Reinbek

Verlagswesen: Der Dino mit Sinn fürs Digitale

Uwe Naumann, 65, im Rowohlt-Foyer vor einem Porträt des Verlegers Heinrich Maria Ledig-Rowohlt

Uwe Naumann, 65, im Rowohlt-Foyer vor einem Porträt des Verlegers Heinrich Maria Ledig-Rowohlt

Foto: Lutz Wendler / HA

Nach 31 Jahren verabschiedet der Reinbeker Rowohlt-Verlag Uwe Naumann, langjähriger Sachbuch-Leiter und Verlagsgedächtnis.

Reinbek.  Über sich selbst sagt Uwe Naumann lächelnd: „Ich war der Dino im Verlag.“ Vom Alter her und der 31-jährigen Tätigkeit für Rowohlt mag das stimmen. Doch der schnelle Schluss, eine Art Fossil des deutschen Verlagswesens vor sich zu haben, ist falsch. Denn Naumann, der gestern mit einem Empfang im Foyer des Reinbeker Verlagshauses verabschiedet wurde, steht idealtypisch für das, was Rowohlt ausmacht: Im Bewusstsein der eigenen Tradition den Mut zu haben, sich auf neue Wege zu wagen.

Bezeichnend für diese Politik ist, dass Naumann 2013 die Verantwortung für den jüngsten Geschäftsbereich bei Rowohlt übertragen wurde: das Digitalprogramm. Es mag auf den ersten Blick überraschen, dass der Verlag nicht einen „Digital Native“ für die Entwicklung seiner eBook-Sparte einkaufte, sondern den hauseigenen Dino für den bestmöglichen Kandidaten hielt. „Ich bin nicht technikaffin, aber ich finde, dass Digitalisierung im Verlagswesen ein aufregendes Projekt ist, an dem ich mich früh beteiligt habe“, sagt Naumann, der anders als junge Newcomer alle Sparten im Print-Bereich kennt.

Naumann schickte Goethe auf die Datenautobahn

Tatsächlich war er als Herausgeber der alten Erfolgsreihe Rowohlts Monographien früh gezwungen, auf die Herausforderung von Online-Lexika wie Wikipedia zu reagieren, die das, was Generationen von Schülern und andere Wissbegierige benötigen, schnell und kostenlos liefern können. Naumann schickte mit eBooks, wie er sagt, „Goethe auf die Datenautobahn“ – und er war später trotz sentimentaler Zuneigung zu der Reihe kaufmännischer Realist genug, sie aufs bilderlose eBook zu beschränken, weil die Verkaufszahlen sanken und die Kosten für Fotos und Recherche stetig wuchsen.

Auch als langjähriger Programmleiter Sachbuch musste Naumann sich angesichts der Herausforderung Internet viele Gedanken darüber machen, wie sich der Stoff durch ergänzende Infos und Präsentationen digital anreichern ließe. Naumann: „Mit sogenannten ,enhanced eBooks’ waren wir damals etwas früh. Die Produktion von Video-Einspielern zum Beispiel ist eine schöne Ergänzung, kostet aber Geld und muss honoriert werden.“ Leider sei die Kostenlos-Mentalität im Digitalen noch zu sehr verbreitet.

Gleichwohl hat Rowohlt stets neue Formate ausprobiert, die über den schlichten „digitalen Zwilling“, das eBook zur Print-Ausgabe, hinausgehen. Und das eröffnet für Naumann den kreativen Reiz, Leser einzubeziehen, etwa im Krimi mit QR-Codes, die interaktive Formen ermöglichen: „Wer kriegt schon Antwort vom Mörder?“ Auch dieses spielerische Element passt gut zu Rowohlt und erinnert an den kauzigen Alt-Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt (1908–1992), der Autoren wie Henry Miller gern zur Tischtennis-Partie im Foyer forderte.

Naumanns Ära im Sachbuch steht für Bestseller

Uwe Naumann schätzt die kreativen Möglichkeiten, die durch neue Medien eröffnet werden. Das betreffe auch den literarischen Bereich mit viel Self Publishing, das jedoch nicht ohne professionelle Hilfe von Lektorat und Marketing auskomme. Naumann will das Buch mit seiner Aura, das sinnlichen Erleben beim Blättern, den Geruch, nicht missen. Doch er sagt, dass Print und Digitales nicht gegeneinander gestellt werden sollten, sondern einander ergänzen könnten. „Wir haben die Chance, die Zukunft in unserem Sinne mitzugestalten, statt uns von der technischen Entwicklung bestimmen zu lassen. Das sollten wir nutzen.“

Den Sinn für Neues hat Naumann auch im Sachbuch bewiesen, dessen Programm er in dem Geist leitete, den Rowohlt einst mit populären Büchern wie „Götter, Gräber und Gelehrte“ begründet hatte. Naumanns Ära im Sachbuch steht für Bestseller wie „Die Glücksformel“, die unterhaltsam, aber nicht unter Niveau über wissenschaftliche Entwicklungen berichtet haben. Dazu zählt auch die Entdeckung von manchmal flapsig, aber präzise formulierenden Autoren wie dem Mediziner und Kabarettisten Eckart von Hirschhausen, dessen Buch „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“ zu Rowohlts größten Sachbucherfolgen zählt.

Bei alledem ist der promovierte Literaturwissenschaftler Naumann ein Bildungsbürger, der selbst als Experte für die Familie Mann gilt („Sie sind so etwas wie die deutschen Windsors“) und als profunder Kenner des eigenen Verlags, an dessen Jubiläumsbuch zum 100. Geburtstag er federführend beteiligt war. Die Kollegen, die Naumann beim Abschiedsempfang seine persönliche Rowohlt-Monographie überreichten, bekannten in Wortbeiträgen zwischen Hommage und Ode, wie sehr er ihnen fehlen wird. Sie wissen: In der digitalen Zukunft wird es nicht einfach sein, ohne „Uwepedia“, die mobile analoge Datenbank, auszukommen.