Stormarn
Hamburger Speckgürtel

Anhaltender Trend: Das Land schrumpft, Stormarn wächst

Carsten Sacher ist mit seiner Frau und dem Hund in das Neubaugebiet Erlenhof nach Ahrensburg gezogen

Carsten Sacher ist mit seiner Frau und dem Hund in das Neubaugebiet Erlenhof nach Ahrensburg gezogen

Foto: Melissa Jahn

Immer mehr Menschen ziehen in den Hamburger Speckgürtel. Trend hält laut Ministerium an. Die Folge: Grundstücke im Kreis werden teurer.

Bad Oldesloe.  Der Kreis Stormarn wächst – und zwar gegen den Landestrend. Mehr als 241.000 Menschen leben in den 55 Kommunen zwischen Reinbek, Mönkhagen, Tangstedt und Köthel. Dies entspricht einem Wachstum von 2,7 Prozent gegenüber dem Jahr 2013. Zu diesem Zeitpunkt lebten noch 234.674 Einwohner im Kreisgebiet. Experten gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen und sogar noch verstärken wird. Während in allen anderen Landkreisen die Bevölkerungszahlen nach Prognosen des Innenministeriums vom Jahr 2020 an zurückgehen werden, können die kreisfreien Städte und die Kreise im Hamburger Umland mit Wachstum rechnen. Für Stormarn erwartet das Ministerium bis 2030 mit 6,4 Prozent den stärksten Anstieg unter den Kreisen. Zum Vergleich: Für Dithmarschen gehen die Experten von einem Bevölkerungsrückgang in Höhe von 5,6 Prozent aus.

Doch die Beliebtheit der Gemeinden des sogenannten Hamburger Speckgürtels hat ihren Preis – das Bauland ist in einigen Kommunen um bis zu 25 Prozent teurer geworden, und auch die Mieten haben sich, wie berichtet, deutlich erhöht. So mahnt etwa Heinz-Dieter Weigert vom Seniorenbeirat der Stadt Reinbek: „Es fehlen bezahlbare Wohnungen und öffentlich geförderte Einheiten.“

Ahrensburg verzeichnet Zuwachs von rund zehn Prozent

Vor zwei Jahren ist Carsten Sacher zusammen mit Frau und Hund in ein Haus in das Ahrensburger Baugebiet Erlenhof gezogen. Die Neubürger lebten zuvor in einer Eigentumswohnung in Barsbüttel – direkt an der Stadtgrenze zu Hamburg. Mit der Lage ihres Hauses sind sie mehr als zufrieden und genießen die lebendige Nachbarschaft. „Ahrensburg hat Charme“, sagt Carsten Sacher. „Es ist eine Stadt mit guter Infrastruktur.“ Besonders angenehm sei die Anbindung an die Hansestadt: Nur eine Viertelstunde braucht der Regionalexpress vom Ahrensburger Bahnhof zum Hauptbahnhof. Dies sei schneller als von Barsbüttel aus, wo der Bus oft im Stau stehe. „Ich arbeite im Home-Office und bin mit verschiedenen Verkehrsmitteln unterwegs“, sagt Sacher. „Von Ahrensburg ist selbst die Entfernung zum Flughafen gering.“

Auf dem 41 Hektar großen Areal Erlenhof fanden in den vergangenen vier Jahren 900 Menschen ein neues Zuhause. Sie trugen zu dem beachtlichen Bevölkerungswachstum von rund zehn Prozent. Ahrensburg ist mit 34.427 Einwohnern die größte Stadt des Kreises, gefolgt von Reinbek mit 27.400 und Bad Oldesloe mit 25.662 Einwohnern. Und auch dort steigen die Zahlen – in Reinbek um 3,2 Prozent seit 2013 und in Bad Oldesloe um fast fünf Prozent.

