Stormarn
Ahrensburg

Stormarns Erstwähler: Darum stimmen wir ab

Joana Hecht (v.l.), Lia Baack und Lena Funke vom Emil-von-Behring-Gymnasium Großhansdorf

Joana Hecht (v.l.), Lia Baack und Lena Funke vom Emil-von-Behring-Gymnasium Großhansdorf

Foto: Jendrik Neumann / HA

Kreisweit können rund 9000 junge Menschen erstmals über den neuen Bundestag miteinscheiden. Das Abendblatt hat Erstwähler geftroffen.

Ahrensburg. Johanna Pankow

Wer etwas zum ersten Mal macht, stößt auf neue Herausforderungen. Die Bundestagswahl am Sonntag, 24. September, ist für Tausende Jugendliche eine neue Erfahrung. Stormarn ist in drei Wahlkreise unterteilt, die zusammen rund 188.000 Wahlberechtigte zählen. Darunter sind etwa 9000 Erstwähler.

Die Jungwähler, die zwischen 1995 und 1999 geboren wurden, waren zwischen sechs und zehn Jahre alt, als Angela Merkel (CDU) Bundeskanzlerin wurde. Sie sind mit Merkel an der Spitze ihres Landes aufgewachsen.

Bei Juniorwahl gewinnt CDU im Norden vor den Grünen

Zur Wahl stehen dieses Jahr 42 Parteien. Neben etablierten Parteien wie CDU, SPD, Grünen und FDP treten auch kleinere Gruppierungen wie die Satirepartei Die Partei oder die V-Partei³ – Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer an.

Woher wissen die jungen Menschen, wem sie ihre Stimme geben sollen? Welche Parteien vertreten ihre Meinungen? An vielen Schulen in Stormarn sprechen die älteren Jugendlichen über die Parteien und ihre Programme im Unterricht. Der Lehrplan ist allerdings eng getaktet, weshalb viele Lehrer die Bundestagswahl nicht ausführlich behandeln können.

Als Orientierung kann Wahl-O-Mat dienen

Als Orientierung kann der Wahl-O-Mat dienen. Der Test im Internet vergleicht die Standpunkte der Parteien mit den eigenen Ansichten. In 38 Fragen wird die Einstellung der Wähler zu aktuellen Themen wie zum Beispiel Flüchtlingspolitik, sozialer Wohnraum, innere Sicherheit und bedingungsloses Grundeinkommen abgefragt. Am Ende liefert der Wahl-O-Mat einen Überblick zu Politik, Wahlen und Parteien, stellt aber keine Empfehlung aus.

Damit auch jüngere Menschen ihre Meinung äußern können, hat der Kumulus-Verein eine Juniorwahl ausgerichtet. Bundesweit konnten Menschen unter 18 Jahren in mehr als 1660 Wahllokalen ihre Stimme abgeben. In Schleswig-Holstein gewann die CDU mit 38.4 Prozent vor Grünen (18,2) und SPD (17,3). Es folgten FDP (7,9), Linke (5,5) und AfD (4,7).

Die Abendblatt-Redaktion hat Erstwähler in Stormarn gefragt, ob sie sich auf die Bundestagswahl vorbereitet haben, was sie sich wünschen und welche Partei sie wählen wollen.

Lennart Benedict (18), 13. Klasse der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Bargteheide: „Ich habe auch den Wahl-O-Mat gemacht. Als stärkste Partei kam bei mir Die Partei heraus, die ich auch mit der Zweitstimme wählen werde. Eigentlich habe ich sämtliche Informationen über die Wahl von der Gamescom, der größten Messe für Computer- und Videospiele. Bei einer Pressekonferenz haben Politiker erzählt, wie sie zu Gaming und E-Sports-Vereinen stehen. Natürlich habe ich mich auch durch die Parteiplakate und das Fernsehen informiert.

Ich denke, wir sind nicht nah genug dran an der Politik. Zur Landtagswahl sollten fünf Parteien zu uns in die Schule kommen und über ihr Programm sprechen. Kurz vor dem Termin haben vier von fünf Parteien abgesagt, sodass der Termin nicht stattfinden konnte. Das war schade.“

Milena Hunger (18)aus Trittau, 12. Klasse der Stormarnschule in Ahrensburg: „Ich will auf jeden Fall wählen gehen, bin aber noch nicht sicher, was ich wählen werde. Meine Eltern haben mir den Wahl-O-Mat empfohlen. Den Test habe ich gemacht, um zu schauen, was es überhaupt so für Parteien gibt. Heraus kamen bei mir die Piratenpartei und die Linke, aber ich weiß immer noch nicht, wen ich wählen soll. In der Schule haben wir nichts dazu gemacht. Also habe ich im Internet die Parteien gesucht, um mir ein Bild zu machen. Der Großteil meiner Freunde wird erst nach der Wahl 18, deswegen können sie noch nicht wählen.“

Lennard Korte (18) aus Großhansdorf, 12. Klasse der Stormarnschule in Ahrensburg: „Durch die Schule werden wir relativ gut auf die Wahl vorbereitet, da wir das Wahlsystem wiederholt haben und die Bundestagswahl im Unterricht behandelt haben. Ich denke, das wird an dieser Schule stärker gemacht als an anderen. Durch die Landtagswahl hatten wir bereits eine grobe Übersicht.

