Stormarn
Denkmalschutz

Wie die Glinder um ihr Wahrzeichen kämpfen

Der Grünen-Ortsvorsitzende Jan Schwartz (l.) im Gespräch mit Susanne Weidemann, Sie ist die Nichte der ehemaligen Eigentümerin

Der Grünen-Ortsvorsitzende Jan Schwartz (l.) im Gespräch mit Susanne Weidemann, Sie ist die Nichte der ehemaligen Eigentümerin

Foto: Barbara Moszczynski

Demonstration auf dem Marktplatz für den Erhalt der Suck’schen Kate, die zusehends verfällt. Bürger sind wütend auf den Eigentümer.

Glinde.  Es ist Sonnabend, 11.30 Uhr in Glinde. Es schneit leicht, doch die Innenstadt ist voll. Am Wochenmarkt ist kaum ein Parkplatz zu finden. Vor dem Bürgerhaus haben sich rund 50 Bürger zur Demonstration für den Erhalt der Suck’schen Kate versammelt. „Katerstimmung“ steht auf einem handbemalten Plakat, das eine junge Frau in die Höhe hält. Nur die ersten vier Buchstaben sind rot. Denn die 1855 erbaute Kate, das älteste Haus Glindes, droht zu verfallen, obwohl sie seit 2015 unter Denkmalschutz steht. Auch das Fernsehen ist da. Organisator Jan Schwartz freut das Medienecho. Der Ortsvorsitzende der Glinder Grünen will mit der Kundgebung Druck auf den Eigentümer ausüben.

Schwartz steht auf der kleinen Bühne am Bürgerhaus, ruft dessen Namen und fügt hinzu: „Sind Sie da?“ Aus der kleinen Menschenmenge schallt die Antwort: „Der traut sich nicht.“ Der Grünen-Politiker hat den Eigner, einen Unternehmer aus Hamburg, zur Kundgebung eingeladen, doch der ist nicht gekommen. Schwartz legt nach: „Er verweigert uns das Gespräch und lässt sich am Telefon verleugnen.“ Der Hamburger Geschäftsmann ist seit 2012 Eigentümer des kleinen Fachwerkhäuschen mitten in der City. Die Glinder Politiker werfen ihm vor, dass er das Haus mutwillig verfallen lässt.


Bürger formulieren ihren Protest

Wolfgang Pohlmann (SPD) sagt: „Wir trauen ihm nicht über den Weg, weil er uns immer das Gleiche erzählt.“ Auch er tritt ans Mikrofon und ruft: „Hören Sie auf, sich zu verstecken und dumme Geschichten zu erzählen. Rufen Sie uns an, dann kaufen wir die Kate.“ Die Grünen nehmen die Kundgebung per Video auf, wollen es dem Eigner später schicken. Jan Schwartz fragt: „Wer möchte ihm noch eine Botschaft senden?“ Viele wollen das . Sandra Seidel (39) greift nach dem Mikrofon: „Mir liegt die Kate sehr am Herzen, dieses Haus gehört zu Glindes Geschichte. Wer es besitzt, hat eine Verpflichtung.“ Auch sie hat ein Pappschild gebastelt, darauf steht: „Baudenkmale sind Kulturerbe und Erbe verpflichtet.“

Auch Stephanie Möller (51), seit 30 Jahren Einwohnerin der Stadt, spricht ins Mikrofon: „Man nimmt uns alte Geschichte, das ist einfach nur traurig.“ Eine andere Frau ruft hinein: „Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist zwölf. Und das, was bisher passiert ist, ist nur Kosmetik. Das ist gar nichts!“ Sie fordert die Untersuchung des Fachwerkhauses durch einen Sachverständigen. Auch Susanne Weidemann sagt: „Ich kann nicht verstehen, wie jemand so lange damit durchkommt.“ Ihre Schwester Petra Jürs im Publikum nickt. Sie sind Nichten der früheren Besitzerin der Kate, Anni Hancke. „Ich bin in der Kate quasi groß geworden“, erzählt Weidemüller. Sie sagt: „Wenn wir gewusst hätten, dass das so ausgeht, hätten wir das Haus genommen.“

Suck’sche Kate hat ideellen Wert

Als sich im September 2012 für die Suck’sche Kate ein Käufer fand, der sie sanieren wollte, war die Freude bei der Stadt zuerst groß. „Das Haus hat einen ideellen Wert“, sagte Bürgermeister Rainhard Zug. Denn in dem Fachwerkbau wohnte einst der Schuhmacher Johannes-Hinrich Suck, der 28 Jahre lang in Glinde Gemeindevorsteher war. Als seine Enkelin Anni Hanke 2011 starb, verkauften die Erben die Kate. Die Stadt hatte ein Vorkaufsrecht, aber der private Investor bot mehr.

Petra Jürs ist überzeugt, dass der Eigentümer auf Zeit spielt und das attraktive Grundstück in der Innenstadt neu bebauen will. Doch das ist wegen des Bestandschutzes gar nicht möglich. Bei einer Zerstörung darf dort nichts Neues entstehen. Wie viele der anwesenden Demonstranten glaubt Jürs das nicht. Sie sagt: „Das Grundstück ist eine Goldgrube. Irgendwann wird man es doch bebauen dürfen. Darauf spekuliert er.“ Hans-Jürgen Preuß fordert ein Zeichen guten Willens vom Eigentümer: „Stellen Sie uns die Denkmalplatte der Kate zur Verfügung, damit wir sie im Bürgerhaus aufhängen können.“ Die Platte stand früher im Vorgarten und wurde vom Eigentümer abgebaut.

Plastikplane soll Dachfirst schützen

Gegenüber dem Abendblatt hat sich der Unternehmer vor Kurzem geäußert. Er wolle in diesem Jahr mit der Sanierung beginnen und selbst in das Haus einziehen. Nur sei es schwierig, Handwerker zu finden.

Die Auskunft ist nicht neu. Dieselben Gründe führt der Eigner seit Jahren an. Die Kate ist mittlerweile seitlich durch einen Balken gesichert, auch im Haus befinden sich seit längerer Zeit Stützpfosten, damit es nicht einstürzt. Eine Plastikplane soll den Dachfirst schützen. Schwartz sagt: „Erst als ein Ordnungsgeld angedroht wurde, hat der Eigner reagiert. Ich glaube ihm kein Wort, auch wenn er jetzt ankündigt, mit der Sanierung anzufangen.“

Stadtvertretung hat einen Enteignungsantrag gestellt

In der vergangenen Stadtvertretersitzung haben Glindes Politiker einen Enteignungsantrag beschlossen. Laut dem Landesamt für Denkmalpflege ist das nicht möglich, weil der Eigner sich formal korrekt verhält. Er hat alle Auflagen der Behörde erfüllt. SPD-Fraktionschef Frank Lauterbach ist verärgert, sagt: „Kreis sowie Stadtverwaltung drücken sich vor der Verantwortung und verstecken sich hinter der Rechtslage. Das wird nicht die letzte Kundgebung sein.“