„Ohne Autos ist man in Jersbek aufgeschmissen“

Doch während Käufer am Ortsrand von Bad Oldesloe Bauland noch für 200 Euro den Quadratmeter erwerben können, kostet er im Erlenhof bereits 340 Euro. Für ein 600 Quadratmeter großes Grundstück sind demnach 204.000 Euro zu zahlen – hinzu kommen Bau- und Nebenkosten. In Großhansdorf beträgt der Preis für den Quadratmeter sogar 370 Euro. Wer diese Summen nicht ausgeben kann oder möchte, muss auf kleinere Gemeinden im Umland ausweichen.

So wie Susanne Reimann, die mit ihrem Mann und zwei Kindern vor zwei Jahren in ihr Heim in Jersbek gezogen ist. Der 1766-Einwohner-Ort liegt zwischen Bargteheide und Bargfeld-Stegen und verfügt über wenig Infrastruktur. Einen Bäcker, Einkaufsmöglichkeiten oder regelmäßige Busverbindungen gibt es lediglich in den Nachbargemeinden. „Ohne zwei Autos ist man hier aufgeschmissen“, sagt Reimann. „Trotzdem genießen wir die Nähe zum Duvenstedter Brook, das landschaftliche Ambiente und die gute Luft.“ Mit 165 Euro pro Quadratmeter sei es möglich gewesen, ein 630 Quadratmeter großes Grundstück zu kaufen. „Dies ist in Ahrensburg und Bargteheide nicht mehr zu bezahlen“, so Reimann. „Und in fünf Minuten sind wir im nächsten Ort.“ Zudem konnte sich die Heilpraktikerin in ihrem Haus einen Traum erfüllen und eine eigene Praxis eröffnen. Dies sei im Budget noch drin gewesen.

Doch der Kreis Stormarn wächst nicht nur – er altert auch stetig. Im gesamten Gebiet sind 22,8 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt. Dies ist neben der Gruppe der 30-49 Jahre alten Personen mit 26,7 Prozent die zweitgrößte. Erkennbar ist bereits jetzt, dass sich das Verhältnis in den kommenden Jahren verändern wird. Denn während die Zahl der Einwohner mittleren Alters seit 2013 um 2,5 Prozent zurückgegangen ist, stieg jene der über 65-Jährigen um 3,3 Prozent.

In Reinbek leben mehr als 8700 über 60-Jährige

In Reinbek leben schon jetzt mehr als 8700 Menschen, die älter als 60 Jahre sind. Dies entspricht einem Bevölkerungsanteil von 32,6 Prozent. Heinz-Dieter Weigert beobachtet diese Entwicklung bereits seit Jahren. „Es kommt bereits jetzt zu Engpässen“, sagt der 68 Jahre alte Vorsitzende des Seniorenbeirates. „Viele alte Leute können ihre Häuser nicht mehr bewirtschaften und wollen in kleinere Wohnungen ziehen.“ Doch die Mieten seien überteuert, geförderter Wohnraum nicht vorhanden. „Der Trend geht zur kostengünstigen ambulanten Betreuung in den eigenen Wänden“, sagt Weigert. „Doch diese ist hier zurzeit nicht umsetzbar, da altersgerechter Wohnraum fehlt.“ Wegziehen wäre für viele die einzige Option und gehe mit dem Verlust des langjährig gepflegten sozialen Umfeldes einher.

Für dieses Jahr hat der Vorsitzende des Seniorenbeirates einen Wunsch an den Kreis: die Einrichtung eines zusätzlichen Pflegestützpunktes – eine Beratungsstelle über Pflegeangebote, Leistungen und Rechte der Senioren. Während manche Kreise in Schleswig-Holstein bis zu 3,5 Vollzeitstellen für diesen Bereich installiert haben, verfügt die Kreisverwaltung in Bad Oldesloe nur über 1,5 Stellen. Gerade aus dem südlichen Kreisgebiet – und hier lebt der Großteil der älteren Bevölkerung Stormarns – ist die Anfahrt laut Weigert in die Kreisstadt nicht zumutbar.