Stormarn
Glinde

Sie gehen zum Lachen in den Keller: Theoter ut de Möhl

Das Ensemble von „Voll Vörbi“ (oben v.l.) Jörg Zaddach, Ingo Halberstadt, Gabi Bigalski-Okaeben, Sigrun Ahrens, Ulf Heinrich, Hans-Jürgen Schlott sowie (unten v.l.) Katharina Kraus, Ute Zessner, Jessica Bätjer und Ilse Sturmheit

Das Ensemble von „Voll Vörbi“ (oben v.l.) Jörg Zaddach, Ingo Halberstadt, Gabi Bigalski-Okaeben, Sigrun Ahrens, Ulf Heinrich, Hans-Jürgen Schlott sowie (unten v.l.) Katharina Kraus, Ute Zessner, Jessica Bätjer und Ilse Sturmheit

Foto: Sebastian Knorr / HA

Stormarns Theatermacher – Neue Serie im Abendblatt. Heute: Das Glinder Theoter ut de Möhl. Am Wochenende zwei Aufführungen.

Glinde.  Sonntagmorgen halb zehn in Glinde: Etwa 15 Personen schlendern über den menschenleeren Marktplatz, verschwinden in der Glastür des Bürgerhauses, um sich dort im Keller des Hauses zu treffen. Nicht falsch verstehen: Hier wird nicht am politischen Umsturz gearbeitet oder an einem geheimen Schokoladenrezept. Die Gruppe geht, so darf das hier tatsächlich stehen, zum Lachen in den Keller.

Was wie ein konspiratives Treffen wirkt, ist die „Intensivprobe“ einer Komödie. So heißt es im Theaterdeutsch, wenn die Zeit knapp ist und die Premiere immer näher rückt. Am Freitagabend wurde „Voll Vörbi“ das erste Mal aufgeführt. Es ist das Jubiläumsstück zum 30-jährigen Bestehen des Glinder Theoter ut de Möhl.

Alle 74 Mitglieder werden eingespannt

Das niederdeutsche Theater der Stadt hat in einer ehemaligen Kegelbahn unter dem Bürgerhaus seine Heimat gefunden. Hier machen die Kulturschaffenden Theater, bei einer Deckenhöhe von knapp zwei Metern und mit allem, was dazu gehört. „Von den 74 Mitgliedern werden bei uns alle eingespannt“, sagt Wolfgang Pohlmann (71), erster Vorsitzender des Theatervereins. Kulissen bauen, Karten abreißen, auf der Bühne stehen – „Jeder muss alles machen.“

Heute machen sie aber vor allem erstmal gemeinsam eine Frühstückspause am langen Tisch. Eine „teambildende Maßnahme“, so Theaterleiter Pohlmann, der durch die ehemalige Kegelbahn führt. Kostüme hängen hier, Requisiten sind in Regalen untergebracht, eine Werkbank steht hier, gleich daneben sind teure Scheinwerfer verstaut. Pohlmann hebt einen Baumarktscheinwerfer vom Boden. „Damit haben wir angefangen“, sagt er, „jetzt haben wir für die Schauspieler teure Headsets.“

Theater im Kegelkeller klänge irgendwie schräg

Vor dreißig Jahren ist die Gruppe als „Plattdütschen Krink“ (Plattdeutscher Kreis) gestartet. Damals waren die Theatermacher noch Teil des Glinder Heimatvereins, der sich bis heute besonders um die alte Kupfermühle kümmert und für den Erhalt der Niederdeutschen Sprache bemüht. Aus dem „Krink“ wurde erst eine Theater-AG und später dann der eigenständige Verein „Theoter ut de Möhl“. Der Name erinnert an die Zeit in der Mühle. Er ist geblieben, auch als die Theaterschaffenden ins Bürgerhaus zogen. Aber: Theater aus dem Kegelkeller klänge auch irgendwie schräg.

