Tunneltal

Warum Kostümierte im Ahrensburger Wald kämpfen

Die Waldtempler in Aufstellung auf einem der Erdwälle, die früher Burg Arnesvelde umgaben

Die Waldtempler in Aufstellung auf einem der Erdwälle, die früher Burg Arnesvelde umgaben

Foto: Marc R. Hofmann / HA

Rollenspieler gehen im Ahrensburger Tunneltal als Wächter, Jäger oder Alchemisten ihrem Hobby nach. Das Abendblatt hat sie besucht.

Ahrensburg.  Sonnabendmittag auf einem Parkplatz im Ahrensburger Westen, direkt neben einem Schnellrestaurant: Autos fahren vor, Männer, Frauen und Kinder steigen in grün-schwarzen Gewandungen aus oder laufen vom nahegelegenen U-Bahnhof herüber. Ein Schauspiel, das sich zumindest der warmen Jahreszeit monatlich wiederholt. Die Waldtempler, wie sie sich nennen, sind eine Gruppe von etwa 30 Rollenspielern aus Hamburg und Umgebung, die sich im Tunneltal in Sichtweite der historischen Burgruine Arnesvelde treffen, um ihrem Hobby nachzugehen.

„Ich wollte einen Ausgleich, mache hier Urlaub vom Alltag“, erklärt Christoph Eickstädt. Erst vor rund einem Jahr ist er dazu gestoßen, spielt jetzt als Endress Thorlez einen Wächter-Anwärter. „Am Live-Rollenspiel reizt mich besonders die Verbindung von Geschichte und körperlicher Aktivität“, sagt der 36-Jährige nach einem Duell. Mit einem lauten Knall waren er und sein Kontrahent zuvor immer wieder mit ihren schweren Rüstungen aneinander geraten, hatten gekonnt mit ihren echt aussehenden, aber schaumstoffleichten Schwertern gekämpft.

Die Ahrensburger kennen die Rollenspieler mittlerweile

Wie Eickstädt tauchen auch Andre Hülsmann (26) und Veronika Scibbe (23) aus Trittau spätestens mit Überqueren der Moorwanderbrücke in eine andere Welt ein. Er wird zu Offiziersanwärter Maratas, aus seiner Freundin der Alchemie-Lehrling Blanka Forstkind. Beide haben sich beim Rollenspiel kennen gelernt. In aufwendig gestalteten Gewandungen spielen sie die Mitglieder eines mittelalterlichen Ordens, der im Namen der Göttin Gaia gegen das „Urböse“ in den Kampf zieht. Hülsmann sagt, die Burg, nur wenige Hundert Meter von Parkplatz, U- und Busstation entfernt, sei für die Teilnehmer aus Hamburg und dem Umland gut zu erreichen, aber gleichzeitig ruhig genug gelegen, um den Übergang in das fiktive Land Aldaria zu ermöglichen.

„Die Ahrensburger kennen uns mittlerweile und auch der Förster weiß Bescheid“, sagt Hülsmann, der die Spieler dieses Mal anführt. Immer wieder bleiben Spaziergänger stehen, beobachten mit Interesse die schweißtreibenden Kämpfe der mit Schwert, Schild und Rüstung bewaffneten Wächter, das leise Anschleichen der mit Pfeil und Bogen ausgerüsteten Jäger und das rege Treiben von Priestern und Alchemisten auf einem der ehemaligen Burgwälle.

Im Wald um die Burgruine teilen sich die Rollenspieler auf

„Fragen beantworten wir gern“, sagt Marlene Zander, die Jägerin Aruna M. K. Jotteo verkörpert. Für vorbeifahrende Radfahrer werde schon einmal ein Spalier gebildet, bei Hunden das Spiel sicherheitshalber kurz unterbrochen. „Unsere Pfeile mit Gummikopf sind an sich ungefährlich, die Tiere könnten aber den Glasfaserschaft zerbeißen und sich verletzen. Mal davon abgesehen, dass sie ziemlich teuer sind“, sagt die 26-Jährige. Probleme habe es nie gegeben, die Reaktionen der Passanten seien durchweg positiv, ergänzt Andre Hülsmann, der im echten Leben als Karosseriebauer arbeitet.

Im Wald um die Burgruine teilen sich die Rollenspieler auf, erfahrene Mitglieder unterrichten die Novizen in Kampfkunst, Alchemie und religiösen Belangen. „Interessenten treffen wir einmal vorab, schauen, ob sie zu uns passen“, sagt Hülsmann. Danach würden sie eingeladen, an einem der Trainings teilzunehmen, in dem die Geschichte der Tempelritter von Mal zu Mal fortgeschrieben wird.

Ein Jahr, bis sie die Fähigkeiten ihres Charakters beherscht

Gemeinsam wird überlegt, welcher Charakter passen könnte, bevor die Ausbildung in einer der „Laufbahnen“ folgt. Anwärter bräuchten mindestens ein Jahr, bis sie die Fähigkeiten ihres Charakters voll beherrschen. „Dann folgt eine Prüfung“, sagt Offiziersanwärter Maratas alias Andre Hülsmann.

Denn bei den Stormarnern gilt, dass jeder Spieler die Eigenschaften seines Charakters auch verkörpern können muss. „Wir wollen uns nicht mit dem Zählen von Punkten aufhalten, die einzelnen Charaktere müssen Fertigkeiten ihrer Laufbahn aber glaubhaft rüberbringen können“, so Benjamin Horneffer (33), der als erfahrener Jäger die Neulinge in der Kunst des Bogenschießens unterrichtet. „Einstiegsdroge waren für mich Mittelaltermärkte und das rein fiktive Rollenspiel“, sagt der ehemalige Soldat. Der 33-jährige Hamburger gehört seit fünf Jahren zu den Waldtemplern und engagiert sich – wie viele seiner Mitspieler – auch noch in anderen Rollenspielgruppen.

Für die 23-jährige angehende Mediengestalterin Jana Oehm war es hingegen das erste Mal. Sie hat Waldtempler Horneffer alias Eolariel Bloemgart erst kürzlich auf einem Treffen Gleichgesinnter in Rheinland-Pfalz kennen gelernt. Nach einem Tag als angehende Jägerin sagt sie: „Ich will unbedingt wiederkommen.“ Dann allerdings als Shannon Leonida.

Die Waldtempler