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Günstigeres Angebot

Ahrensburg: Kommt die Klo-Rolle rückwärts?

Der Stein des Anstoßes: Das vollautomatische Wasserklosett an der Manfred-Samusch-Straße in unmittelbarer Nähe zum Ahrensburger Rathaus

Der Stein des Anstoßes: Das vollautomatische Wasserklosett an der Manfred-Samusch-Straße in unmittelbarer Nähe zum Ahrensburger Rathaus

Foto: Markus Scholz / dpa

Das als „teuerste Toilette Deutschlands“ verspottete Häuschen könnte doch noch bleiben. Die Firma JCDecaux machte günstigeres Angebot.

Ahrensburg.  Es ist ein stiller Ort, der in Ahrensburg einmal mehr für vernehmbares Getöse sorgen wird. Ein kleines Klohäuschen, für das die Stadt innerhalb von zehn Jahren fast eine halbe Million Euro bezahlte, weil sie im Jahr 2006 einen umstrittenen Vertrag mit der Firma JCDecaux schloss. Das vollautomatische Wasserklosett vor dem Rathaus schaffte es sogar bis ins Schwarzbuch des Steuerzahler-Bundes, der bei diesem Geschäft einen klaren Fall von Geldverschwendung sieht. Die Politik zog die Notbremse, das Toilettenhäuschen sollte Anfang Januar weg. Doch nun hat JCDecaux nach Abendblatt-Informationen der Stadt ein günstigeres Angebot unterbreitet, das der Entwicklung eine überraschende Wendung geben könnte.

Angesichts des immensen Defizits hatten die Politiker im Umweltausschuss im Mai mit acht zu eins Stimmen beschlossen, den Vertrag mit der Firma Decaux, die mit Außenwerbung, Warte- und eben Klohäuschen Milliardenumsätze generiert, zum 31. Dezember dieses Jahres zu kündigen. Dabei spielte auch eine Rolle, dass es ganz in der Nähe im Peter-Rantzau-Haus, im Rathaus, in der Stadtbücherei und im Einkaufszentrum CCA behindertengerechte Toiletten gibt.

Saubere WCs nicht zu jedem Preis

Der Steuerzahler-Bund lobte die „konsequente Entscheidung“ der Politik. Präsident Aloys Altmann sagte bei der Vorstellung des Schwarzbuches in Kiel: „Der Toilettenvertrag ist viel zu teuer.“ Der Wunsch nach sauberen WCs, um die man sich nicht kümmern müsse, sei verständlich – aber nicht zu jedem Preis. Das Ahrensburger Luxus-WC fand schließlich durch einen Bericht im ZDF-Länderspiegel in der Reihe „Hammer der Woche“ sogar bundesweite Beachtung. Die Firma JCDecaux rechnete noch einmal nach und lieferte eine Offerte, die sie den Ahrensburgern kurz vor Weihnachten präsentierte. Nach Informationen dieser Zeitung würde sich die Miete demnach von jetzt 44.000 Euro jährlich etwa halbieren. Hinzu kommen rund 2000 Euro für Strom und Wasser.

Nun kommt das dunkelgrüne Häuschen, das sich nach jedem Gang selbsttätig reinigt und das vom Seniorenbeirat mangels echter Alternative als unverzichtbar angesehen wird, erneut auf die Tagesordnung. Aufgrund eines Eilantrages der Grünen werden sich die Damen und Herren um die Umweltausschuss-Vorsitzende Marleen Möller (SPD) aller Wahrscheinlichkeit nach am kommenden Mittwoch, 14. Dezember, einmal mehr mit Deutschlands wohl teuerster öffentlicher Toilette befassen. Wie steht die Politikerin zum Thema? Der jetzige Standort sei „nie richtig angenommen worden“, sagt sie. Schließlich nutzen den Ort der Notdurft im Schnitt nur zwei Bürger je Tag. Somit schlägt jeder Toilettengang angesichts der immensen Betriebskosten und 50 Cent Nutzungsgebühr mit 57 Euro Subvention in der Stadtkasse zu Buche.

„Eine barrierefreie Toilette im Zentrum ist nötig“

Dennoch steht für Marleen Möller fest, dass „besonders ältere Bürger und Menschen mit Behinderung eine barrierefreie Toilette im Zentrum benötigen“. Zur Frage des Standortes sagt sie: „Ein Platz an der Großen Straße könnte eine Alternative sein.“ Aber säßen die Nutzer auf Ahrensburgs Gourmetmeile dort nicht wie auf wie dem Präsentierteller vor den zahlreichen Restaurants? „Man könnte das Häuschen vielleicht mit Bäumen oder Sträuchern umrahmen. Auf jeden Fall sollten wir die Toilette behalten“, so Möller. Es sei zu bedenken, dass die Stadt allein für den vertraglich festgelegten Abbau des etwa zehn Tonnen schweren Gebäudes mittels Kran und inklusive Rücktransport rund 8000 Euro zahlen müsste.

Das Thema Kosten stinkt auch Ausschusskollegen von Marleen Möller. Christian Schmidt von den Grünen zum Beispiel sagt auf Abendblatt-Anfrage: „Das neue Angebot von Decaux ist interessant. Ich bin froh, dass es vorliegt. Darüber müssen wir jetzt ernsthaft nachdenken.“ Schließlich gäbe es im Zentrum „keine wirkliche Alternative für Behinderte oder ältere Menschen“, würde das WC am Rathaus abgebaut. Auch lägen mögliche Neubauten am Bahnhof oder in einem geplanten Fahrrad-Parkhaus zu weit entfernt vom Stadtkern.

Konkrete Zahlen für Entscheidung notwendig

Marleen Möller drängt nun auf konkrete Zahlen als Grundlage für weitere Entscheidungen. Sie hat die Mitarbeiter des Baumamtes um Nachverhandlungen mit Decaux gebeten. Das bestätigt Vize-Bauamtsleiter Ulrich Kewersun. Er sagt: „Wir werden aber erst nachverhandeln, wenn der Umweltausschuss eine Grundsatzentscheidung getroffen hat, ob das WC in Ahrensburg bleiben soll oder nicht.“ In Bezug auf einen Standort-Wechsel weist er auf zusätzliche Kosten für die nötigen Anschlüsse hin. Das müsse gerade angesichts anderer Optionen mit in die Waagschale geworfen werden.

Das sieht Walter Schneider ähnlich. Der heute 79-Jährige war als früherer Vorsitzender des Umweltausschusses und Mitglied der Wählergemeinschaft WAB maßgeblich beteiligt an der Entscheidung für das umstrittene Klohäuschen. Er bedauert die Kündigung des Vertrages, hat als Mitglied des Seniorenbeirats einen Antrag an den Ausschuss gestellt, das WC am Standort Rathaus zu erhalten. Schneider: „Dort soll es bleiben. Es muss eine barrierefreie und hygienisch einwandfreie Toilette im Zentrum geben, die rund um die Uhr geöffnet ist.“

Doch wie hoch ist die Schmerzgrenze der Stadt angesichts der für den Steuerzahler immensen Kosten? SPD-Politikerin Möller sagt: „20.000 Euro dürfen es meiner Ansicht nach schon sein.“ Bleibt also abzuwarten, welche Entscheidung die Mehrheit im Ausschuss trifft. Und ob das Bauamt so gut nachverhandeln kann, dass einmal Pinkeln statt bisher 57 Euro künftig nur noch 28,50 Euro kostet. Interessant dürfte auch sein, wie der Steuerzahler-Bund zu einer solchen Klo-Rolle rückwärts stehen würde ...