Stormarn
Fehmarnbeltquerung

„Belt-Retter“ wollen den Tunnel-Plan durchkreuzen

Protest vor dem Ahrensburger Schloss (v. l.):  Nicole Brockmann, Svenja Sperhake, Cord Brockmann, Ulrike und Kilian Funke

Protest vor dem Ahrensburger Schloss (v. l.): Nicole Brockmann, Svenja Sperhake, Cord Brockmann, Ulrike und Kilian Funke

Foto: ha / HA

Gegner der Fehmarnbeltquerung und neuer Güterbahntrasse formieren sich. Sie fürchten eine deutliche Zunahme des Verkehrslärms.

Ahrensburg.  Vom Bahnsteig in Ahrensburg aus gut sichtbar, hängt ein blaues Holzkreuz an einem Baum. Auch in Reinfeld, Bargteheide, Bad Oldesloe, Delingsdorf, Barsbüttel, Großhansdorf und Reinbek gibt es solche Kreuze. Sie sind das Protestsymbol der Belt-Retter, einem Zusammenschluss aus mehr als 60 Initiativen und Vereinen gegen die geplante Fehmarnbeltquerung und die dazugehörige Güterbahntrasse. Diese würde als Teil des Transeuropäischen Netzes (TEN) Stockholm und Palermo miteinander verbinden und durch Stormarn führen. Jeden Tag würden 80 Güterzüge, jeweils bis zu einen Kilometer lang, durch Wohngebiete rattern.

„Es wird eine erhöhte Lärmbelästigung geben“, sagt Svenja Sperhake von der Initiative Lärmschutz Ahrensburg Mitte. „Das ist nicht nur für die Anwohner beängstigend. Wenn alle 18 Minuten ein Güterzug durch Ahrensburg brettert, sitzt es sich auch am Rondeel nicht mehr schön beim Kaffee.“ Hinzu kämen die Erschütterungen, die Auswirkungen auf die alten Villen an der Bismarckallee oder der Hagener Allee haben könnten. Was aber Sperhake und ihre Mitstreiter am meisten ärgere, formuliert sie so: „Uns hat niemand informiert. Der Fehmarnbelt-Tunnel klingt weit weg, aber dass wir wegen der Hinterlandanbindung direkt betroffen sind, hat uns niemand gesagt.“

Stormarn ist besonders betroffen

Tatsächlich ist es so, dass der Staatsvertrag zwischen Deutschland und Dänemark die Hinterlandanbindung vorsieht. Das heißt, Deutschland muss dafür sorgen, dass die Infrastruktur auf dieser Seite des Fehmarnbelts funktioniert, dass der Güterverkehr ungehindert fließen kann. Birte Pusback, Sprecherin des schleswig-holsteinischen Ministeriums für Wirtschaft und Verkehr, räumt ein: „Stormarn ist durch seine Lage vom Verkehrszuwachs in besonderem Maße betroffen. Dies gilt für die zusätzlichen Güterverkehre, die sich mit der Festen Fehmarnbeltquerung vom Jütlandkorridor auf die Vogelfluglinie verlagern werden.“

Claas-Christian Dähnhardt, Vorstandsmitglied der Grünen in Ahrensburg, hält den Tunnel für „ökologisch, ökonomisch und sozial nicht vertretbar“. Er bemängelt unter anderem, dass es der Bau „zu einer erheblichen Aufwirbelung von Bodensedimenten führen könnte“. Dadurch sei die empfindliche Flora und Fauna bedroht. Dem stimmt Malte Siegert, Leiter des Ressorts Umweltpolitik und zuständig für große Bauvorhaben beim Naturschutzbund (NABU), zu: „Die negativen Folgen für Schweinswale wurden unzureichend ermittelt, ebenso wurden die Auswirkungen auf Zug- und Rastvögel nicht bewertet.“ Auch sei er der Ansicht, dass die Planer die Aufwirbelungen von Dreck während des Baus falsch einschätzen. Immerhin soll der Grund der Ostsee auf einer Länge von 18 Kilometern aufgebuddelt werden. In diesem Graben werden die Tunnelelemente versenkt. Deshalb befürchten Umweltschützer, die Ostsee könnte über Jahre zu einer trüben Suppe werden. Für Karin Neumann, Sprecherin der Beltretter, sei der Tunnel deshalb eine „Umweltsünde“.

Minister sieht im Tunnel auch Chance

Bewohner Fehmarns befürchten zudem einen Rückgang des Tourismus. Die 18-jährige Malin Binding aus Fehmarn hat eine Online-Petition gestartet. Sie schreibt: „Vom Strand aus sind manchmal Schweinswale zu sehen. Taucher, Segler, Surfer lieben die Ostsee rund um Fehmarn. Viele Menschen auf Fehmarn leben vom Tourismus. All das ist jetzt in Gefahr. Denn hier soll der längste Unterwassertunnel der Welt gebaut werden.“ Binnen weniger Tage habe sie mehr als 80.000 Unterschriften dagegen zusammen bekommen.

Gutachter gehen davon aus, dass deutsche und dänische Steuerzahler mehr als 20 Milliarden Euro für Tunnel, Güterbahntrasse, Autobahn und Brücken zahlen müssen. Zudem sei der Tunnel überflüssig, so die Belt-Retter: Bisher queren täglich rund 5.500 Fahrzeuge den Fehmarnbelt auf Fähren. Das ist vergleichsweise wenig – den Elbtunnel passieren täglich bis zu 145.000 Fahrzeuge. Über das Jahr gerechnet seien die Beltfähren nur zu 40 Prozent ausgelastet. Fährbetreiber Scandlines kündigte an, den Betrieb trotz Tunnels aufrecht erhalten zu wollen.

Unternehmen hoffen auf einfacheren Handel

Es gibt aber auch Tunnel-Befürworter. Einige Unternehmen erhoffen sich einen einfacheren Handel mit Skandinavien. „Mit dem Bau wird die Vogelfluglinie zwischen Skandinavien und dem Festland zu einer der leistungsstärksten Transportachsen von und nach Skandinavien“, sagt Ministeriums-Sprecherin Birte Pusback. „Der Güter- und Personentransport per Schiene oder Straße kann schneller und billiger erfolgen.“ Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer sagt: „Der Kreis Stormarn gehört zur Fehmarnbeltregion. Für ihn wird die verbesserte Erreichbarkeit der Region die Chance bieten, seine Position im überregionalen und internationalen Standortwettbewerb zu stärken.“

Die Beltretter sehen für Stormarn die Gefahr, zusätzlicher Verkehr senke die Attraktivität für Anwohner. Meyer kommentiert solche Befürchtungen so: „Wir nehmen die Sorgen der Bürgerinitiativen ernst. Aber es ist klar: Wir reden nicht mehr über das Ob, sondern nur über das Wie.“ Die Stormarner Beltretter hoffen trotzdem, etwas bewirken zu können. Svenja Sperhake hat eine Einwendung beim Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein eingereicht. „Ich glaube, dass wir den Tunnel verhindern können. Jeder Einwand muss geprüft werden.“

Infos und Anleitung im Internet

Wer sich informieren oder eine Einwendung beim Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr einreichen will, findet Informationen und eine Anleitung im Internet (www.beltretter.de/widerspruch). Bis zum 26. August müssen die Schreiben dort eingegangen sein.