Zusätzlich lese ich die Nachrichten und gucke die Tagesschau, werde mich in den nächsten Tagen aber noch detaillierter informieren. Im Unterricht haben wir über den Wahl-O-Mat gesprochen, aber ich finde, er sollte nicht dazu dienen, um ein endgültiges Votum festlegen zu können. Alle meine Freunde, die alt genug sind, werden zur Wahl gehen. Ich kenne eigentlich niemanden, der nicht wählen geht. Ich denke, ich werde mich für eine der zentralen Parteien entscheiden.“

Tim Tensfeld (18 ) aus Möhnsen, Berufliche Schule Ahrensburg: „Ich will nicht, dass die Rechten gewinnen. Vor allem deswegen gehe ich zur Bundestagswahl. Besonders soziale Gerechtigkeit ist mir wichtig, welche die SPD vertritt. Die Partei steht für die kleinen Leute, die FDP ist desorientiert, und die AfD kommt nicht in Frage.

Wir haben an meiner Schule ein Planspiel gemacht, bei dem eigene Parteien gegründet wurden, wie zum Beispiel die Soziale Schüler Partei, für die wir abstimmen konnten. Das fand ich gut, aber wir hätten im Unterricht noch mehr zu den richtigen Parteiprogrammen lernen können.“

Janet Adler (18),13. Klasse der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Bargteheide: „Ich werde auf jeden Fall wählen am Sonntag. Wir haben in unserem Oberstufengebäude viele Plakate hängen, die uns zum Wählen auffordern. Die sind sehr auffällig und können auch aufdringlich sein. Den Wahl-O-Mat habe ich gemacht, aber da kommt eher Quatsch bei mir raus wie Die Partei. Ich habe mir noch keine Programme durchgelesen, werde das aber noch machen. Allgemein bin ich aber eher Mitte/ Links. Mein Elternhaus wählt auch die CDU und SPD, ab und zu auch die Grünen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Politik mehr Offenheit für die Bedürfnisse der Jugendlichen zeigt. Dann würden auch mehr Jugendliche wählen gehen.“

Pascal Roschlaub (21)aus Bad Oldesloe, Berufliche Schule in Ahrensburg: „Die Parteien entsprechen nicht meinen Vorstellungen, daher weiß ich nicht, ob ich wählen gehe. Die Welt sollte menschlicher sein. Politisches Handeln mit diesem Ziel sollte im Vordergrund stehen. Die Parteien sollten nicht nur darauf achten, was für Güter produziert werden oder welches das reichste Land ist. Ich sehe das in keiner Partei, habe mir aber noch keine Wahlprogramme durchgelesen.“

Joana Hecht (18)aus Hoisdorf: „Ich gehe wählen, auch wenn ich politisch bis jetzt nicht sehr interessiert war. Wir haben Referate zu Zielen der Parteien herausgearbeitet, das war aber alles nicht ganz so klar. Ich werde noch im Internet recherchieren. Im Wirtschaftspolitik-Unterricht ist der Lehrplan ziemlich voll, da bleibt für Wahlvorbereitung nicht viel Zeit. Infos zum Wahl-O-Mat könnte die Schulleitung vielleicht als Rundmail an ältere Schüler schicken.“
Lia Baack (19)
aus Hoisdorf: „Die Wahlbeteiligung sinkt, aber ich fühle mich verpflichtet zu wählen. Beim Landesschülerparlament in Kiel habe ich das EvB vertreten, wir konnten Politikern Fragen stellen. Die meisten Parteien haben aber keine klaren Antworten gegeben, das hat mir gefehlt. Nur von den Piraten gab es klare Meinungen. Angela Merkel finde ich als Bundeskanzlerin gut. Ich habe das TV-Duell geguckt und bin mit ihr im Großen und Ganzen zufrieden.
Lena Funke (18)
aus Lasbek: „Ich mache Briefwahl, da ich am Wochenende in München bin. Ich war immer schon an Politik interessiert und werde auch von meinen Eltern ermutigt, wählen zu gehen. Wahrscheinlich werde ich mit meiner Erststimme die Grünen und mit der Zweitstimme Die Partei wählen, weil sie als Satire-Partei Themen kritisiert, die mir wichtig sind. Bei den Volksparteien fehlt vor allem der Blick auf die Digitalisierung.“

Appell der Vereine

Fußballer gegen Diskriminierung:Vier Ahrensburger Sportvereine wenden sich unter dem Slogan „Love Football, Hate Racism“ (Liebe Fußball, hasse Rassismus) gegen Diskriminierung im Sport. In einer gemeinsamen Mitteilung rufen der Ahrensburger Turn- und Sportverein, der FC Ahrensburg, der SSC Hagen und Roter Stern Kickers anlässlich der Bundestagswahl zu mehr Toleranz gegenüber Flüchtlingen und Migranten auf.
„Wir stehen als Sportvereine für ein solidarisches Miteinander, egal wo jemand herkommt, an welchen Gott er glaubt oder welche Hautfarbe er hat“, heißt es. Die Menschenwürde sei nicht an das Herkunftsland gebunden. Wichtig sei nur, dass wer vor Krieg, Terror, Hunger oder Verfolgung geflüchtet ist, in Ahrensburg sicher sei. Hier sei kein Platz für Diskriminierung und Rassismus.
„Die einzigen Farben, auf die es bei uns ankommt, sind die Farben unseres Trikots.“ Und das auch nur während des Spiels, so die Fußballer einhellig.