Stormarn
Niederdeutsche Sprache

Eine plattdeutsche App fürs Plietschfon

Aktivist in Sachen Plattdeustch: Heinrich Thies (78) aus Glinde

Aktivist in Sachen Plattdeustch: Heinrich Thies (78) aus Glinde

Foto: Lutz Wendler / HA

Heinrich Thies hat an der ersten Niederdeutsch-Schreibhilfe für Smartphones mitgewirkt. Seit 2010 läuft ein Online-Wörterbuch-Projekt.

Glinde.  Alltiet bereit. Oder altiet? Oder vielleicht alltied? Oder gar altied? Sicher ist nur eines: Wer Platt spricht, hat weniger Probleme als einer, der Platt schreibt. Abhilfe könnte aber eine neue App für Smartphones und Tablets schaffen, die seit kurzem kostenlos von Google angeboten wird. Dafür, dass die Schreibhilfe verlässlich ist, bürgt ein Experte aus Glinde.

Wer meint, dass Plattdeutsch eine gemütliche Sprache mit viel Heimatgefühl sei, aber weder zeitgemäß noch dem Tempo auf der Datenautobahn gewachsen, der kennt Heinrich Thies nicht. Der 78-Jährige findet nämlich, dass das digitale Zeitalter beste Voraussetzungen dafür bietet, die niederdeutsche Sprache lebendig zu erhalten und dadurch ihren Erhalt, wenn nicht gar ihre Verbreitung zu befördern. Dafür nutzt Thies alles, was ihm zur Verfügung steht: Klappreekner (Laptop) und Plietschfon (Smartphone), Fastplaat (Festplatte) und Spiekersticken (Memorystick). Auch Richtkuppler (Router) sowie Kiekbruser (Browser) sind dem emsigen Nettkieker (Surfer im Netz), der umfangreiche Korrespondenz per Nettbreef (E-Mail) pflegt, vertraut.

Für korrektes Plattdüütsch auf dem Plietschfon

Thies ist das Gegenteil von einem Digital Native, aber auch keiner, der digital naiv wäre. Deshalb nutzt er fürs Plattdeutsche die Chancen, die neue Medien bieten, und hat unverzüglich zugesagt, als SwiftKey, ein Tochterunternehmen von Google, bei ihm anfragte, ob er als Sprach-Experte eine neue App als Schreibhilfe für das Niederdeutsche überprüfen und korrigieren könne. Es ging um eine Funktion, die für Nutzer von Smartphones und Tablets bei hochdeutschen Texten längst selbstverständlich ist, weil es sich als nützlich erweist, bereits beim Schreiben einzelner Buchstaben angeboten zu bekommen, wie das nächste Wort aussehen könnte. Das Ganze hat den erfreulichen Nebeneffekt, dass Rechtschreibfehler vermieden werden können.

Klar, dass die Anfrage ganz im Sinne von Heinrich Thies war. Denn er kümmert sich seit 20 Jahren intensiv um die niederdeutsche Sprache. Thies weiß, dass Platt nur dann Zukunft hat, wenn junge Menschen dafür gewonnen werden. Das setzt entsprechendes Handwerkszeug voraus. Deshalb hat er, ausgehend vom Plattdeutschen Wörterbuch von Johannes Sass, zwei eigene modernisierte Wörterbücher und eine leicht zu handhabende Grammatik geschrieben. Thies orientierte sich bei Wortauswahl und Gestaltung auch an modernen Wörterbüchern, setzte auf die einheitliche Rechtschreibung nach Sass, und er kreierte Neologismen, Wörter wie Nettpoort für Homepage oder Nettdeenstanbeder für Provider.

Also der richtige Mann auch für das neue Projekt des Labels SwiftKey, das sich selbst vervollständigende und wortvorschlagende Rechtschreibprüfungen für zahlreiche Sprachen, darunter auch exotische und kleine regionale, anbietet. Bezeichnend, dass das Unternehmen mit einer Online-Recherche startete, die rasch zu einem aus dem Netz reproduzierten Wortschatz führte. Und so wie diese Liste, die nach dem Muster „Koperen & Infögen“ (Copy & Paste) entstand, wurde der geeignetste Fachmann für ihre Überprüfung schnell über das Internet gefunden.

Thies arbeitet seit 2010 an einem Online-Wörterbuch

Thies wusste, dass sich auch bei der neuen Aufgabe ein Problem stellt, das er bestens kennt: dass es das Niederdeutsche an sich nicht gibt, sondern Platt eine Sprache mit vielen Gesichtern ist. Und er weiß auch, dass es manchmal klüger ist, über sprachliche Nuancen zwischen zum Beispiel mecklenburgischem, niedersächsischem, ostfälischem oder Hamburger Platt hinwegzugehen, um die Sprache an sich zu verbreiten. Heinrich Thies sagt: „Ich habe die nordniederdeutschen Rechtschreibregeln des Sass angewendet, die als gemeinsames Gerüst für alle Platt-Dialekte funktionieren können.“

Im Juli hat er – quasi ehrenamtlich – mit der Arbeit für SwiftKey begonnen und „erstmal viel aus der Liste rausgeschmissen“. Es folgten Feinarbeit und Vereinheitlichung. Am Ende stand ein Wortschatz von etwa 25.000 Wörtern, der seit einem Monat öffentlich zugänglich ist. Die App „Play Store“ von Google (https://play.google.com/store/apps) eröffnet den Zugang zu SwiftKey Beta, das auf Smartphones und Tablets mit dem Betriebssystem Android (ab 4.1) läuft. Die Nutzung auf Apple-Geräten wie iPhone und iPad ist geplant.

Der Termindruck des Online-Unternehmens kam Thies sehr gelegen. Denn der Platt-Aktivist, den man auch als „en polietschen Kopp“ bezeichnet, der „strateegsch“ denkt und geschickter „Nettwarker“ ist, wollte die Unterbrechung an seinem Marathonprojekt möglichst kurz halten. Thies, der 2014 für seine Verdienste um die niederdeutsche Sprache das Bundesverdienstkreuz erhielt, arbeitet seit 2010 an einem umfassenden Online-Wörterbuch für Platt. Rund 112.000 Stichwörter hat er bei der systematischen Sichtung aktueller Wörterbücher wie Deutsch-Englisch oder Deutsch-Niederländisch gesammelt. Für die akribische Bearbeitung jedes einzelnen Begriffs konsultiert Thies die großen einschlägigen Platt-Wörterbücher. 40.000 Begriffe, so sagt er, seien bereits abgearbeitet.

Auch diese Arbeit macht Thies kostenlos, Enthusiasmus treibt ihn an: „Dass ich nichts daran verdiene, macht nichts. Wichtig ist, dass es allen zur Verfügung steht.“ 2020 möchte er das Online-Wörterbuch komplett haben. „Wenn ich es noch schaffe“, sagt er und lächelt schelmisch. Er weiß, dass noch viel digitale Basisarbeit auf ihn wartet – zum Beispiel ein plattdeutsches Rechtschreibprogramm für den Computer. Heinrich Thies jedenfalls ist allzeit bereit. Besser gesagt: Alltiet praat.