Stormarn
Stormarns Museen

Serie: Ein Besuch im Eisenbahnmuseum in Aumühle

Claus Thiele hat auf dem Oberdeck der Walddörfer-Straßenbahn Platz genommen. Rechts steht ein preußischer Abteilwagen

Claus Thiele hat auf dem Oberdeck der Walddörfer-Straßenbahn Platz genommen. Rechts steht ein preußischer Abteilwagen

Foto: Sebastian Knorr / HA

Stormarns Museen: Serie in der Abendblatt-Regionalausgabe. Heute: das Eisenbahnmuseum Lokschuppen in Aumühle. Jeden Sonntag geöffnet.

Aumühle.  Zehntausende Stormarner, die jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit fahren, pflegen eine eher praktische Beziehung zum Schienenverkehr. Das Ziel: reibungslos von A nach B zu kommen, schnell und pünktlich. Auch ein Sitzplatz ist von Vorteil. Gedanken macht sich der gemeine Pendler erst, wenn etwas nicht so läuft wie geplant: Verspätung, Zugausfall, Tür klemmt. Und das alles passiert gefühlsmäßig viel zu oft.

Ein Heilmittel gegen diese ebenso verständliche wie unglückliche Reaktion liegt etwas versteckt im Sachsenwald bei Aumühle. Etwa 100 aktive Vereinsmitglieder frönen dort einer Leidenschaft für alles, was sich auf Schienen bewegt. In ihrem Eisenbahnmuseum sammeln, restaurieren und pflegen sie alte Zugmodelle. Jeden Sonntag öffnen sie das Gelände und ihre Hallen für Besucher.

Die meisten Fahrgäste nahmen auf Holzbänken Platz

Einer der Zug-Fans heißt Claus Thiele, ist 69 Jahre alt und pensionierter Bahnmitarbeiter. Seine Jungfernfahrt fällt in die Mitte des 20. Jahrhunderts und damit in eine Zeit, in der die in Aumühle ausgestellten Exponate noch in Betrieb waren. Dampfloks ratterten über die Gleise, hinterließen schwarze Rauchschwaden am Himmel.

Aber auch in Sachen Komfort hat sich seither einiges getan. Die meisten Reisenden nahmen damals meist auf den harten Holzbänken der dritten Klasse Platz. Nur wer es sich leisten konnte, fuhr gepolstert.

Dank alter Fotos ist bei Claus Thiele die Erinnerung an seine erste Fahrt erhalten geblieben. Als Dreijähriger ging es mit der Familie von Franken nach Kiel. Die Reise hinterließ beim kleinen Claus einen bleibenden Eindruck. Wenig später entdeckte er sein Hobby. Spaziergänge mit seinem Vater führten „grundsätzlich“ irgendwann am Güterbahnhof vorbei, sagt er mit einem Lächeln. Dort kletterten Vater und Sohn auf abgestellte Wagen, schauten sich Bremshäuschen an.

Gut 100 Vereinsmitglieder arbeiten an drei Standorten

Dass Thiele sein Hobby später zum Beruf macht, ist da nur konsequent, bleibt aber immer ein Kompromiss: Zwar hat er es als Betriebsleiter mit Zügen, Schienen und Bahnhöfen zu tun – nicht allerdings mit den schönen Zügen aus seiner Kindheit. „Ich liebe alte Dampfloks“, sagt er. „Und ich liebe die alte Holzklasse.“

In Aumühle hat Claus Thiele jetzt Gleichgesinnte gefunden. In einem alten Schuppen betreibt der Verein Verkehrsamateure und Museumsbahn heute ein Eisenbahnmuseum. Etwa 340 Mitglieder zählt der Verein, um die 100 arbeiten regelmäßig an einem von drei Standorten. Denn neben dem Lokschuppen betreiben die Zug-Fans eine Museumsbahn am Schönberger Strand und ein Nahverkehrsmuseum im Hamburger Stadtteil Wohldorf-Ohlstedt.

Dass es heute überhaupt ein Eisenbahnmuseum in Aumühle gibt, geht zurück auf eine Reise in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Eine Gruppe von Verkehrsamateuren aus England besuchte damals Hamburg und Umgebung. Gleichgesinnte fanden sich, Freundschaften entstanden. Die Idee, die damals noch vorhandene Vielfalt neuer und alter Verkehrsmittel zu dokumentieren und – wenn nötig – vor dem Verfall zu schützen, schwappte von England nach Hamburg über.

Ein umgebauter Büfettwagen ist für kleine Feiern zu mieten

Der nächste große Schritt in Richtung Museum war die Gründung des Kleinbahn-Vereins Wohldorf im Jahr 1958. Ein Jahr zuvor sollten die letzten beiden Doppelstockbeiwagen der Walddörfer-Straßenbahn, einer stillgelegten Ausflugsbahn, verschrottet werden. Pascal Horst Lehne kaufte einen der Wagen vom Schrotthändler, stellte ihn in den Garten seines Hauses in Wohldorf, gewährte zu festen Zeiten Besichtigungsmöglichkeiten und baute mit Freunden das Oberdeck wieder auf. Das war die Geburtsstunde des heutigen Museums.

Jetzt steht der Doppelstockwagen im Lokschuppen neben preußischen Abteilwagen, einer großen Dampflok und vielen alten Maschinen und Werkzeugen, mit denen die Bastler tatsächlich noch arbeiten – so richtig original eben. Früher wurden auf dem Areal über Nacht Loks abgestellt, die Schlacke entsorgt und kleine Reparaturen erledigt. Weil immer mehr Dampfloks aussortiert wurden, fiel das Gebäude aus der Zeit und damit in die Hände der Zug-Fans. Seit 1972 mieteten sie es für einen symbolischen Preis von der Bahn. 2004 kauften sie dem Unternehmen das Betriebsgelände dann ab. Jetzt ist es die Endstation für ausrangierte Wagen aller Art.

Höhepunkt: Preußischer Abteilwagen aus dem Jahr 1914

Einiges haben die Eisenbahnfreunde dort bewegt. Und abgesehen von den tonnenschweren Exponaten, die von nah und fern nach Aumühle befördert werden mussten, auch eine Menge Geld. 60.000 Euro Kaufpreis für den Lokschuppen zum Beispiel und eine halbe Million Euro für die Überdachung der Wagen, die außerhalb des Lokschuppens stehen. Das Geld sammelt der Verein über Spenden, für die Überdachung gab es zudem Zuschüsse von der Europäischen Union.

Ein stattlicher Fuhrpark ist über die Jahre zusammengekommen. Ein Höhepunkt ist ein liebevoll restaurierter preußischer Abteilwagen aus dem Jahr 1914 – das Holz der dritte Klasse strahlt, ein alter Lederkoffer liegt im Gepäcknetz, eine Lampe baumelt von der Decke. Auch der umgebaute Büfettwagen überzeugt, der für kleine Feiern gemietet werden kann, die Feldbahn, mit der auf dem Gelände gefahren wird, und die Draisine, bei der Besucher selbst Hand anlegen müssen.

Am besten aber ist es, sich mal in eins der alten Abteile zu setzen, die Beine auszustrecken und sich von der Bahnromantik anstecken zu lassen – ganz fern vom Pendlerstress.

Eisenbahnmuseum Aumühle
Am Mühlenteich, So. 11.00-17.00 und nach Absprache, Tel. 04104/ 963 92 08, Eintritt frei