Stormarn
Prüfungsstress

Führerschein: Jeder vierte Stormarner fällt durch

Steuern den Führerschein an: Fahrlehrer Marian Richert (62) aus Glinde mit seinem Fahrschüler Timo Riess (17) aus Wentorf

Steuern den Führerschein an: Fahrlehrer Marian Richert (62) aus Glinde mit seinem Fahrschüler Timo Riess (17) aus Wentorf

Foto: Laura Treskatis / HA

Die Erfolgsquote ist allerdings deutlich höher als in Hamburg. Dort scheitern 40 Prozent der Fahrschüler bei der praktischen Prüfung.

Glinde.  Souverän steuert Timo Riess den silberfarbenen VW Tiguan über die Autobahn 25 Richtung Hamburg. Die Hände des 17-Jährigen liegen oberhalb der Lenkachse auf der sogenannten Viertel-vor-drei-Position. Seine Haltung ist gerade, der Blick konzentriert. Neben ihm hat Fahrlehrer Marian Richert auf dem Beifahrersitz Platz genommen. Den Fahrschulwagen bezeichnet der 62-Jährige als sein Wohnzimmer, das offene Handschuhfach vor ihm als seinen Schreibtisch. Mit ruhiger Stimme gibt Richert dem Oberstufenschüler Anweisungen. An diesem Tag ist Timos 26. Fahrstunde. Die praktische Prüfung rückt näher. Die Nervosität steigt.

Zumindest statistisch gesehen, hat Timo gute Chancen, zu bestehen: Nach Angaben des Stormarner Fachdienstes für Straßenverkehrsangelegenheiten lag die Durchfallquote im Kreis im vergangenen Jahr bei 23 Prozent. Dieser Wert entspricht auch etwa der landesweiten Quote (23,5 Prozent). Anders sieht es dagegen in Hamburg aus: Wie das Abendblatt kürzlich berichtete, fallen in der Nachbarstadt 40 Prozent der Fahranfänger bei der praktischen Prüfung durch.

In Stormarn sei es leichter, Auto zu fahren

Diese Ergebnisse lassen sich vor allem auf den Schwierigkeitsgrad der Prüfgebiete zurückführen, wie Richert sagt: „In Stormarn ist es eindeutig einfacher als in Hamburg, Auto zu fahren.“ Und er muss es wissen: 1979 machte Richert seinen Fahrlehrerschein in der Hansestadt. Bevor er seine eigene Fahrschule am Glinder Markt im Jahr 1987 gründete, brachte er Hamburgern das Fahren in den Stadtteilen Hamm, Billstedt, Mümmelmannsberg und Horn bei. „Da treffen Anfänger dann auf mehrspurige Fahrbahnen und Verkehrssituationen, die selbst für Profis schwierig sind“, sagt Richert.

Dieser Meinung ist auch Frank Walkenhorst, Landesvorsitzender des Fahrlehrer-Verbands Schleswig-Holstein. Er sagt: „In Hamburg gibt es deutlich mehr Fehlerquellen als in Kleinstädten.“ Besonders heikel sei dabei das Links-Abbiegen an großen Kreuzungen.

Richert meint, die Dauer vieler Fahrausbildungen sei zu kurz

In Glinde gebe es dagegen nur eine Kreuzung, an der die Fahrschüler üben können, wie Marian Richert sagt. Auch das Prüfgebiet unterscheidet sich deutlich von dem der Hamburger: Richerts Fahrschüler prüft der TÜV Nord eher in ländlichen Regionen. Hierzu zählen Strecken in Reinbek, Wentorf, Kröppelshagen, Aumühle und Dassendorf.

Dass die Qualität der Prüfer oder Fahrlehrer für die hohen Durchfallquoten in Hamburg verantwortlich ist, kann sich Richert nicht vorstellen. Er hält eher die Dauer vieler Fahrausbildungen für problematisch. Richert: „Heutzutage soll alles sehr schnell gehen.“

„Mit etwa 30 Fahrstunden muss man rechnen“

Der 62-Jährige erlebe oft, dass Jugendliche sich gegenseitig mit der Anzahl ihrer Fahrstunden unterbieten würden. „Meistens wird dabei gelogen“, sagt Marian Richert. Auch die Konzen­tration beim Autofahren leide zunehmend. Richert ist der Meinung, dass die Ausbildung vor allem bei schwierigen Verkehrsgebieten länger dauern sollte. „Mit etwa 30 Fahrstunden muss man rechnen“, sagt Richert. 38 Euro zahlen seine Schüler für eine 45-minütige Fahrstunde.

Doch auch wenn Timo Riess die Großstadt während seiner praktischen Prüfung erspart bleibt, übt Richert mit ihm für die Zeit nach der Fahrschule: Kurz vor der Autobahn-Ausfahrt Hamburg-Bergedorf setzt der 17-Jährige den Blinker.

Mit dem Schulterblick vergewissert er sich, ob die Spur frei ist und verlässt die A 25. „Auch Bergedorf ist im Vergleich mit anderen Stadtteilen eher ländlicher“, sagt Richert. Dennoch sieht er auch hier einen höheren Schwierigkeitsgrad.

Auch „theoretisch“ schneidet der Kreis besser ab

Und Timo erlebt ebenfalls schnell die Tücken der Großstadt: An der Bergedorfer Straße steht er in der falschen Spur, doch ein schneller Wechsel ist nicht mehr möglich. Rechts von ihm rauscht ein Bus der Linie 8890 vorbei. Dem hätte der 17-Jährige folgen sollen, stattdessen muss er nach links abbiegen. Als die Ampel an der Vierlandenstraße auf Rot springt, muss Richert für ihn bremsen. Die sonstigen Fahrten durch die Kreise Stormarn und Herzogtum Lauenburg findet Timo angenehmer. „Da ist es ruhiger“, sagt der Wentorfer.

Die theoretische Prüfung hat Timo noch vor sich. Auch hier schneiden die Stormarner laut Statistik besser ab: In der Hansestadt fielen im vergangenen Jahr 34,5 Prozent durch. In Stormarn dagegen nur 28,6 Prozent. Dennoch zeigen diese Zahlen, dass den Fahranfängern in Stormarn die Theorie deutlich schwerer fällt als die Praxis. „Leider bereiten sich viele Jugendliche nicht gut genug auf die theoretische Prüfung vor“, sagt Christian Hieff, Sprecher des ADAC Hansa.

Möglichkeiten dazu, gebe es heutzutage genüge, so der Pressesprecher. Mit einer Führerschein-App des ADAC können Fahranfänger den Fragenkatalog auf ihrem Smartphone durchgehen. Weitere Infos rund um den Führerschein bietet die ADAC-Homepage www.jungesportal.de.

Um vor dem praktischen Teil sicherer zu werden, hält Richert eine Vorprüfung für sinnvoll. Bei dieser üben die Fahranfänger eine dreiviertel Stunde lang für den Ernstfall. Richert: „Dann kann nichts mehr schiefgehen.“