen zum Abschluss kostenpflichtiger Mitgliedschaften

Foto: AndreyPopov / Getty Images/iStockphoto

Senior aus Ahrensburg wollte sich nur Bilder anschauen – und wurde unfreiwillig Premium-Mitglied einer Internet-Kontaktbörse.

Ahrensburg.  „Ich bin in der Rente auf dumme Gedanken gekommen und wollte mir schöne Frauen anschauen“, gibt Christian F. (Name geändert) unumwunden zu. Wenige Klicks später war der verheiratete 83-Jährige, der in einem Ahrensburger Seniorenheim wohnt, einer Internet-Kontaktbörse beigetreten und soll nun für eine zweijährige „Premium-Mitgliedschaft“ und Bankgebühren 311 Euro zahlen. Einen kostenpflichtigen Vertrag abschließen wollte er jedoch nicht. „Als dort ,Jetzt kaufen‘ stand, habe ich den Vorgang sofort abgebrochen.“ Außerdem sei er vorsichtig gewesen, habe weder Adresse noch Bankdaten angegeben. Frauen angeschrieben oder sich gar mit ihnen getroffen, habe er jedenfalls nicht. „Hinter meinem Computer habe ich mich sicher gefühlt“, sagt er.

Diese Sicherheit war trügerisch, wie sich später zeigen sollte. Und die Geschichte von Christian F. steht exemplarisch für viele andere Fälle, in denen Internetnutzer durch einen unbedachten schnellen Klick plötzlich Folgen auslösen können, die sie in keinem Fall geplant hatten.

In einer E-Mail droht Plattform mit Inkasso-Dienst

Christian F. jedenfalls bekommt kurze Zeit später eine E-Mail von der Dating-Plattform. Man bittet ihn darum, die fehlenden Daten zu ergänzen. Er habe sich, so heißt es in dem Schreiben, mit einem Klick auf die entsprechenden Schaltfläche zum Abschluss des Vertrags verpflichtet – auch wenn noch keine Zahlungsdaten oder eine Postadresse eingegeben wurde. Später folgt eine weitere Mail, in der F. eine Frist zur Zahlung gesetzt und bei Nichtbefolgen mit Übergabe des Falls an einen Inkasso-Dienst gedroht wird. Die entstehenden Kosten müsste F. zusätzlich tragen.

Boris Wita, Leiter der Rechtsabteilung bei der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein, bestätigt das: „Ein Vertragsabschluss kann auch mit unvollständigen Angaben rechtsgültig sein“, so der Jurist. Da der Vertrag jedoch über das Internet abgeschlossen wurde, bestehe laut Fernabsatzgesetz 14 Tage lang die Möglichkeit des Widerrufs. „Sollte Herr F. nicht rechtzeitig widersprochen haben, kann der Anbieter auf Erfüllung des Vertrags und damit auf Zahlung der 311 Euro pochen“, sagt Wita.

Kostenlose Mitgliedschaft soll Appetit auf mehr machen

Die in diesem Fall handelnde Kontaktbörse sei der Verbraucherzentrale allerdings bisher nicht negativ aufgefallen. „Dass die Mitgliedschaft zuerst kostenlos ist, damit die Nutzer Appetit auf mehr bekommen, ist üblich“, sagt Wita. Nach einer gewissen Zeit oder wenn Kontakt zu anderen Nutzern gewünscht ist, kosteten die Angebote jedoch in der Regel Geld. Spätestens wenn so ein Vertrag abgeschlossen wurde – ob absichtlich oder nicht – seien die Anbieter in der Branche jedoch oft unnachgiebig bei der Rückabwicklung. „Sonst würde sich jeder sofort abmelden, sobald er einen Partner gefunden hat“, sagt Wita.

Dann könne sich der Nutzer nur auf einen sogenannten Erklärungsirrtum berufen, um aus dem Vertrag herauszukommen. Als Grund könnte angeführt werden, versehentlich geklickt zu haben oder sich nicht über die Kosten im Klaren gewesen zu sein. „Im Zweifel lässt sich das jedoch nur vor Gericht durchsetzen“, sagt Wita. Wenn jedoch schon kostenpflichtige Funktionen des Portals genutzt wurden, müsse damit gerechnet werden, dass zumindest ein Teilbetrag zu bezahlen ist.

Tochter setzt sich beim Anbieter für ihren Vater ein

Christian F. sagt: „Ich war mir sicher, mich gut genug am PC auszukennen, dass mir so etwas nicht passiert.“ Die E-Mails des Plattform-Betreibers beunruhigten ihn jedoch zusehends. „Dem fühlte ich mich nicht gewachsen“, sagt der ansonsten rüstig wirkende Senior. Inzwischen bereut er, nicht auf seine Frau gehört zu haben. „Die hat gleich gesagt: ,Lass den Quatsch‘.“ Im schlimmsten Fall müsse er die 311 Euro nun als Lehrgeld abschreiben.

Möglicherweise kommt er allerdings noch mal glimpflich davon: Nachdem er sich seiner Familie offenbart hat, ist seine Tochter persönlich in der Zentrale des Anbieters in Hamburg vorstellig geworden, hat dort eine Löschung aus der Kartei erreicht. „Ich habe die Situation geschildert und das Unternehmen hat sich sehr entgegenkommend verhalten“, sagt Heike Z.

Unternehmen droht Abmahnung wegen Klausel

Dennoch droht dem Anbieter, der auf Anfragen des Abendblatts nicht reagiert hat, Ungemach. „Die in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen angegebene Klausel zur Vertragsverlängerung ist unzulässig“, sagt Boris Wita. Sie sieht vor, dass sich der Vertrag automatisch um die gleiche Laufzeit verlängert, wenn er nicht mindestens vier Monate vor Ablauf gekündigt wird. Erlaubt ist maximal ein Jahr und eine Kündigungsfrist von drei Monaten. „Wir werden das Unternehmen deswegen abmahnen“, sagt Wita.

Betroffene können Hilfe unter anderem bei der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein erhalten. Die nächste Beratungsstelle erreichen Sie in Norderstedt unter Tel. 040/52 38 455. Mehr im Internet unter: www.verbraucherzentrale.sh/beratung-sh