Stormarn
Serie

Warum die Todendorfer ihre Heimat lieben

Familie Steiner – Miguel (v.l), Arthur,  Frieda, Katja  und Johann – liebt an Todendorf besonders die Natur

Familie Steiner – Miguel (v.l), Arthur, Frieda, Katja und Johann – liebt an Todendorf besonders die Natur

Foto: Anna Parrisius / HA

Was macht die Orte aus, in denen die Menschen im Kreis leben? Das erfahren Sie in unserer Serie unter demTitel „Liebeserklärung an ...“

Todendorf.  Sie sind hier geboren und fest verwurzelt. Oder sie sind voller Überzeugung nach Stormarn gezogen, weil es ihnen hier so gut gefällt. Aber was genau ist es, das ihre Städte und Gemeinden so lebens- und liebenswert macht? Anna Parrisius hat Todendorfer gefragt.

„Meine Kinder erleben die Natur wie ich damals als Kind“

Wenn Katja Steiner (38) auf dem Heimweg die ersten blühenden Felder sieht, fühlt sie Entspannung in sich aufsteigen. Mit Ehemann Miguel Steiner (43) stieß die gebürtige Todendorferin 2005 auf ein 1891 erbautes Haus. Intensive Sanierungen an den Wochenenden, vor oder nach der Arbeit waren nötig, bevor die Steiners 2007 mit ihrer damals einjährigen Tochter Frieda (heute 9) einziehen konnten. Inzwischen sind die Söhne Arthur (6) und Johann (2) hinzugekommen. Katja Steiner: “Meine Kinder erleben die Natur so nah wie ich als Kind.” Im Garten halten die Steiners Kaninchen, zwei Gänse und einige Laufenten – „ulkige Tiere”, sagt Katja Steiner. Das Dorfleben funktioniere vor allem über Ehrenämter. Katja Steiner organisiert einen Kleidermarkt und die Kreativecke beim Vogelschießen, Miguel Steiner ist im Gemeinderat aktiv.

„Die Kontakte hier sind ehrlich und gut“

Matthias Weißbach (53, l.) und Uwe Martens (66) kennen sich über die Herrengruppe des Todendorfer Sportvereins . Im Sommer geht die Gruppe oft Rad fahren.“An Todendorf schätze ich, dass Kontakte sich hier zwar langsamer entwickelten, als ich es gewohnt war, dafür dann aber ehrlich und gut sind”, sagt Weißbach, der in Dresden studierte und den es nach der Wende nach Hamburg zog. Die Lage auf dem Wohnungsmarkt war allerdings schlecht, erst in Todendorf wurde Weißbach fündig. Martens lebt schon in der dritten Generation in Todendorf. Das Haus, das er bewohnt, erbaute schon sein Großvater.
Martens ist auch im Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Todendorfs aktiv. Weißbach: „Bei der letzten Schlagernacht zog er 1000 Besucher in unser Dorf, er ist ein exzellenter Sänger.”

„Viele Todendorfer kennen Pony Alberto“

Nicole Dreger (49) wohnt schon ihr Leben lang in Todendorf. Ihren Hof hatten ihr die Eltern vererbt. Seit 2014 betreibt die Sparkassenwirtin eine Pferdepension, daneben ein Geschäft für Tierfutter. Dregers Tochter hat im März diesen Jahres eine Reitschule eröffnet. 28 Reitschüler kommen wöchentlich, maximal zu viert reiten sie aus, nicht mehr als ein bis zwei Gruppen am Tag. Sie sagt: „Die Pferde sollen nicht überstrapaziert werden. Und auch die Kinder möchten wir nicht unter Druck setzen.” An ihrem Heimatort schätze sie den persönlichen Umgang miteinander. Manchmal veranstaltet Nicole Dreger Kutsch- oder Schlittenfahrten durch das Dorf. Beim Dorffest bietet sie jedes Jahr Ponyreiten an. „Viele Todendorfer kennen unser Shetlandpony Alberto (r.)”, sagt sie, „er ist das beste Pferd im Stall.“

