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Überblick: Die acht größten Hürden für Flüchtlinge

Keine Grenzen zwischen den Religionen: Eine bunte Gemeinde rückt in der St. Johanneskirche zusammen, der Syrer Nai Zaeda spielt arabische Lieder

Keine Grenzen zwischen den Religionen: Eine bunte Gemeinde rückt in der St. Johanneskirche zusammen, der Syrer Nai Zaeda spielt arabische Lieder

Foto: Sebastian Knorr / HA

Beim Nachbarschaftsfest in Ahrensburg feiern Einheimische mit Neubürgern. Es geht um Erfolge bei der Integration – und Schwierigkeiten.

Ahrensburg.  Einen Moslem, der unter einem Kreuz singt, gebe es auch nicht alle Tage. Axel Fricke ist sichtlich gerührt, als er sich am Mikrofon in der Ahrensburger St. Johanneskirche bei allen Anwesenden bedankt. Drei arabische Stücke hat der syrische Musiker Hani Zeada (26) gespielt. Auch deutsche und englische Lieder hat die bunte Gemeinde angestimmt, christliche, weltliche und politische: zuletzt das Protestlied „We Shall Overcome“, das von der Hoffnung auf eine Welt ohne Krieg, Angst und Vorurteile erzählt.

Das gemeinschaftliche Singen in der Kirche ist der Abschluss eines Nachbarschaftsfestes, zu dem drei Gruppen eingeladen hatten: der Ahrensburger Freundeskreis für Flüchtlinge, dessen Vorsitzender Fricke ist; die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Pastorat, in dem auch der Freundeskreis Räume hat; der Förderverein St. Johannes. Letztere besorgte Sahnetorten und Kuchen, während die Flüchtlinge Kebab grillten. Dazu gab es gefüllte Weinblätter und orientalische Salate.

Beste Voraussetzungen also für Begegnungen, die sich überall beobachten ließen. Und eine gute Gelegenheit, mit Helfern und Flüchtlingen über die aktuelle Lage zu sprechen. Viele der Flüchtlinge sind jetzt seit knapp zwei Jahren in Deutschland. Sie sprechen mittlerweile gut Deutsch, bemühen sich, hier Fuß zu fassen. Sie sind dankbar, sprechen aber auch über Probleme. Einen Überblick über die Schwierigkeiten ihrer Integration in acht Punkten.

1. Wohnen

Dass Ahrensburg kaum freien preisweiten Wohnraum hat, bekommen auch alteingesessene Bürger zu spüren. Für Flüchtlinge ist der angespannte Wohnungsmarkt besonders belastend. Alleinstehende Männer teilen sich noch immer in Unterkünften die Zimmer. Auch eine siebenköpfige Familie lebt noch auf engem Raum. Das hindere den Austausch mit Einheimischen. „Deutsche Nachbarn sind wichtig“, sagt der Iraker Kardo Lateef.

2. Sprache

Sprache ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe. Viele der Flüchtlinge, die auf dem Fest sind, sprechen gut Deutsch, haben einen Integrationskurs und weitere Sprachkurse besucht. Viel verdanken sie ehrenamtlichen Lehrern des Freundeskreises. Eine von ihnen heißt Christine Schönfeld. Die pensionierte Lehrerin bietet mit einer Kollegin und Unterstützung der Beratungsstelle für Frauen und Mädchen Ahrensburg Deutschkurse für Mütter an, zu denen auch Kinder kommen können. Eine Zielgruppe, die von öffentlicher Seite vergessen werde, so Schönfeld. Dabei seien Frauen Kulturträger. Schönfeld: „Was sie lernen, bringen sie auch ihren Kindern bei.“

3. Behördengänge

Die erste akute Hilfe des Freundeskreises im Flüchtlingsjahr 2015 waren Patenschaften. Ein Pate ging mit seinem Schützling zur Bank, zum Rathaus oder zu anderen Behörden. Noch immer ist Hilfe nötig, auch wenn es mittlerweile um Zeugnisse, Unterlagen für die Ausbildung, Schufa und Verdienstnachweise geht. Das Hauptproblem ist geblieben: Für jedes Schriftstück braucht es einen Übersetzer in einfaches Deutsch.

4. Ausbildung

Wer in Deutschland bleiben kann, möchte die Zeit sinnvoll nutzen. Gut, dass derzeit viele Lehrstellen angeboten werden. Schlecht, dass es zu wenig Berufsausbildungsbeihilfe gibt, sagt Flüchtlingshelferin Claudia Wendland. Sie schildert die Situation eines Flüchtlings, der eine Lehre begonnen hat. Trotz Berufsausbildungsbeihilfe bekommt er im ersten Lehrjahr nur rund 750 Euro netto und damit weniger als zuvor mit Hartz IV. „Deutsche Auszubildende bekommen hier und dort mal etwas zugesteckt“, sagt Wendland. Der junge Syrer müsse von dem Lohn 550 Euro Miete bezahlen und eine Handyrechnung, komme deshalb derzeit kaum über die Runden. Wendland: „Das hat Signalwirkung auf weitere Flüchtlinge.“

5. Aufenthaltsstatus

Je nach Herkunft haben Flüchtlinge Probleme mit ihrem Status. Viele Afghanen können sich nicht auf freie Ausbildungsplätze bewerben, auch wenn sie gut Deutsch sprechen. Eine Frau aus Armenien klagt über unfaire Verfahren. Für Flüchtlingshelfer und Betroffene sind die Entscheidungen im Einzelfall häufig schwer zu verstehen und machen betroffen.

6. Familiennachzug

Ähnlich sieht es beim Thema Familiennachzug aus. Nur wer „vollen Schutz“ genießt, darf seine Kinder in die neue Heimat holen. Vielen Flüchtlingen wird derzeit aber nur „eingeschränkter Schutz“ zugestanden und ein Familiennachzug damit verwehrt. Kanzlerin Angela Merkel hat gerade erst angekündigt, über die bis zum März 2018 geltende Sperre für Familiennachzug erst im nächsten Jahr zu entscheiden.

7. Schule

Was Kardo Lateef über die Wohnsituation sagt, lasse sich laut Flüchtlingshelfer auch auf das Klassenzimmer übertragen: „Deutsche Sitznachbarn sind wichtig.“ Deshalb appelliert der Freundeskreis dafür, sich weiter mit der Verteilung von Flüchtlingskindern auf die Ahrensburger Schulen zu beschäftigen.

8. Freiwillige Helfer

„Als wir den Freundeskreis gegründet haben, war das Mitgefühl in der Gesellschaft stark ausgeprägt“, sagt der Vorsitzende Axel Fricke. „Wir mussten damals keine Werbung machen für den Freundeskreis.“ Das habe sich allerdings grundlegend geändert, so Fricke. Neue Helfer zu finden sei schwierig. Die Aufmerksamkeit für Flüchtlingsthemen nehme ab. Der Freundeskreis reagiert mit neuen Ideen. Zum Beispiel gibt es jetzt einen sogenannten Helfer-Pool: „In dem können sich Ehrenamtler eintragen, die sich zeitlich nicht verpflichten möchten, aber trotzdem etwas tun wollen.“ Fricke: „Jeder kann sich mit seinen Talenten einbringen.“

Weitere Infos und Kontakt: www.freundeskreis-fluechtlinge.de und unter der Telefonnummer 04102/824 18 14