Stormarn
Kommentar

Ein außergewöhnlicher Vorgang in der Politik

Abendblatt-Redaktionsleiter Hinnerk Blombach

Abendblatt-Redaktionsleiter Hinnerk Blombach

Foto: Birgit Schücking

FDP-Fraktionschef Thomas Bellizzi kritisiert Abendblatt-Bericht. Eigentlich kein Problem. Doch Ort und Art sind schon bemerkenswert.

Ahrensburg. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Politiker in einer Stadtverordnetenversammlung manche Dinge entscheiden, ohne eine inhaltliche Diskussion zu führen. Denn die ist häufig zuvor schon intensiv in den Ausschüssen gelaufen.

Ziemlich ungewöhnlich ist aber, was am Montagabend in der Ahrensburger Stadtverordnetenversammlung zum Thema Sanierung des Kunstrasenplatzes beim SSC Hagen gesagt wurde. Als es darum ging, dass die Stadtverordneten 91.500 Euro für die unerwartet teurer werdende Sanierung freigeben sollten, gab es keine Diskussion in der Sache. Bemerkenswerter war allerdings die einzige Wortmeldung zu diesem Tagesordnungspunkt: FDP-Fraktionschef Thomas Bellizzi verzichtete hierbei ebenfalls auf ein Für oder Wider zur Beschlussvorlage. Vielmehr holte er zu einer deftigen Kritik an der Berichterstattung im Hamburger Abendblatt aus. Explizit störte er sich an der Überschrift „Krebsgift im Kunstrasen - Ahrensburg schießt Eigentor“. Das höre sich ja so an, empörte er sich sinngemäß, als ob hier die Stadt mit Absicht das Leben von Kindern gefährde.

Die Schlagzeile ist inhaltlich richtig

Nun ist es tägliches Geschäft von Journalisten, dass sie kritisieren – und vor allem, dass sie kritisiert werden. So weit, so normal und auch so wichtig. Warum also nun dieser Kommentar? Ein Gegenschlag eines Kritisierten, eines Beleidigten? Nein. Es ist die Auseinandersetzung mit einem außergewöhnlichen Vorgang in einer öffentlichen Sitzung des wichtigsten parlamentarischen Gremiums der Stadt.

Natürlich kann man über die Schlagzeile streiten – ob sie gut, ob sie informativ, ob sie angemessen oder vielleicht zu laut war. Eines war sie aber in jedem Fall: inhaltlich richtig. Krebsgift? Ja. Kunstrasen? Ja. Ahrensburg? Ja. Eigentor? Ja. Bei letzterem Begriff handelt es sich zweifelsohne um eine Metapher. Diese ist in der dazugehörigen Unterzeile erläutert: Ahrensburg wollte durch ein günstiges Granulat „wirtschaftlich“ handeln. Vorbildlich. Nun aber wird es teurer für die Stadt, für die Steuerzahler. Unabhängig davon, ob es für irgendjemanden vorhersehbar war. Eigentor? Ja. Denn ein Eigentor wird nicht absichtlich geschossen. Es passiert zum Beispiel dann, wenn man eine (Tor-)Gefahr abwenden will. Und doch ist es ärgerlich.

Abendblatt-Bericht kritisiert nicht das Vorgehen der Stadt

An keiner Stelle des Abendblatt-Berichts wird übrigens das Vorgehen der Stadt kritisiert. Denn die von dem gekauften Granulat möglicherweise ausgehende Gefahr war bis kurz vor dem geplanten Ausbringen nicht bekannt. Dass die Stadt dann den Bau gestoppt, Experten konsultiert und sich nun für ein anderes Granulat entschieden hat, ist durchaus verantwortungsbewusst.

Und so bleibt es rätselhaft, warum sowohl Bürgermeister Michael Sarach als auch viele weitere Politiker, die dem Stadtverordneten Bellizzi bei seiner Kritik heftig klopfend Zustimmung signalisierten, sich so sehr an dem Bericht stören. Warum mahnt Bellizzi vernünftige Recherche an, kritisiert aber nicht den Inhalt des Artikels, sondern nur die Überschrift? Möglicherweise, weil in dem Text die umfassende Recherche deutlich wird?

Das Thema verdient größtmögliche Transparenz

Es bleibt ebenfalls rätselhaft, warum die Stadt weder den Baustopp noch das Ergebnis der Gutachten und die sich daraus ergebenden finanziellen Folgen von sich aus schnellstmöglich kommuniziert hat. Das Abendblatt hat in beiden Fällen aus anderen Quellen davon erfahren und erst auf Nachfrage entsprechende Informationen bekommen. Das ist zwar unser Job. Gleichwohl kann man auch erwarten, dass ein Thema von dieser Tragweite – die Folgen für den Spiel- und Trainingsbetrieb des SSC Hagen und jetzt auch für die Stadtkasse sind erheblich – möglichst transparent behandelt.

Und so drängt sich der Eindruck auf, dass man über unangenehme Themen nicht gern so laut spricht. Und wenn es dann doch laut wird, den Überbringer der Nachricht zum Schuldigen macht.

Thomas Bellizzi hat am Montagabend ein faires Verhalten der Presse gefordert. Dazu sind wir auch weiterhin sehr gern bereit. Wir werden weiter kritisieren. Wir werden weiterhin Kritik annehmen. Und wir werden weiterhin einfach berichten, was Sache ist. So wie beim Thema Kunstrasen des SSC Hagen.