Stormarn
Norddeutschland

Nach Anti-Terror-Razzien im Norden: Wie geht es weiter?

Foto: Sebastian Knorr / HA

Treffen von Bürgermeistern aus Ahrensburg, Großhansdorf und Reinfeld mit Helfern. Viele sind optimistisch, andere verunsichert.

Grosshansdorf.  Bis zuletzt hatten die drei Syrer, die jetzt als Terrorverdächtige in Untersuchungshaft sitzen, Flüchtlingsunterkünfte in Ahrensburg, Großhansdorf und Reinfeld bewohnt. Alle drei hatten offenbar regen Kontakt mit Mitbewohnern, Helfern und Mitbürgern – galten als „Vorzeigeflüchtlinge“. Über den einen, Mohamed A. (26), heißt es, er habe sehr schnell, sehr gut deutsch gesprochen. Mahir Al.H. (17) sei als „ganz normaler Junge“ nicht besonders aufgefallen.

Dass sie Kontakt zum „Islamischen Staat“ hatten, davon wussten die ehrenamtlichen Helfer, die Flüchtlingsbeauftragten, Politiker und Nachbarn bis zuletzt nichts. Eine Vorstellung, die Ohnmacht erzeugen mag oder Angst. Die Ehrenamtler und Gemeinden im Kreis senden ein anderes Signal: Es darf keinen Generalverdacht geben, sagen sie, wir machen weiter. Und stellen sich schützend vor die Flüchtlinge.

Flüchtlingshelfer schauen positiv in die Zukunft

Ortstermin Großhansdorf. Bürgermeister Janhinnerk Voß hat zu einer Pressekonferenz eingeladen, viele sind gekommen, das öffentliche Interesse ist groß. Seit den Razzien hätten ihn Anrufe von Menschen erreicht, die er unter anderem als „Ewiggestrige“ bezeichnet. Die beschwerten sich über die Flüchtlingspolitik und äußerten Bedenken zur Sicherheitslage – vorsichtig formuliert. Voß ist wütend. „Sachlicher Kritik stelle ich mich, aber mit Pöblern rede ich nicht.“

Am Mittwochabend, am Tag nach der Razzia, hat er sich mit den hauptamtlichen und ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern getroffen. Seine Befürchtungen, die Stimmung könnte nach den jüngsten Ereignissen gekippt sein, bestätigten sich dort nicht. Entsprechend gelöst sitzt er im Rathaus. Mit am Tisch sitzen Birgit Karlsson, Leiterin des Großhansdorfer Flüchtlingsamtes und Helfer des Freundeskreis „Flüchtlinge in Großhansdorf“. Dessen Sprecherin Angelika Woge: „Die Aufregung hat sich gelegt, wir haben gesprochen und schauen positiv in die Zukunft.“

„Ich sehe ihn nicht als Terroristen“

Von den Vorwürfen gegen Mahir Al-H., der als Flüchtling in ihre Gemeinde kam und sie als Terrorverdächtiger verlassen hat, reden die Anwesenden nur im Konjunktiv. Zwar spricht man, wie Voß, von einem „glücklichen Fahndungserfolg“. Dass Mahir ein Terrorist sein könnte? Im Raum beruft man sich auf die Unschuldsvermutung, auch weil viele hier Mahir kennen. Er sei „ein ganz normaler Junge“, sagt Bahia Larfa, die Arabisch spricht und als Dolmetscherin hilft. „Er hat sich über die Aufmerksamkeit gefreut, die er hier bekommen hat.“ Und er habe sich gut integriert. „Ich sehe ihn nicht als Terroristen“, sagt Larfa, „wenn, dann hat man ihn gezwungen.“ Ähnlich sieht es Flüchtlingshelfer Sebastian Hellwig.

Regelmäßigen Kontakt mit dem jungen Mann aus Syrien hatte Dorothee Magnussen, Lehrerin in einem Alphabetisierungskursus. „Er ist regelmäßig erschienen, war freundlich und noch ein wenig kindlich“, sagt sie. „Ich zweifle sehr an meiner Menschenkenntnis“, so Magnussen, „da hat es schon einen ordentlichen Riss gegeben.“

Treffen auch in Reinfeld und Ahrensburg

Ob die Helfer jetzt mit anderen Augen auf die Flüchtlinge blicken, sich jetzt besonders über Islamisierung und Terrorismus informieren, über mögliche Erkennungszeichen? „Ich möchte solche Informationen gar nicht“, sagt Flüchtlings-Patin Nicola Rackebrandt. „Ich helfe aus persönlichen Gründen, ich will zeigen, dass wir Flüchtlinge in Großhansdorf solidarisch empfangen“, alles andere sprenge den Rahmen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit. „Wir wollen niemanden verdächtigen“, sagt Freundeskreis-Sprecherin Angelika Woge.

