Stormarn
Lübeck

„Die Digitalisierung betrifft uns alle“

IT-Experte Christoph Birkel (l.) im Gespräch mit Moderator Christopher Scheffelmeier. Birkel begleitet als Geschäftsführer des hit-Technoparks in Hamburg-Harburg seit Jahren Existenzgründer und Start-up-Unternehmen auf ihrem Weg in die Digitalisierung

IT-Experte Christoph Birkel (l.) im Gespräch mit Moderator Christopher Scheffelmeier. Birkel begleitet als Geschäftsführer des hit-Technoparks in Hamburg-Harburg seit Jahren Existenzgründer und Start-up-Unternehmen auf ihrem Weg in die Digitalisierung

Foto: Guido Kollmeier www.blende4.de / www.blende4.de

1300 Unternehmer und Gäste beim Neujahrsempfang der IHK zu Lübeck. IT-Experte Christoph Birkel mahnt zur Wachsamkeit.

Lübeck.  Die Geschichte, die verdeutlichen soll, welche Auswirkungen die Digitalisierung nicht nur auf Unternehmen, sondern auf alle Menschen haben kann und wird, handelt von einem Klempner. „Er ist 55 Jahre alt“, beginnt IT-Experte Christoph Birkel seine Erzählung, „hat 30 Mitarbeiter und ist so richtig gut im Geschäft.“ Den rund 1300 Unternehmern und Gästen des Neujahrsempfangs der IHK zu Lübeck dürfte die geschilderte Situation zunächst nicht unbekannt vorgekommen sein. Die Konjunktur läuft, insbesondere das Handwerk kann sich vor Aufträgen kaum retten. Und so lässt sich der Klempner in der Geschichte zu der Aussage hinreißen: „Die Digitalisierung betrifft mich doch überhaupt nicht.“

Hier ist nun der Punkt gekommen, an dem Christoph Birkel, Geschäftsführer des hit-Technoparks in Hamburg, dem Protagonisten seiner Geschichte heftig widerspricht. „Das ist eine eklatante Fehleinschätzung“, sagt der Digitalisierungsexperte. Und er liefert die Begründung: „Der größte Heizungsinstallateur Deutschlands ist mittlerweile Thermondo, ein Start-up-Unternehmen aus Berlin.“ Die Firma verkauft komplette Heizungsanlagen über das Internet und lässt dann diese von Meisterteams im ganzen Bundesgebiet 20 Prozent preiswerter einbauen als der etablierte Handwerker vor Ort. „Wenn die Konjunktur einbricht“, so Birkel, „ist mein Klempner klar im Nachteil, weil er mit seinen Preisen nicht nach unten gehen kann.“ Und: „Die Kunden der nächsten Generation wird mein Klempner nicht mehr so generieren können, wie er das heute tut. Die sitzen nämlich nicht mehr im Schützenverein, sondern am Smartphone – und dort finden sie ihn nicht.“

Präses Friederike Kühn geht auch auf Gefahren ein

Die Digitalisierung war das Hauptthema des Abends. Und Christoph Birkel erntete für seine Ausführungen, die weit über diese Geschichte hinausgingen, nicht nur kräftigen Applaus und viel zustimmendes Kopfnicken, sondern auch ein paar sorgenvolle Blicke, die signalisierten: Jetzt wird mir so einiges klar. Denn am Ende bilanzierte Birkel nicht nur, dass die digitale Entwicklung in exponentieller Geschwindigkeit voranschreite, sondern dass die Digitalisierung tatsächlich alle betreffe – so wie seinen mittelständischen Klempner. Seine Botschaft: Jeder sollte sich rechtzeitig mit den neuen Entwicklungen beschäftigen. „Man muss nicht alles mitmachen, aber man sollte wachsam sein.“

IHK-Präses Friederike Kühn ging in ihrer Rede auch auf Sorgen und Gefahren ein. „Viele befürchten, dass irgendwann die Maschine den Menschen regiert“, so die Bargteheiderin. Und sie warf die Frage auf: „Sollte man tatsächlich alles machen, was möglich ist?“ Antworten darauf soll künftig ein Ethikbeirat liefern, den die IHK ins Leben rufen wird. Kühn warnte aber auch davor, alles auf die Karte Digitalisierung zu setzen. „Wir müssen ein Gleichgewicht zwischen analogem und digitalem Lernen finden“, sagte sie mit Blick auf die Schulbildung. „Erst Handschrift und Diktat, dann Tastatur und Autokorrektur“. Gleichwohl forderte sie von den Unternehmern Investitionen in Ausstattung und Fortbildung der Mitarbeiter. „Wir müssen unsere Mitarbeiter dringend auf die sich laufend verändernden Anforderungen vorbereiten.“

Die entscheidende Antwort auf die Herausforderungen der Digitalisierung insgesamt laute Investition in Wissen und damit in Bildung. Sie rief alle Unternehmer auf, jetzt die Initiative zu ergreifen und „nicht erst, wenn der Wettbewerb Sie abzuhängen droht. Bereiten Sie sich jetzt auf morgen vor. Nutzen Sie die Möglichkeiten der Digitalisierung auch zur Attraktivitäts-Steigerung Ihres Unternehmens und damit zur Sicherung des Fachkräftebedarfs.“

Daniel Günther spricht erstmals als Ministerpräsident

Ministerpräsident Daniel Günther (CDU), der erstmals in seinem neuen Amt ein Grußwort sprach, sagte der Wirtschaft die Unterstützung der Landesregierung bei der Einführung und Weiterentwicklung digitaler Lösungen zu. „Wir wollen bis zum Jahr 2025 mit einem flächendeckenden Glasfasernetz die nötige Infrastruktur schaffen.“ Zudem sollen immer mehr Verwaltungsdienstleistungen digitalisiert werden.

Er warb aber auch für eine Stärkung des Unternehmertums insgesamt und verwies auf das Ziel der in Kiel regierenden „Jamaika“-Koalition, Schleswig-Holstein zum wirtschaftsfreundlichsten Bundesland zu machen. „Wir wollen ein positives Bild von Unternehmern zeichnen“, so Günther, der seine Kabinettskollegen Bernd Buchholz (FDP, Wirtschaft) und Monika Heinold (Grüne, Finanzen) mitgebracht hatte. „Schon in den Schulen sollten wir die Begeisterung für das Unternehmertum wecken.“

Einen Seitenhieb auf die zögerliche Regierungsbildung auf Bundesebene konnte er sich nicht verkneifen. „Die Parteien in Berlin machen sich Sorgen um ihr Profil“, sagte er mit ironischem Mitleid. „Ich mache mir eher Sorgen um unser Land, wenn es nicht endlich eine verlässliche Regierung gibt.“ Denn auch die, so Günther, sei eine wichtige Voraussetzung dafür, dass es mit der Digitalisierung klappen kann, weil die Auszahlung wichtiger Fördermittel derzeit auf Eis gelegt sei. Er bedauerte, dass es auf Bundesebene nicht wie in Schleswig-Holstein mit einem schwarz-gelb-grünen Bündnis geklappt habe. „Die Innovationskraft einer leswigJamaika-Koalition wäre sicherlich besser für Berlin.“