„In meine Bäckerei kommen Schulkinder, Handwerker, Rentner“

Mit Brot versorgt die Todendorfer Jens Muchow. Den Kindergarten beliefert er hin und wieder mit Brotspenden, den Seniorenkreis mit Kuchen. „In letzter Zeit habe ich auch Hochzeitstorten gebacken”, sagt er. Jens Muchow ist immer allein in der Backstube. Von 18 bis 1 Uhr backt er den ersten Schwung Brot, den seine Frau auf dem Markt verkauft. Für seinen Todendorfer Laden backt Muchow weiter ab 4 Uhr. 2015 kam Muchow beim Franzbrötchenwettbewerb in Hamburg auf den 1. Platz. „Deshalb kommen auch Käufer von außerhalb“, sagt er. „Die meisten sind aber Todendorfer – Schulkinder, Handwerker, Rentner.“ Einige Zeit verkaufte Muchow Flüchtlingsbrot in Sonnenform. Ein Euro pro verkauften Brotlaib, insgesamt 200 Euro, gehen nun an Flüchtlinge im Dorf.


„Opa, kennst du hier alle Leute?“

Vor 52 Jahren lernten Christina (70) und Jens Siemsen (74), beide in Todendorf aufgewachsen, einander kennen. Die beiden schätzen ihren Garten und die Ruhe im Ort. Beide gehen zu Sportkursen, Christina Siemsen ist im Seniorenkreis aktiv. In ihrer Jugend sei im Dorf noch mehr los gewesen – Ringreiten wurde veranstaltet, es gab vier Kneipen, einen Kaufmannsladen, eine Klempnerei. Beruflich kümmerte Jens Siemsen sich für Todendorfer Bauern um saisonale Arbeiten – mit speziellen Maschinen zog er von Hof zu Hof. Seine Ehefrau erledigte die Buchführung und Telefonate. Sie war zu Hause, wenn die drei Töchter aus der Schule kamen. Heute haben die Siemsens zehn Enkel. Jens Siemsen sagt: „Als ich einmal mit drei meiner Enkel im Dorf unterwegs war, sagte eines: Opa, kennst du hier alle Leute? – Ja, ist so.“


„Wir waren zwischenzeitlich verrufen“

Nadine Manneck (40) und ihr Lebensgefährte suchten vor sieben Jahren ein Grundstück. Preiswert sollte es sein und in der Nähe von Hamburg. In Todendorf wurden sie fündig, ließen in Am Heeschberg ein Haus bauen. „Heute schätze ich, dass wir naturnah wohnen“, sagt Manneck. Ihre Tochter ist vier, ihr Sohn acht Jahre alt. „Um mit Freunden zu spielen, müssen sie nur aus der Tür fallen“, sagt die 40-Jährige. Anfangs hätten die Paare und Familien im Neubaugebiet viel miteinander unternommen. „Wir waren bei den Alteingesessenen etwas verrufen“, sagt Manneck und schmunzelt. „Sie haben uns aber herzlich aufgenommen.“ Kontakte erhaben sich zum Beispiel beim Laternenfest und dem Kleidermarkt.


„In meiner Kindheit waren die Bürgermeister hier Bauern“

Reinhold Mieritz (85) ist gebürtiger Todendorfer. Er engagiert sich seit 1966 in der Gemeindevertretung, recherchierte viel zur Dorfgeschichte. Seine Eltern betrieben die Poststelle im Dorf. Mieritz erinnert sich noch, wie seine Mutter während des Zweiten Weltkrieges Gefallenenmeldungen austrug und er dabei half. „Wie schlimm das war, wurde mir erst später bewusst", sagt er. 1945 halfen Mieritz und sein Bruder, beide noch Jugendliche, Kriegsflüchtlinge auf Todendorfs Haushalte zu verteilen. „Niemand war begeistert, hatte Platz für sie“, sagt Mieritz. Todendorf habe sich in seinem Leben stark gewandelt. Er sagt: „In meiner Kindheit waren die Bürgermeister hier Bauern, 1965 wurde es erstmalig ein Lehrer.“