Stormarn
Drogensucht

Immer mehr Stormarner sind abhängig von Cannabis

Arbeiten in der Ahrensburger Beratungsstelle (v. l.): Verwaltungsangstellte Iris Bockelmann mit den Suchtberatern Sonja Gehring und Jörg Rönnau

Arbeiten in der Ahrensburger Beratungsstelle (v. l.): Verwaltungsangstellte Iris Bockelmann mit den Suchtberatern Sonja Gehring und Jörg Rönnau

Foto: Anna Parrisius / HA

Fast jeder fünfte Klient von Suchtberatungsstellen hat Probleme mit der Droge. Vor allem 18- bis 25-Jährige sind betroffen.

Immer mehr junge Stormarner sind von Cannabis abhängig. Sie suchen Beratungen auf, etliche machen einen Entzug. „Nach Alkoholismus ist Cannabis-Konsum unser zweithäufigster Beratungsanlass“, sagt Jörg Rönnau, Suchtberater und Leiter des Vereins Therapiehilfe, der in Ahrensburg und Bad Oldesloe eine ambulante Suchtberatungsstelle anbietet. 16,8 Prozent seiner Klienten kommen wegen Cannabis, in Südstormarn ist es ähnlich.

Landesweit liegt der Anteil bei allen ambulanten Suchtberatungen bei 18 Prozent, dies ergibt ein Bericht des Gesundheitsministeriums. Rund 15.000 Schleswig-Holsteiner, meist 18- bis 25-Jährige, seien betroffen. 75 Prozent von ihnen sind männlich. Die Zahl betroffener Frauen steigt jedoch.

Schulflopp wegen Cannabis

Anstoß zur Beratung geben oft die Angehörigen. „Übermäßiger Cannabis-Konsum äußert sich in mangelndem Antrieb“, sagt Rönnau. „Viele kommen morgens nicht mehr aus dem Bett, es floppt in Schule oder Ausbildung.“ Meist würden die Eltern stutzig. In einigen Fällen bringe eine Gerichtsauflage oder Druck vom Arbeitgeber junge Erwachsene zur Beratung.

Jan Oelkers, Suchtberater der Südstormarner Vereinigung für Sozialarbeit (SVS): „Daraus eine Eigenmotivation zu entwickeln, fällt vielen schwer.“

Prävention an Stormarner Schulen

An Stormarner Schulen bieten die Suchtberatungsstellen Präventionspogramme an. „zu uns kommt nur ein kleiner Teil aller Cannabis-Konsumenten“, sagt Jörg Rönnau. „Wir möchten mehr Jugendliche erreichen.“ Bei Unterrichtseinheiten werden die Schüler nicht nur über die Gefahren von Cannabis informiert. „Es geht uns darum, die Jugendlichen zu bestärken, sich häufig bestehendem Gruppenzwang zu entziehen, sich abzugrenzen“, so Rönnau.

Meist koordiniert ein Lehrer alle Unterrichtseinheiten an seiner Schule, in denen Suchtberater oder Polizisten Alkohol und Drogen thematisieren. An der Beruflichen Schule in Bad Oldesloe kümmert sich darum ein ganzes Lehrerteam.

Lehrer erkennen Sucht kaum

„Cannabis-Konsum ist ja nichts Neues“, sagt Direktor Rüdiger Hildebrandt. Er bleibe vor den Lehrern jedoch meist verborgen. „Wenn Schüler sich in Pausen zum Kiffen an Orten treffen, die wir nicht kennen, sind wir machtlos“, sagt Hildebrandt „Von unseren 1800 Schülern nehmen mit Sicherheit etliche Cannabis.“ Mehr als mutmaßen kann das Personal meist nicht.

