Klein Wesenberg

Radfahrer auf die Straße? Gemeinde wehrt sich

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Rieke Winter
Dietrich Derlien (v.l.), Alfred Fischer und Herbert David fordern, Radfahrer auf dem Gehweg zuzulassen

Dietrich Derlien (v.l.), Alfred Fischer und Herbert David fordern, Radfahrer auf dem Gehweg zuzulassen

Foto: Rieke Winter / HA

Klein Wesenbergs Bürgermeister fordert Freigabe des Gehwegs an der Alten Dorfstraße. Stormarner Verkehrsaufsicht lehnt das ab.

Klein Wesenberg.  Herbert David ist wütend. Seit 20 Jahren ist er Bürgermeister der Gemeinde Klein Wesenberg im Norden Stormarns. „Ich habe hier schon so manches Unwetter miterlebt“, sagt er. Was nun jedoch am Ortseingang aus Richtung Lübeck geschehen ist, bezeichnet David als „Schildbürgerstreich“, als ein „echtes Husarenstück“. „Die Gemeinde Klein Wesenberg hat bereits Einspruch erhoben. Das lassen wir nicht mit uns machen“, sagt er entrüstet.

David steht an besagtem Ortseingang, an der Alten Dorfstraße. Sie ist Teil der Kreisstraße 7 zwischen Lübeck und Bad Oldesloe – und nach Aussage des Bürgermeisters die meistbefahrene Straße in Klein Wesenberg. Dort liegt auch der Grund für Davids Entrüstung: Ein neues Schild sorgt in seiner Gemeinde seit Kurzem für Unmut.

Ein blauer Kreis mit weißem Rand, in der Mitte ein ebenfalls weißes Piktogramm, das Mutter und Kind abbildet. Verkehrszeichen 239: Sonderweg für Fußgänger. Und nur für Fußgänger. Das Kreisverkehrsamt Stormarn habe es aufstellen lassen, berichtet Herbert David und fügt sofort aufgebracht hinzu: „Ich finde es unverantwortlich, dass Radfahrer auf der Alten Dorfstraße fahren sollen und den Fußweg nicht benutzen dürfen.“ Denn ein paar Kilometer weiter ist das erlaubt.

2010 wurden die Schilder aller Radwege überprüft

Das Problem gibt es in vielen Stormarner Orten – und neu ist es eigentlich auch nicht. „Das ist schon seit drei Jahren so“, erklärt Hans-Jürgen Zimmermann von der Verkehrsaufsicht des Kreises in Bad Oldesloe. Damals habe der Kreis Stormarn gemeinsam mit dem ADFC und der Polizei nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgericht aus dem Jahr 2010 die Beschilderung aller Radwege im Kreis überprüft.

Das Verkehrszeichen 240, das benutzungspflichtige Sonderwege für Radfahrer und Fußgänger ausweist, wurde an den meisten Stellen entfernt. „In Übereinstimmung mit der Straßenverkehrsordnung“, wie Zimmermann betont. Schließlich sei die allgemeine Radwegebenutzungspflicht schon lange aufgehoben. Seitdem müssen Radfahrer innerorts die Straße nutzen, die Gehwege sind den Fußgängern vorbehalten. Die Aktion sorgte damals im Kreis Stormarn für Verwirrung. So fragten sich auch Radfahrer am Tremsbüttler Weg in Bargteheide oder an der Hansdorfer Landstraße in Großhansdorf, ob sie nun auf der Straße fahren müssen oder lediglich dürfen.

Nachdem das Verkehrszeichen 240 entfernt wurde, wechselten die Radfahrer auch in Klein Wesenberg hinter dem Ortsschild an der Alten Dorfstraße vom Gehweg auf die Fahrbahn. Viel zu riskant, findet Herbert David. Vor etwa vier Wochen legte der Bürgermeister deshalb selbst Hand an: Er montierte ein weißes „Radfahrer-frei“-Schild. Das wurde jedoch vom zuständigen Straßenbauamt Lübeck wieder abgenommen, berichtet er. „Der Bürgermeister ist rechtlich auch gar nicht befugt, einfach irgendwelche Schilder aufzustellen“, sagt Hans-Jürgen Zimmermann. Nun steht an der Alten Dorfstraße das Verkehrszeichen 239. Und der Gehweg ist damit sichtbar als solcher deklariert.