Von den Anfängen vor dreißig Jahren zeugt ein Plakat, das im Keller an der Wand hängt. „De swoore Revangsch“ steht darauf. Premierendatum des ersten Stückes: 28. November 1987. Die Komödie hatte der Glinder Carl-Otto Lange damals extra für die Schauspieler geschrieben, „frei nach einer wahren Begebenheit im alten Dorf vor ca. 55 Jahren“, wie es im Untertitel heißt. Auf der Besetzungsliste taucht auch Pohlmanns Name auf, der Jehann gespielt hat, den „Brögam“. „Ich war der jugendliche Liebhaber“, sagt er. Heute ist er Rentner und unterhaltsamer Theaterchef. „Habt ihr eigentlich Hände und Füße gewaschen“, raunt er die Truppe beim Frühstück an.

Neues Theaterstück „Voll Vörbi ist eine Komödie

Die bereitet sich schon seit Wochen auf das neue Stück im Jubiläumsjahr vor. Auch das ist wieder ein Glinder Original, geschrieben von Albert Stoller (73), der seit mehr als zwei Jahrzehnten bei Produktionen als Bühnenbauer mitwirkt. Das Stück habe zehn Jahre in der Schublade gelegen, dann sei es recht schnell gegangen, so Stoller. Herausgekommen ist „Voll Vörbi“ , eine Komödie mit Glinder Lokalkolorit, mit vielen Pointen, mal fein abgeschmeckt, mal eher derb serviert – und mit einem Happy End. Zusammengehalten wird die Szenenfolge durch die Freundschaft von Geert Bohnsack und Gunnar Rümpel, der ungewollt in einen Kriminalfall verwickelt wird. „Einigen Schauspielern sind die Dialoge auf den Leib geschrieben“, sagt Autor Stoller. Zudem seien viele kleine Anekdoten eingeflossen und Autobiographisches, so der 73-Jährige. Besonders freue er sich an den kleinen Szenen zwischendurch. Zum Beispiel an einem Dialog beim Kartoffelschälen: ein liebevolles Gespräch mit Linda, Sieglinde und Agnes über kleinere Schnitte und Augenoperationen. Oder aber eine Slapstick-Einlage beim Tangostudium nach Buchanleitung.

Beim Ensemble kommt das Stück gut an. Die neun Schauspieler stolpern mit großer Lust und Textbüchern in den Händen über die Probebühne im Keller. Dass einmal jemand in dem kleinen Raum nicht laut lacht oder zumindest deutlich sichtbar schmunzelt, kommt eigentlich gar nicht vor.

Nachwuchs für plattdeutsche Stücke schwer zu finden

Die Räume haben die Theatermacher von der Stadt gemietet. Sie finanzieren sich komplett selbst, über Einnahmen und Mitgliederbeiträge. Das Geld brauchen sie auch. Die Lizenzen der Stücke wollen ebenso gezahlt werden, wie Kostüme, Technik und Bühnenbild. Zu ihrem Weihnachtsmärchen laden die Ehrenamtler zudem einmal im Jahr einen Kindergarten aus ärmeren Wohngegenden ein. „Hinter dem Theater steckt auch ein sozialer Gedanke“, sagt Pohlmann. So gehe das Theater auch regelmäßig mit Sketchen auf Tour durch Altenheime.

Mit dem Nachwuchs ist es dagegen schwierig, besonders für die plattdeutsche Produktion. „Platt wird Zuhause nicht mehr gesprochen“, sagt Pohlmann. Sein Blick in die Zukunft der niederdeutschen Bühne ist also nicht nur positiv: „Wir werden, wenn es so weiter geht, irgendwann nicht mehr auf Plattdeutsch spielen können.“

Insofern erinnert die „Intensivprobe“ in Glinde dann doch irgendwie an ein konspiratives Treffen: Ein geschützter Kellerraum mit einer Gruppe von Menschen, die an dem Erhalt einer aussterbenden Mundart arbeiten.