Kreis Stormarn

Warum heute mehr Frauen auf die Jagd gehen

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Marc R. Hofmann
Sie gehören zu den jungen Jägern in Stormarn (vorn v.l.): Eicke Nuppenau, Till Dahlmann, Katja Janssen sowie (hinten v.l.)  Svea Niemann, Christin Eissing, Moritz Dahlmann, Soenke Niemeyer-Reeckmann

Sie gehören zu den jungen Jägern in Stormarn (vorn v.l.): Eicke Nuppenau, Till Dahlmann, Katja Janssen sowie (hinten v.l.) Svea Niemann, Christin Eissing, Moritz Dahlmann, Soenke Niemeyer-Reeckmann

Foto: Andreas Laible

Anteil weiblicher Teilnehmer bei Jägerprüfung im Kreis Stormarn steigt in diesem Jahr auf ein knappes Drittel.

Rethwisch.  Christin Eissing spielt Handball in der 1. Damenmannschaft des SV Preußen Reinfeld. Die blonde Frau hat rot lackierte Fingernägel, trägt enge Jeans. Nur die festen Wanderschuhe und die braune Fleece-Jacke geben einen Hinweis darauf, dass die 19-Jährige Jägerin ist. „Ich habe den Jugendjagdschein mit 16 gemacht“, sagt die Stormarnerin aus Heidekamp bei Reinfeld. „Mein erster Bock war unser Weihnachtsessen“, erzählt sie stolz.

Zahlen der Kreisjägerschaft Stormarn belegen: Immer mehr Frauen machen einen Jagdschein. In diesem Jahr stieg ihr Anteil auf 32 Prozent, nachdem er in den Vorjahren bereits bei mindestens 20 Prozent lag. Von den 794 Mitgliedern im Kreisverband sind 133 (17 Prozent) weiblich. Frauen sind damit in Stormarn deutlich stärker als im Landesverband vertreten, wo es nur elf Prozent sind.

Was macht die Jagd so attraktiv?

„Noch vor 25 Jahren waren es bundesweit betrachtet nur ungefähr ein Prozent“, sagt Hendrik Löffler, Obmann für Öffentlichkeitsarbeit. Schleswig-Holstein steht an der Spitze beim Zuwachs an Jägern. Die Zahl stieg 2016 um sechs Prozent. Außerdem hat das Land mit einem Jäger auf 127 Einwohner die höchste Jägerdichte.

Doch was macht die Jagd so attraktiv? „In der Natur aktiv sein und wissen, woher das eigene Essen kommt, ist wieder in“, sagt Svea Niemann, die sich als Jugendobfrau um den Nachwuchs kümmert. Im Gegensatz zu den Männern seien Jägerinnen weniger technikverliebt. Natürlich müssen aber auch sie sich mit Waffen auskennen. „Ich brauche kein schickes Gewehr, benutze das von meinem Freund oder Vater“, sagt Christin Eissing. Schlechter schießen würde sie aber nicht, sagt die junge Frau selbstbewusst. In diesem Frühjahr habe auch ihre kleinere Schwester mit 16 Jahren – das ist das jüngste mögliche Alter – die Prüfung abgelegt.

Eicke hat ihr „grünes Abitur“ seit einem Monat

Anders ist es bei Eicke Nuppenau. Sie hat ihr „grünes Abitur“ erst seit einem Monat. „Berührungsängste zur Jägerschaft hatte ich trotzdem nicht“, sagt sie. Bereits seit zehn Jahren bläst die Optikermeisterin das Jagdhorn. „Die Ausbildung wollte ich erst durchhaben“, sagt die 27-Jährige. Ob sie sich vorstellen könne, ein Tier auszunehmen? „Klar, am Anfang zwar lieber mit einem erfahrenen Jäger an meiner Seite, aber dann traue ich mir das zu“, sagt sie spontan.

„Wildbrethygiene ist Bestandteil der Ausbildung und wird sehr ernst genommen“, sagt auch Moritz Dahlmann (21). Schließlich wollten sie das Fleisch auch selbst essen. Sein Bruder Till (19) ergänzt: „Wer weiß, wie viel Mühe die Jagd macht, genießt viel bewusster.“

Gibt es auch Kritik für ihr Hobby?

Bei Katja Janssen aus Todendorf war der Weg zur Jägerin schon vorgezeichnet. Schon von Kindesbeinen an ging die heute 26-jährige mit auf die Jagd. „Damals noch in lilanen Gummistiefeln“, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. An der Begeisterung hat sich seither nichts geändert.

Doch ernten die jungen Jägerinnen und Jäger für ihr Hobby auch Kritik? Christin Eissing: „In meinem direkten Umfeld nicht. Als ich mein erstes Handballspiel zugunsten einer Jagd abgesagt habe, haben meine Kameradinnen mich erst einmal nach Fleisch gefragt“, sagt die angehende Speditionskauffrau. Widerspruch habe es nur einmal unter einem Foto gegeben, das ihre Schwester im Netzwerk Instagram veröffentlicht hatte. „Da haben uns Leute verunglimpft, die wir überhaupt nicht kennen und die sich mit der Jagd nicht auskennen“, sagt sie. Das Tier sei natürlich weidmännisch, also fachgerecht, erlegt worden. Moritz Dahlmann ergänzt: „Wir akzeptieren andere Meinungen, lassen ungerechtfertigte Kritik aber auch nicht einfach im Raum stehen.“

Vergessen werde oft die Rolle der Jäger für das Revier

Kritik hat auch Svea Niemann schon erlebt. Anders als erwartet jedoch nicht von Kollegen – die 44-Jährige arbeitet als Sozialpädagogin in Hamburg-Altona – sondern aus der Familie. „In langen Diskussionen habe ich immer wieder versucht, Verständnis für die Jagd zu wecken, leider vergebens.“

Kritikern begegnet sie so: Vergessen werde oft die Rolle der Jäger bei der Hege ihres Reviers. „Der Mensch greift bereits so stark in die Natur ein, dass es kein natürliches Gleichgewicht mehr gibt.“ Jäger legten Knicks und Blühstreifen an, um die Artenvielfalt zu stärken, so Niemann. Außerdem beteiligten sie sich mit ihren Hunden an der Kitz-Suche vor der Ernte, damit die Tiere nicht in Mähwerke geraten, sagt Till Dahlmann. „Wer dagegen ist, sagt es einem leider meist nicht persönlich“, so Dahlmann. Im Bekanntenkreis seien viele Interessierte, einige von ihnen kämen mitunter mit auf die Jagd. „Auch wenn das nicht heißt, dass sie gleich einen Jagdschein machen“, so der junge Reinfelder.

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