Stormarn
Travenbrück

Ein Tag im Kloster: wo Menschen zu sich selbst finden

Abendblatt-Mitarbeiterin Anna Parrisius vor dem Heiligen Benedikt und dem Herrenhaus  im Hintergrund

Abendblatt-Mitarbeiterin Anna Parrisius vor dem Heiligen Benedikt und dem Herrenhaus im Hintergrund

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

14.000 Besucher nehmen jedes Jahr eine Auszeit im Kloster Nütschau. Anna Parrisius hat sich für das Abendblatt einen Tag lang unter sie gemischt.

Travenbrück.  6.00 Uhr: Sonnenstrahlen tauchen den Park, die Bänke und Bäume vor der Kirche von Kloster Nütschau in ein erstes Tageslicht. Vogelgezwitscher ist zu hören. Schwalben tanzen in der lauwarmen Morgenluft. Mönche widmen sich schon der Meditation und Schriftbetrachtung. Im Gästehaus neben der Klosterkirche ist es still. Einige Besucher schlafen noch. Und wer sich schon regt, macht es ohne Lärm. Denn die Gäste wissen, dass hier Ruhe herrschen soll. Nicht nur morgens. Die Gästezimmer sind schlicht eingerichtet. Dunkelrote Vorhänge und Möbelelemente bilden den einzigen Kontrast zu der in Weiß und hellem Holz gehaltenen Einrichtung. Über dem Bett hängt eine Holztafel, in die ein Kreuz eingraviert ist. Auf dem Schreibtisch liegen neben einer Bibel zwei Bücher zur benediktinischen Regel.

6.30 Uhr: Es läutet zum Morgengebet. Verglichen mit anderen Klöstern, bei denen der Gästebetrieb nicht so im Fokus steht, ist das relativ spät. „Manchmal gehe ich morgens statt zum Gebet auch joggen“, sagt Erzieherin Maike Hinke (56) aus Schönberg, die schon zum vierten Mal im Kloster Nütschau ist. „Aber das Gebet hilft mir dabei, hier anzukommen. Nach einem Arbeitstag bin ich gestern hier nur so reingekrochen.“

Wohlige Atmosphäre durch warmes Licht

In der Klosterkirche ist es um diese Zeit noch frisch. Doch die Atmosphäre, die die Kirchgänger erwartet, ist wohlig. Sie entsteht durch warmes Licht, das durch die rot, blau und gelb gefärbten Fenster einfällt. Milchige Scheiben hinter dem Altar verwandeln das Sonnenlicht in ein helles Grüngelb. Zwölf Mönche sitzen durch die Anordnung der Bänke im Rondell nah bei den Gästen. Sie stimmen erste Psalmen an. Im Wechsel singt erst Bruder Elija zwei Zeilen, dann stimmen alle mit ein. „Anfangs fand ich die benediktinischen Gesänge monoton. Ich musste mich darauf einlassen, mir der Texte bewusst werden“, sagt Hinke. Einige Minuten lang schweigen alle. Zeit zum stillen Gebet, zum Innehalten. Im Hintergrund ist nur das Rauschen der nahen Autobahn 21 zu hören, fast wie ein Zuruf aus dem Alltag.

8.15 Uhr: Frühstückszeit. In einem Raum sind die Mönche unter sich. Im großen Speisesaal tummeln sich Gäste um das Buffet, es gibt Brötchen, Müsli, Obst. Die Gäste kommen ins Gespräch, lernen einander kennen, treffen auf Bekannte. In einem weiteren Raum essen Besucher, die während der ganzen Zeit ihres meist einwöchigen Aufenthaltes schweigen. Nur für Gebete und Begleitgespräche mit Mönchen brechen sie ihr Schweigen. „An kleinen Gesten fällt mir immer wieder auf, wie herzlich der Umgang hier miteinander ist“, sagt Yves Töllner, Pastor aus Bremen, der sich eine Auszeit im Kloster nimmt. „Im Schweige-Bereich ist das noch ausgeprägter. Da reagiert man gleich, wenn jemandem noch ein Stück Butter oder Milch im Kaffee fehlt.“

Wiesen und Wälder umgeben das Kloster

9.15 Uhr: Viele Gäste zieht es allein oder zu mehreren in den Klosterpark, zu den umliegenden Wiesen, in die Wälder und Moore. Sie alle kommen an der Statue des Heiligen Benedikts vor der Klosterkirche vorbei. Auf dessen Hand sitzt ein Rabe mit einem Stück Brot im Schnabel. „Damit wollte ein neidischer Priester Benedikt vergiften. Der Rabe sollte das Brot wegbringen“, sagt Prior Johannes (43). „Symbolisch steht die Geschichte dafür, dass wir das Gift aus unseren Beziehungen und auch aus uns selbst herauskriegen sollen.“ Bruder Johannes ist der jüngste benediktinische Prior in Deutschland. In dieser Funktion koordiniert er unter anderem die Verteilung von Aufgaben unter den Brüdern. „Entscheidungen treffen wir aber immer im Gespräch miteinander und mit Gott im Gebet.“ Zwölf der 18 Brüder im Kloster haben Theologie studiert, sind somit auch Priester. Beim Eintritt ins Kloster müssen die Mönche mindestens einen Abschluss haben. „Viele unserer älteren Brüder traten direkt nach dem Abitur ein“, sagt Prior Johannes. Bis zum endgültigen Eintritt in ein Kloster vergehen rund fünf Jahre, in der ihn die Mönchsgemeinschaft prüft, sich der Anwärter zudem selbst hinterfragt.

