Stormarn
Kuddewörde/Reinbek

Warum in Stormarn so oft Land unter ist

Dieses Foto zeigt Kristin und Matthias Petersen von der Freiwilligen Feuerwehr Kuddewörde beim Aufschichten von Sandsäcken, um die Grander Mühle vor dem Hochwasser zu schützen

Dieses Foto zeigt Kristin und Matthias Petersen von der Freiwilligen Feuerwehr Kuddewörde beim Aufschichten von Sandsäcken, um die Grander Mühle vor dem Hochwasser zu schützen

Foto: Elvira Nickmann / HA

Viele Flächen sind durch Bauten oder Straßen versiegelt. Wasser von Feldern läuft in Flüssse ab. Kaum trockene Phasen seit Juli 2017.

Kuddewörde/Reinbek.  Es gibt Entwarnung für die Hochwasserlage an der Bille in den Kreisen Stormarn und Herzogtum Lauenburg: Sie hat sich entspannt. Auch die historische Grander Mühle in Kuddewörde ist nicht mehr in Gefahr. Trotzdem ist künftig mit einer steigenden Zahl und Heftigkeit der Niederschläge als Folge des Klimawandels zu rechnen. Das sagt Klaus Graeber, Vorsitzender der Nabu-Ortsgruppe Bad Oldesloe. Auch der Kuddewörder Hans-Heinrich Stamer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sieht die Lage kritisch. Der Ingenieur sagt: „Seit Jahrzehnten kämpfen etliche Gemeinden, Hausbesitzer und Bauern im Lauenburgischen im Schnitt alle drei Jahre gegen Hochwasserereignisse.“

Zuflussdrosselung soll Hochwasser verhindern

Als Ursache der Überschwemmungen nennt Stamer die zunehmende Bodenversiegelung durch Straßen, Wohn- und Gewerbebauten. Auch trügen „großflächige Entwässerungen von Wäldern und Grünland-Niedermooren durch Gräben und Drainagen mit häufiger Umnutzung für den Ackerbau“ dazu bei. In der Folge müssten Feuerwehr und THW vermehrt zur Schadensbegrenzung ausrücken.

Dabei hätte es seiner Ansicht gar nicht so weit kommen müssen. Mit einem Lösungsvorschlag hat sich der Naturschützer jetzt an Dirk van Riesen vom Schleswig-Holsteiner Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) gewandt: Er lautet, in der Bille vorhandene Brückendurchlässe in den Querdämmen sowie Gräben und Drainagesysteme mit Durchflussdrosselungen auszustatten. Die Folge sei ein verlangsamter Abfluss, das Wasser würde aber vermehrt auf landwirtschaftlich genutzten Flächen stehen bleiben. „Für die Bauern wäre das eine neue Situation. Aber auch sie sind gehalten, Schadensereignisse mit abzumildern“, sagt Stamer.

Jeder Hauseigner kann einen kleinen Beitrag leisten

„Bei Hochwasser sind nicht die versiegelten Flächen das Maßgebliche“, sagt Volker Terppé von der Unteren Wasserbehörde des Kreises. „Seit Juli hatten wir in Stormarn keine drei trockenen Tage am Stück.“ Verantwortlich für Hochwasser in Gewässern seien vorwiegend lange Regenphasen, die eine Regeneration der Landschaft verhinderten. Das Wasser laufe oberirdisch ab und lande so in Seen, Flüssen und Bächen. LLUR-Wasserexperte van Riesen sieht eher die Kommunen als die Bauern in der Pflicht: „Die Frage ist immer, inwieweit sorgen die Kommunen bei der Planung von Wohngebieten dafür, dass das Niederschläge ortsnah versickern und nicht in die Kanalisation gelangen.“ Inwiefern Stamers Vorschlag sinnvoll sei, könne er erst nach Prüfung beurteilen. Allerdings liegt die Zuständigkeit bei der Unteren Wasserbehörde, er könne nur beraten.

Nabu-Mitglied Klaus Graeber macht als Hauptverursacher des Hochwassers die „Zubetonierung der Landschaft mit Siedlungs- und weiteren Flächen“ aus. „Alle Leute wollen ihr Wasser ganz schnell vom Grundstück haben“, sagt er. Dabei könne jeder Grundeigentümer etwas zur Verbesserung der Lage beitragen, indem er Flächen wasserdurchlässig gestalte, beispielsweise durch Rasensteine oder Holzpflasterung. Die Entwässerung landschaftlicher Flächen sei ein weiterer Grund für Hochwasser, da dadurch der Abfluss beschleunigt werde. Auch das Begradigen von Flüssen wie der Trave trage dazu bei. Klaus Graeber: „Inzwischen macht man dort wieder Schleifen rein, das hilft aber auch nur begrenzt.“

Eine Idee: Bau von weiteren Rückhaltesystemen

Hans-Heinrich Stamers Vorschlag ist für ihn keine Lösung: „Wenn wir die Wasserzufuhr drosseln, müssten wir 1000 Hektar vernässen, um 30 Hektar zu retten“, schätzt er. „Intensiv genutzte landwirtschaftliche Flächen wecken zwar bei Naturschützern keine Begeisterung“, räumt Graeber ein, „aber irgendwo müssen Getreide, Kartoffeln, Kohl und andere Nahrungsmittel ja wachsen können.“

Einem Rückstau von Wasser in die landwirtschaftliche Fläche erteilt Peter Koll, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Stormarn, eine Absage. „Das hätte dramatische Folgen.“ Bei Niederungen mit Grünland sei das schon anders. „Das müsste aber in Abstimmung mit den Eigentümern erfolgen“, fordert er. Für ihn liegt der Grund des Hochwassers in der Versiegelung von Flächen. „Das Wasser kommt dadurch immer schneller.“ Sein Vorschlag: der Bau weiterer Rückhaltesysteme.

Studie: Hochwasser bedroht bald deutlich mehr Menschen

Auch eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung befasst sich mit dem Thema. Sollten es kein verbessertes Flussmanagement, Baustandard-Veränderungen oder Verlagerung von Siedlungen geben, könnte laut Studie die Zahl der von Hochwasser betroffenen Deutschen in den kommenden Jahren drastisch steigen: von 100.000 auf mindestens 700.000 Betroffene. Die Zeit drängt.