Stormarn
Autobahn 1

Bargteheide: Warum steht hier keine Leitplanke?

19. Januar 2017: Eine Autofahrerin war auf der A 1 in Bad Oldesloe von der Fahrbahn abgekommen und gegen mehrere Bäume geprallt

19. Januar 2017: Eine Autofahrerin war auf der A 1 in Bad Oldesloe von der Fahrbahn abgekommen und gegen mehrere Bäume geprallt

Foto: rtn, peter wuest / rtn

Massive Bäume stehen wenige Meter von der Autobahn 1 in Bad Oldesloe entfernt. Alte Richtlinie erlaubt Verzicht auf den Schutz.

Bad Oldesloe.  Das Dach ist völlig eingedrückt, die Karosserie verformt: Von dem weißen Opel Corsa ist nur noch ein Haufen Schrott übrig, der an einem massiven Baumstamm steht. Zuvor haben Rettungskräfte die schwer verletzte junge Fahrerin aus dem Wrack befreit. Die 20 Jahre alte Hamburgerin war vor dreieinhalb Wochen auf der Autobahn 1 in Richtung Süden unterwegs. Kurz hinter der Ausfahrt Bad Oldesloe verlor sie die Kontrolle über ihren Opel, prallte gegen die Mittelschutzplanke und kam von der Fahrbahn ab. Laut Karsten Witt, Chef der Autobahnpolizei in Bad Oldesloe, fuhr sie auf den Grünstreifen, der wegen seiner leichten Vertiefung wie ein Sprungschanze wirkte. „Das Auto flog regelrecht gegen die Bäume“, sagt Witt.

Die neue Richtlinie gilt erst seit 2009

Doch warum gibt es an einer solch gefährlichen Stelle keine Außenleitplanke, die womöglich einen Zusammenstoß mit den Bäumen verhindert hätte? Die Antwort vom zuständigen Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr (LBV) in Lübeck: Weil die Autobahn an dieser Stelle alt ist und somit die neuen Richtlinien für mehr Sicherheit erst bei einer Sanierung des Abschnitts gelten. „Laut neuem Regelwerk müssen Außenleitplanken gebaut werden, wenn die Bäume zwölf oder weniger Meter von der Fahrbahn entfernt stehen“, erklärt Britta Lüth, stellvertretende Leiterin des LBV. Diese „Richtlinie für passiven Schutz an Straßen“ ist 2009 novelliert worden und gilt daher nur bei Neubauten oder Sanierungen von Straßen. Zuvor war eine Leitplanke erst dann Pflicht, wenn die Bäume deutlich näher an der Fahrbahn standen.

„In dem Regelwerk werden Gefährdungen abgewogen. So sind beispielsweise Mittelschutzleitplanken auf Autobahnen Pflicht, weil sie in den meisten Fällen Autofahrer davon abhalten, in den Gegenverkehr zu geraten“, erklärt Lüth und weist auf die Unfallfolgen hin, die damit grundsätzlich minimiert werden sollen – für den Unfallfahrer selbst und andere Verkehrsteilnehmer. So ist auch auf und unter Brücken eine Außenschutzplanke vorgeschrieben. Diese soll verhindern, dass Autofahrer in die Tiefe stürzen oder gegen eine Brückenpfeiler prallen. „Auch vor Notrufsäulen sind Leitplanken Pflicht, weil dort jemand stehen könnte, der geschützt werden soll“, erklärt Britta Lüth.

ADAC fordert, auch den Altbestand zu überprüfen

Für die Experten der Dekra führen Leitplanken grundsätzlich zu einer deutlich verbesserten Verkehrssicherheit. „Durch die konstruktiven Eigenschaften kann ein Fahrzeug an diesen abgleiten, sodass auf die Insassen deutlich verringerte Belastungen wirken“, erklärt Thomas Hilker, Fachabteilungsleiter Unfallanalyse und stellvertretender Leiter der Dekra in Hamburg. Prallt das Auto jedoch gegen einen Baum, sind die Kräfte, die auf das Fahrzeug und die Insassen wirken, um ein vielfaches höher. „Bei Geschwindigkeiten, wie sie auf Landstraßen oder Autobahnen gefahren werden, sind schwerste bis tödliche Verletzungen der Regelfall“, erklärt Hilker.

Deswegen fordert der ADAC Hansa in Hamburg, dass die neuen Richtlinien nicht nur für neue Straßen gelten sollen. „Wir setzen uns dafür ein, dass auch der Altbestand überprüft wird und gegebenenfalls nachgebessert wird“, sagt Christian Hieff, Sprecher des ADAC Hansa. Dazu zähle auch der Abschnitt auf der Autobahn 1 bei Bad Oldesloe, an dem die junge Opel-Fahrerin verunglückt ist. „Nach neuem Standard müsste dort eine Leitplanke gebaut werden“, sagt Hieff.

Grünstreifen könnte auch verbreitert werden

Für Unfallanalyst Thomas Hilker wäre an dieser Stelle der Autobahn aber auch die Verbreiterung des Grünstreifens um etwa zehn Meter hilfreich. Wenn also die Bäume weiter von der Fahrbahn entfernt stünden, wäre der Abschnitt sicherer.

Zwar würde laut Hilker an dieser Stelle eine Leitplanke im Idealfall dafür sorgen, dass ein Auto an ihr entlang schrammt und auf dem Standstreifen zum Stehen kommt. Aber er sieht noch eine weitere Gefahr. „Je nach Konstellation – also beispielsweise Aufprallwinkel und Lenkbewegung des Fahrers – ist es möglich, dass der Pkw nach dem Anstoß an der Schutzplanke zurück auf die Fahrspuren der Autobahn gerät. Hier kann es dann mit nachfolgenden Fahrzeugen zu Unfällen kommen – mit dem Risiko, dass die Zahl der Verletzten und die Höhe des Sachschadens deutlich steigt.“