Treffen wie in Großhansdorf hat es auch in Reinfeld und Ahrensburg gegeben. „Wir müssen alles unternehmen, dass mögliche Ängste abgebaut werden,“ sagt Ahrensburgs Bürgermeister Michael Sarach. Was das konkret heiße? „Immer wieder darauf hinweisen, dass es ein Einzelfall ist“, so Sarach. Außerdem müsse man jetzt besonders Paten und Flüchtlinge unterstützen. Letztere seien durch die jüngsten Ereignisse am meisten betroffen, sagt Andreas Lang vom Ahrensburger Freundeskreis für Flüchtlinge. „Wir hatten keine Ahnung“, so Lang. „Wir müssen aufmerksam sein, aber nicht jeden misstrauisch beobachten.“

In Reinfeld hat es laut Bürgermeister Heiko Gerstmann in der Hauptversammlung zu dem Thema unterschiedliche Meinungen gegeben. „Einige waren der Meinung, man solle das nicht noch mal an die große Glocke hängen. Die, die skeptisch sind, erreiche man sowieso nicht. Andere waren dafür, noch einmal ein Zeichen zu setzen.“ Dass sich die zweite Fraktion durchgesetzt hat, bezeugt eine Aktion die für kommenden Montag geplant ist. Ab 18 Uhr lädt ein Bündnis aus Parteien, Vereinen, Stadt und Kirche zu einer Kundgebung vor das Rathaus. Das Motto: „Reinfeld bleibt bunt und offen.“

Was der Verfassungsschutz Flüchtlingshelfern rät

Als Flüchtlinge kamen die drei Syrer nach Stormarn. Sie waren auf dem besten Weg, sich zu integrieren, sind positiv aufgefallen. So berichten es die Flüchtlingshelfer. Und doch standen dabei die ganze Zeit unter Terrorverdacht, wechselten häufig ihre Telefon-Karten und kommunizierten offenbar mit dem „Islamischen Staat“. So die Vorwürfe der Ermittler.

Hunderttausende Flüchtlinge suchen derzeit Schutz vor Krieg und Terror in Deutschland. Klar ist für die Sicherheitsbehörden, dass sich unter den Flüchtlingen auch „Sympathisanten“ und „Mitglieder extremistischer oder terroristischer Organisationen“ befinden können. So steht es auch in den einleitenden Bemerkungen zur Broschüre „Wie erkenne ich extremistische und geheimdienstliche Aktivitäten? Eine Handreichung für Flüchtlingshelferinnen und -Helfer“. Ende August dieses Jahres hat der Verfassungsschutz sie herausgegeben. Das 33 Seiten starke Heft richtet sich an „Personen und Organisationen, die sich in der Flüchtlingshilfe professionell oder ehrenamtlich engagieren“ und soll „sie auf potenzielle Berührungspunkte zu extremistischen und geheimdienstlichen Aktivitäten aufmerksam machen“.

Dazu werden Begriffe wie Islamismus, Salafismus und Dschihadismus definiert sowie Symbole erklärt. Auch geht es um Anwerberversuche im Kontext von Flüchtlingsunterkünften. Die Anwerber treten demnach häufig als Hilfestellende auf und versuchen, „auf subtile Art und Weise langsam persönliche Sympathien zu schaffen“. Eine zunehmende Radikalisierung zeige sich dann beispielsweise an einem Veränderten Erscheinungsbild, an „Behauptungen, der Islam sei die einzig ,wahre‘ Religion“ oder ließe sich auch an einem „neuen sozialen Umfeld mit islamistischen Gleichgesinnten“ ablesen. Darüber hinaus informiert die Broschüre auch zu sogenannten ausländextremistischen, rechts- und linksextremistischen Aktivitäten mit Flüchtlingsbezug.

Hinweise auf solche Aktivitäten bittet der Verfassungsschutz einer ihrer Landesbehörde oder die nächstgelegene Polizei mitzuteilen. Unter 0221/ 792 33 66 ist außerdem ein „Hinweistelefon islamischer Terrorismus“ eingerichtet. Die Broschüre im Netz: www.verfassungsschutz.de.