Stormarns Schulrat Michael Rebling sagt: „Lehrer können ja keine Taschen durchsuchen, das könnte nur die Polizei.“ Gibt es Hinweise auf Dealer oder Schüler, die andere zum Cannabis-Konsum anstiften, bleibt der Schulverweis. Direktor Hildebrandt: „Wir schalten dann die Kripo ein.“

Tagebuch soll Konsum kontrollieren

In welcher Weise Beratungsstellen Cannabis-Konsumenten unterstützen, hängt davon ab, wie lange und intensiv diese das Rauschmittel schon nehmen. „Einige möchten weniger und kontrollierter konsumieren, zum Beispiel statt jeden Tag nur am Wochenende“, sagt Jörg Rönnau. Konsumtagebücher können dabei helfen. Bei schwereren Fällen werde das Umfeld mit einbezogen. „Viele nehmen Cannabis, um besser schlafen zu können, um runterzukommen“, sagt Jan Oelkers. „Da müssen Handlungsalternativen her.“

Je früher und länger jemand intensiv Cannabis konsumiert habe, umso stärker seien die Auswirkungen auf Psyche und Stoffwechselreaktionen. Umso schwieriger falle es Betroffenen aufzuhören. „In besonders schweren Fällen empfehle ich einen professionellen Entzug in einer Klinik“, sagt Jörg Rönnau. Auch Hausärzte können dorthin überweisen.

Cannabis, um runterzukommen

In Stormarn bietet das Heinrich-Sengelmann-Krankenhaus (HSK) in Bargfeld-Stegen seit vier Jahren Cannabis-Entzüge ab dem 18. Lebensjahr an. Auch Oberarzt Dr. Peter Hans Hauptmann, der am HSK für den Bereich Suchtmedizin zuständig ist, verzeichnet steigende Zahlen junger Cannabis-Konsumenten unter seinen Patienten. „Die meisten haben mit 13, 14 Jahren das erste Mal Cannabis ausprobiert“, sagt Hauptmann. „Einige haben schon zwei, drei Ausbildungen abgebrochen, sind mit ihrem Schulabschluss unter ihren Möglichkeiten geblieben.“

Mangelnde Motivation sei ein Grund, viele hätten eine Reifungsstörung. „Und viele bleiben nicht dabei. An den Wochenenden nutzen immer mehr Jugendliche Amphetamine und Alkohol, um sich zu pushen. Cannabis nehmen sie, um runterzukommen.“ Den Mischkonsum betrachtet Hauptmann mit Sorge, durch ihn steigerten Jugendliche ihren Cannabis-Verbrauch.

Patienten plagen Wahnvorstellungen

Cannabis-Patienten bleiben meist sechs bis acht Wochen lang im HSK. „Drei bis vier Wochen lang dauert es, bis nach dem letzten Konsum das Rauschmittel nicht mehr wirkt“, sagt Oberarzt Hauptmann. Entzugserscheinungen träten oft noch länger auf. Wahnvorstellungen, Ängste und Unruhegefühle plagten viele Patienten.

Hauptmann: „Die Wirkung von Cannabis wird häufig unterschätzt. Einer meiner Patienten hatte ein halbes Jahr lang optische Halluzinationen. Bei ihm stimulierte der Cannabis eine psychotische Veranlagung.“ Nach dem Klinikaufenthalt rät Hauptmann zu Psychotherapien. „Jede Abhängigkeit hat Gründe, die langfristig behandelt werden müssen“, sagt er. „Außerdem brauchen Betroffene Hilfe bei der Rückkehr in ein geregeltes Leben.“

Gegen allgemeine Legalisierung

Eine allgemeine Legalisierung von Cannabis befürworten weder Suchtberater Jörg Rönnau noch Oberarzt Peter Hans Hauptmann. „Es würde nur noch mehr Abhängige geben. Jugendliche sind da einfach zu neugierig“, sagt Hauptmann. Rönnau sähe mit Sorge den Beratungsbedarf steigen. Damit, ob eine Legalisierung das Zünglein an der Waage wäre, ist er sich aber nicht sicher. Er sagt: „Ganz offensichtlich kommen heute auch schon genügend Jugendliche an das illegale Rauschmittel.“