Verkehr hat in vergangenen zwei Jahren stark zugenommen

Einige Bürger weigern sich jedoch, sich an die Regelung zu halten. Trotz des eigentlichen Fahrverbots kommen auf dem Fußweg immer wieder Radfahrer vorbeigefahren. „Es ist mir einfach zu gefährlich, hier auf der Straße zu fahren“, sagt Alfred Fischer, der kurz mit seinem Fahrrad anhält. Geschwindigkeitsmessungen, die am Ortseingang durchgeführt wurden, gäben Fischer recht, sagt Bürgermeister Herbert David.

„Fast die Hälfte der Autos, die in den Ort hineinfahren, sind zu schnell“, sagt er und zeigt verschiedene Diagramme mit Messwerten. Mehrere Tausend Fahrzeuge, die aus Richtung Lübeck kommend nach Klein Wesenberg fuhren, wurden zwischen dem 29. März und dem 18. April dieses Jahres erfasst. Das Ergebnis: Etwa 46 Prozent waren mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs. Der Spitzenwert lag bei 98 Kilometer pro Stunde. Zudem habe der Verkehr in den vergangenen zwei Jahren stark zugenommen, berichtet Herbert David: „Bei Stau auf der A 1 ist das hier für viele die Ausweichroute über Lübeck nach Mecklenburg.“ Seiner Ansicht nach sprechen all diese Punkte dafür, dass die Radfahrer den Gehweg weiterhin nutzen dürfen sollten.

Hans-Jürgen Zimmermann widerspricht dieser Einschätzung. „Bei der Verkehrsbeschauung vor drei Jahren haben wir uns auch die Lage in Klein Wesenberg genau angesehen,“ sagt er. „Eine Ausnahmeregelung gibt das Verkehrsaufkommen dort nicht her.“

Was den Unmut des Bürgermeisters und seiner Gemeinde noch verstärkt: „Im Nachbarkreis Herzogtum Lauenburg dürfen die Radfahrer weiterhin auf dem Gehweg fahren.“ Der Nachbarort Klein Schenkenberg zum Beispiel gehört zur Gemeinde Klein Wesenberg, liegt aber nicht mehr in Stormarn, sondern in Lauenburg. Auch dort führt eine Kreisstraße durch den Ort. Und auch dort steht das Verkehrszeichen 239. Der Kreis hat jedoch zusätzliche Schilder angebracht, die den Radfahrer die Nutzung des Gehwegs an der Kreisstraße weiterhin gestatten.

Herbert David bleibt bei seiner Forderung

„Früher war der Rad- und Fußweg an der Kreisstraße 71 in Klein Schenkenberg für Radfahrer benutzungspflichtig“, sagt Karsten Steffen, stellvertretender Pressesprecher des Kreises Herzogtum Lauenburg. Nach dem Wegfall der Benutzungspflicht habe der Kreis den Fußweg allerdings weiter für Radfahrer freigegeben. „Im ländlichen Bereich sind Konflikte mit Fußgängern eher selten zu erwarten“, sagt Steffen. „So haben die Radfahrer die Wahl, ob sie auf der Straße fahren wollen oder nicht. In der Regel wird das im ganzen Kreis so gehandhabt.“ Warum der Kreis Stormarn in Klein Wesenberg anders verfahre, entziehe sich seiner Kenntnis.

Hans-Jürgen Zimmermann hingegen weiß nicht, warum der Kreis Herzogtum Lauenburg in Klein Schenkenberg das Radfahren auf dem Gehweg gestattet. Ausnahmeregelungen seien zwar möglich, jedoch nur, wenn die Lage auf der Straße besonders gefährlich ist. Für ihn steht fest: „Wir geben den Gehweg in Klein Wesenberg nicht für die Radfahrer frei und gefährden dadurch die Fußgänger.“ Zudem würden sich Unfälle zwischen Radfahrern und Autofahrern seltener ereignen, wenn die Radfahrer die Straße nutzen.

Für Herbert David bleibt es dennoch „absolut unverständlich“, dass eine Beschilderung wie in Klein Schenkenberg in Klein Wesenberg nicht möglich sein soll. Der aufgebrachte Bürgermeister bleibt bei seiner Forderung: „Wir wollen eine Gleichbehandlung mit den Nachbarkreisen.“

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