Stormarn
Großeinsatz

Zwölf Verletzte nach Feuerdrama in Glinder Hochhaus

Von einer Drehleiter aus bekämpfer Feuerwehrleute den Wohnungsbrand im dritten Stock

Von einer Drehleiter aus bekämpfer Feuerwehrleute den Wohnungsbrand im dritten Stock

Foto: Lars Ebner

Feuer bricht im dritten Stock aus. 80 Menschen werden mit Drehleitern aus ihren Wohnungen gerettet. Rettungskräfte im Großeinsatz.

Glinde.  „Ich komme hier nicht raus“, schreit ein Bewohner aus einem Fenster des Hochhauses. Ein Nachbar ruf in Panik: „Es ist alles verqualmt. Hilfe!“ Es sind dramatische Szenen, die sich am Sonntagvormittag in Glinde abgespielt haben. Gegen 11 Uhr war in einer Wohnung im dritten Stockwerk eines Hochhauses an der Sönke-Nissen-Allee ein Feuer ausgebrochen. Zwölf Menschen wurden verletzt.

„Als wir am Einsatzort eintrafen, stieg dichter Qualm aus der Wohnung“, erinnert sich Einsatzleiter André Rheinsberg von der Feuerwehr Glinde. „Vor dem Haus standen Menschen, haben geschrien und geweint. Genauso wie Bewohner an den Fenstern. Sie kamen nicht raus. Das Treppenhaus war völlig verqualmt“, sagt Rheinsberg, der mit seinen Kameraden versucht hat, die Menschen zu beruhigen. „Jedoch haben wir gemerkt, dass die Bewohner sehr nervös wurden“, sagt der Einsatzleiter. Er ließ vorsorglich ein Sprungkissen am Hochhaus platzieren. Doch es wurde nicht genutzt.

Ein 53 Jahre alter Mann wurde lebensgefährlich verletzt

Die Wehren aus Reinbek und Oststeinbek kommen ebenfalls mit ihren Drehleitern und holen die Menschen aus den Wohnungen. „Wir haben so etwa 80 Menschen aus dem Haus gerettet“, schätzt Rheinsberg. Die fünfköpfige Familie, in deren Wohnung das Feuer gegen 11 Uhr ausgebrochen war, konnte sich noch rechtzeitig über das Treppenhaus ins Freie retten. Sie kam mit leichten Rauchgasvergiftungen in ein Krankenhaus. Ihren Nachbarn, einen 53 Jahre alten Mann, mussten die freiwilligen Helfer aus seiner Wohnung befreien. „Er war nur noch bedingt ansprechbar“, sagte der Leitende Notarzt Stefan Behrens am Einsatzort. Der Mann hatte viel Rauchgas eingeatmet und wurde noch vor Ort intubiert. Er kam in die Spezialklinik nach Boberg in Hamburg.

Unverletzt blieben hingegen Mohamed R. (39) und seine Familie. „Da wohnen wir“, sagt der Mann und zeigt auf eine Wohnung im vierten Stock. Er steht fassungslos vor dem Haus. „Wir haben Schreie gehört, da habe ich aus dem Fenster geguckt und gesehen, wie der Qualm aus dem Fenster stieg. „Ich bin sofort zur Haustür, habe sie aufgerissen und gesehen, dass auch das Treppenhaus voller Rauch war.“ Verzweifelt wählt der vierfache Vater den 112-Notruf. „Am Telefon haben die gesagt, wir sollen alle in einen Raum und nasse Laken vor den Türspalt legen.“ Ferner soll die Familie auf die Feuerwehr warten. „Es ging alles ganz schnell. Wir wurden über die Drehleiter gerettet“, sagt R. dessen jüngste Tochter erst vier Monate alt ist.

Die Geretteten werden in einem Bus untergebracht und untersucht

Dimitri Suldin und seine Familie sind von Nachbarn alarmiert worden. „Wir haben Fernsehen geguckt. Dann haben wir Schreie gehört und kurz darauf haben Nachbarn an unsere Tür gehämmert und ,alle raus’ geschrien“, sagt der 38-Jährige, der mit seinen drei Kindern und seiner Frau im ersten Stock wohnt. Die Familie läuft aus der Wohnung. „Draußen haben Kinder geweint. Einige waren barfuß und hatten keine Jacke“, erinnert sich die 13-jährige Nicole Suldin, die den Familienhund Laika auf dem Arm hält. Das Tier zittert. Ihr Bruder Dennis (15) sagt: „Es kamen Menschen aus den anderen Häusern haben Schuhe und Jacken gebracht. Alle haben geholfen.“

Damit die Menschen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt nicht frieren müssen, bestellt der Rettungsdienst, der auch von Helfern aus Hamburg und dem Kreis Herzogtum Lauenburg unterstützt wurde, einen VHH-Bus. „Darin haben wir die Menschen erfasst und betreut“, erklärt Jens Bomblat, organisatorischer Leiter des Rettungsdienstes. „Wir wissen so, wer aus dem Haus ist und ob noch jemand vermisst wird“, erklärt Bomblat und spricht von einer Situation, die Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst zuvor immer wieder üben. In dem Bus war auch ein Notarzt, der die Menschen untersuchte.

Auch Landrat Henning Görtz ist zum Einsatzort geeilt

„Wenn beispielsweise jemand auf Tabletten angewiesen ist und diese in der Wohnung liegen, organisieren wir Ersatz“, sagt Jens Bomblat. 55 Menschen werden vom Rettungsdienst untersucht. Viele sind jedoch nur kurz in dem Bus. Mohamed R. und seine Familie sind zu Verwandten zwei Häuserblocks weiter gegangen. Auch Dimitri Suldin hat Verwandte, die in der Nähe wohnen. Alle konnten am späten Nachmittag wieder zurück in ihre Wohnungen. Lediglich die Wohnung, in der das Feuer ausgebrochen war, und drei angrenzende Wohnungen sind nach ersten Erkenntnissen der Feuerwehr unbewohnbar. Das Ordnungsamt in Glinde muss für die Menschen jetzt Ersatzunterkünfte finden, erklärt Kreisbrandmeister Gerd Riemann.

Auch Landrat Henning Görtz ist am Sonntag zum Einsatzort gefahren. „Ich werde bei so großen Lagen von der Leitstelle informiert“, sagt er. Gemeinsam mit der Feuerwehr konnte er das Haus betreten. „In dem Zimmer, in dem es gebrannt hatte, ist nur noch der Mauerstein zu sehen“, sagt Görtz, der die Arbeit von den rund 100 Helfern von Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz vor Ort als sehr professionell bezeichnet. Die Kripo versucht nun, die Brandursache zu klären.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass der 53 Jahre alte Bewohner, der in das Krankenhaus in Boberg eingeliefert wurde, gestorben ist. Dies war eine Fehlinformation der Polizei, die am Nachmittag ihre Aussage korrigierte.