Stormarn
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Infektionskrankheit bedroht heimische Singvögel

Zwei Grünfinken (Carduelis chloris) scheinen in der Luft zu tanzen. Auch diese Vogelart ist betroffen

Zwei Grünfinken (Carduelis chloris) scheinen in der Luft zu tanzen. Auch diese Vogelart ist betroffen

Foto: dpa Picture-Alliance / Mestel/Hecker / picture alliance / blickwinkel/M

Zählung ergibt einen Rückgang bei Blau- und Kohlmeisen um rund 30 Prozent. Experten vermuten Infektionskrankheit als eine Ursache

Ahrensburg/Bad Oldesloe.  Tierschützer sind in Sorge um verschiedene Singvogelarten. Der Naturschutzbund (Nabu) meldet einen Bestandsrückgang von rund 30 Prozent bei Blau- und Kohlmeisen. „Wie es scheint, haben sich die Befürchtungen von Vogelfreunden bestätigt“, sagt Ingo Ludwichowski, Fachbeauftragter für Ornithologie beim Nabu. Immer mehr Vogelliebhaber beklagen das Wegbleiben typischer Gartenvogelarten wie Meisen, Finken und Amseln. Diesen Eindruck bestätigen nun erste Ergebnisse der im Anfang Januar vom Nabu initiierten Aktion „Stunde der Wintervögel“. Ludwichowski sagt zum Abendblatt: „Es sind derzeit tatsächlich relativ wenig Vögel zu sehen.“

Entwicklung bei den Grünfinken besorgniserregend

3597 Vogelfreunde haben sich landesweit an der Aktion beteiligt, in 2349 Gärten 90.216 Vögel gezählt. Auch 318 Stormarner haben mitgemacht, in 214 Gärten zählten sie 7487 Vögel. Alle Meisenarten sowie Grünfinken und Gimpel sind die großen Verlierer der aktuellen Entwicklung. Bei den Grünfinken seien die Zahlen besorgniserregend. Der Winterbestand hat sich seit 2011 halbiert, heißt es von Seiten des Nabu. „Schuld dürfte die seit 2008 in Deutschland und dem benachbarten Ausland grassierende Trichomoniasis sein. Das ist eine Infektionskrankheit, an der viele Grünfinken sterben“, sagt Ingo Ludwichowski.

In Stormarn wurde mittels aktueller Zählung bei den Grünfinken ein Rückgang von 46 Prozent registriert. Nur in einem Drittel aller teilnehmenden Gärten wurde der Vogel überhaupt gesichtet. Eine einfache Erklärung für dieses Phänomen hat aber auch der Fachmann nicht parat. „Die Einflüsse auf die Vogelbestände sind vielfältig und komplex“, sagt Ludwichowski.

Im Garten von Hans Wirth in Sattenfelde hingegen herrscht reges Vogeltreiben. Allerdings sind es überwiegend Spatzen, die sich an den dort ausgehängten Leckereien bedienen. „Wir haben eine Spatzenkolonie unterm Dach“, erklärt der Hobby-Ornithologe. Seit Jahren engagiert sich Wirth für die gefiederten Tiere. Auch ihm ist aufgefallen, dass es seit Herbst einen akuten Singvogelmangel gibt. „Früher kamen viele Grünfinken, Stieglitze oder Rotkehlchen. Die fehlen in diesem Jahr vollständig“, sagt Wirth. Die klassischen Waldvögel wie beispielsweise die Tannenmeisen kämen noch, wenn auch in stark verminderter Zahl. Für den Sattenfelder ist der Singvogelmangel ein rätselhaftes Phänomen, für das auch er keine verlässliche Erklärung hat.

Einsatz von Insektenvernichtern hat auch Folgen für die Vögel

In der Landwirtschaft werden immer häufiger Neonicotinoide verwendet, mit denen erfolgreich Insekten bekämpft werden. Das könnte einer der Gründe sein. „Alle Vögel lieben Insekten. Gerade Jungvögel benötigen sie in den ersten Wochen als Futter zum Überleben“, sagt Hans Wirth. Gerade der auffällige Mangel an Fluginsekten könne vielen Vogelarten in kritischen Phasen – wie etwa einem nasskalten Frühjahr – Nachteile bringen.

Der Nabu nennt weitere mögliche Ursachen für das Fehlen der Singvögel: Eine insgesamt zu milde Witterung sowie eine schlechte Brutsaison 2016. Diese sei wiederum auf den gestiegenen Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft zurückzuführen. Solange Eis und Schnee ausbleiben, finden viele Vogelarten noch ausreichend Nahrung und sind nicht gezwungen, Futterhäuschen in Gärten aufzusuchen. „In Europa leben heute rund 450 Millionen Vögel weniger als noch vor drei Jahrzehnten und die Roten Listen werden immer länger“, sagt Ludwichowski. Um die Situation für die Singvögel zu verbessern, seien die bisherigen Anstrengungen der Politik nicht ausreichend. Einen Zusammenhang mit der aktuell grassierenden Vogelgrippe schließt der Nabu aus. „Theoretisch sei eine Ansteckung möglich. Doch Funde von toten, infizierten Singvögeln gab es bislang nicht“, sagt Hans Wirth. Er wird weiterhin Futter in seine Vogelhäuschen legen. Auch, wenn sich momentan dort nur Spatzen einfinden.

Auf Platz eins mit 1285 gezählten Besuchern in Stormarns Gärten steht übrigens der Haussperling. Er kommt nach wie vor in 60 Prozent aller Gärten vor. Stark zugenommen bei den Wintergästen haben nach Angaben des Naturschutzbundes die Bergfinken, Wacholderdrosseln und die Ringeltaube.