Stormarn
Prozess

Ein Angeklagter und das "Recht auf Gegenschlag"

Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft gegen den 58 Jahre alten Großhansdorfer umfasst 16 Punkte. (Symbolfoto)

Foto: Volker Hartmann / dpa

Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft gegen den 58 Jahre alten Großhansdorfer umfasst 16 Punkte. (Symbolfoto)

Großhansdorfer steht wegen Beleidigung vor Amtsgericht in Ahrensburg. Er fühlt sich von Blogger aus der Schlossstadt provoziert.

Ahrensburg.  "Normalerweise ist das nicht mein Vokabular. Ich habe mich sprachlich Herrn L. angepasst, weil er nur diese Sprache versteht." Mit diesen Worten versucht der 58 Jahre alte Erwin T. (Namen geändert) am dritten Verhandlungstag vor dem Amtsgericht in Ahrensburg, seine Beleidigungen gegenüber einem Ahrensburger zu begründen.

Es sind Äußerungen wie "stinkender Nazi" und "Frauenschänder", weswegen sich der Großhansdorfer derzeit wegen Beleidigung verantworten muss. Auch Richter und Anwälte hat T. in den vergangen Jahren massiv beleidigt. Doch bei der Verhandlung am gestrigen Mittwoch ging es zunächst nur um das Verhältnis zwischen Erwin T. und dem 74 Jahre alten Rentner L., der ein Internetblog über Ahrensburg betreibt.

Eigentlich sollte L. bei der Verhandlung am Mittwoch weiter vernommen werden. Wie berichtet, saß er bereits am zweiten Verhandlungstag im Zeugenstand und sollte nun weiter aussagen. Doch soweit kam es nicht. Denn bevor der Zeuge, der fast drei Stunden vor dem Verhandlungssaal auf seinen Auftritt gewartet hatte, weiter befragt werden sollte, wollte Erwin T. eine vorläufige Einlassung abgeben – und zwar zu den Anklagepunkten , die den Ahrensburger Blogger betreffen.

Erwin T. und L. standen sich öfter vor Gericht gegenüber

Dabei gliedert der Großhansdorfer mit dem grauen Haaren und dem Vollbart die Auseinandersetzung mit L. in vier Phasen. Die erste beginnt im Mai 2009. T. tritt als Kandidat für das Bürgermeisteramt in Ahrensburg an und wird damit zur Zielscheibe von L., der eigenen Aussagen zufolge das merkwürdige Verhalten von Erwin T. kommentiert, persifliert und karikiert hat.

Der Blogger benutzt das Wahlkampf-Plakat von T., ein typisches Porträt, ersetzt sein Gesicht durch einen Totenkopf und attestiert T. unter anderem ein gestörtes Wahrnehmungsvermögen. Ferner bezeichnet der Rentner den Angeklagten als Lügner, Trickbetrüger und Rufmörder. Um dies zu belegen steht der Angeklagte auf, hält ausgedruckte Beiträge des Bloggers hoch, damit sie sowohl der Richter als auch Staatsanwalt und das Publikum sehen können. Das Fazit des Angeklagten nach seinen Ausführungen für die erste Phase: "Zeuge L. beleidigte und schmähte mich, meine Frau und versuchte, mein Unternehmen zu schädigen."

In der zweiten Phase, ab April 2010, kommt es insbesondere zu gegenseitigen Klagen, Strafeinzeigen und einstweiligen Verfügungen. T.s Fazit: "L. gewinnt beim Amtsgericht, ich verliere."

Prozess wird am Freitag, 23. Juni, fortgesetzt

Von Juni 2011 bis April 2013 dauert Phase drei, oder – wie T. sagt – der Hamburger Mammutprozess. "Ich habe entschieden, mich bei der Pressekammer Hamburg gegen L. zu wehren." Immer wieder beschäftigt sich das Gericht mit den beiden, kommt letztlich zu dem Schluss, dass bei wechselseitigen Beleidigungen beide quasi straffrei bleiben. T. nennt es "das Recht auf Gegenschlag".

Doch nach diesem Urteil wird es rund ein Jahr ruhig um die Rivalen. Erst im Mai 2014 beginnt Phase vier. Erwin T. bezeichnet L. in einer E-Mail unter anderem als Nazi-Hetzer, Lügner und Frauenschänder. Auch auf der anderen Seite wird wieder gepöbelt: L. bezeichnet T. als "Hohlschädel".

Der Zeuge L. hatte ausgesagt, dass der Angeklagte ihm Hunderte E-Mails und Briefe geschickt habe. Wie viele es ungefähr in der letzten Phase waren, wollte der Staatsanwalt von T. wissen. Eine Frage, die sich T. notiert hat und beim nächsten Mal beantworten will. Genauso wie die Frage des Richters, was Anlass dafür war, dass nach einem Jahr Funkstille die Pöbeleien weitergingen. Die Antworten sowie die weitere Vernehmung von L. werden nun am Freiitag, 23. Juni, erwartet.

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