Die Brüder gehen vor- und nachmittags ihren Arbeiten nach. Prior Johannes kümmert sich um die Jugendarbeit. Das Jugendhaus nimmt Gruppen und Klassen von der Grund- bis zur Berufsschule auf. Für Gäste ab 16 Jahren gibt es ein spezielles Veranstaltungsprogramm. Apfelernte, Leseauszeiten und Pilgerfahrten. Bruder Elija begleitet Gäste durch geistliche Gespräche, kümmert sich um den Klosterladen, die Apfelernte. „Als ich mich vor 13 Jahren für Kloster Nütschau entschied, war mir das Gemeinschaftsleben sehr wichtig. Wir sind eine relativ kleine Brüdergemeinschaft. Und wir kommen ständig in Kontakt mit unseren Gästen. Dass viele hierherkommen, hat verschiedene Gründe. Manche trauern. Vielen ist wichtig, dass sie hier ausnahmsweise nichts können müssen. “

Chili con Carne zum Mittag

11.45 Uhr: Nach einem 15-minütigen Mittagsgebet gibt es um 12 Uhr Mittagessen – Chili con Carne. Annegret Meyer (55) ist mit Tochter Verena (17) und Sohn Martin (15) aus Heidelberg auf der Durchreise. „Ich will meinen Kindern alles zeigen“, sagt Annegret Meyer, die früher oft im Kloster war, da ihre Großeltern im nahen Bad Oldesloe wohnten. „Die Atmosphäre hier empfinde ich als etwas Besonderes.“ Meyer kommt ins Gespräch mit einem Gast, der für eine Woche bleibt. Er kann sich vorstellen, selbst Mönch zu werden. „Ich war bei der Bundeswehr, studiere seit drei Jahren Medienmanagement“, sagt er. „Aber ich habe gemerkt: Mir fehlt etwas. Vielleicht finde ich es hier.“

13.00 Uhr: Maike Hinke und Carmen Pfeiffer (51) aus Hamburg sind gerade auf dem Weg zum Bildungshaus St. Ansgar, wo sich weitere Gästezimmer befinden, auch ein Seminarraum und eine Kaffeeküche. Mit Kaffeetassen in den Händen setzen sich die beiden Frauen in den Garten. Sie lernten einander bei einem Klosterbesuch kennen. „Ich bin hier jedes Jahr dreimal. Und das seit den Familienurlauben in meiner Kindheit“, sagt Carmen Pfeiffer. „Wenn ich an Spiele wie Kartoffellaufen denke, die Ausflüge ins Moor, wäre ich gern wieder Kind.“ Inzwischen bietet das Kloster zweiwöchige Familienaufenthalte im Sommer an. Die Kinder werden dabei vormittags betreut.

Atemkursus im Garten

16.00 Uhr: Einige Gäste sind in einem Sitzkreis im Garten vor dem Bildungshaus St. Ansgar zu beobachten. Sie nehmen an einem der Seminare teil, die das Kloster anbietet. In dieser Woche: Ein Atemkurs, bei dem das Zwerchfell trainiert wird. Die Referentin kommt von außerhalb. Auch einige der Brüder leiten Seminare. „Neben meditativen Einkehrtagen bieten wir Ikonenschreiben und Tai Chi an“, sagt Bruder Elija.

17.00 Uhr: Die Kirchenglocken läuten. Diesmal zum Abendgottesdienst und der Eucharistiefeier. Dass der Gottesdienst nicht nur auf die Brüder, sondern auch auf Besucher ausgelegt ist, zeigt eine Kleinigkeit: „Hier werden die Seitenzahlen zwischen den Liedern angesagt. Das ist schon speziell“, sagt eine Gastschwester aus dem Benediktinerkloster in Osnabrück. Wie Benediktiner-Bruder Julian aus Münsterschwarzach verbringt sie ihren Sommerurlaub hier. „Die Brüdergemeinschaft in Nütschau empfinde ich als besonders herzlich“, sagt Bruder Julian. Nach dem Abendessen um 18.30 Uhr gehen viele noch spazieren. Auf den Wald- und Wiesenwegen um das Kloster trifft man einander immer wieder, kommt ins Gespräch, lauscht gemeinsam dem Zirpen der Grillen. Oder beobachtet Schafe und Pferde.

Getränke im Kaminraum

21.00 Uhr: Zum letzten Mal versammeln sich die Brüder und einige Gäste an diesem Tag in der Klosterkirche zur Komplet, einem Gebet, das den benediktinischen Tag abschließt und die Nachtruhe einläutet. Danach gehen aber nicht alle gleich schlafen. Im Kaminraum, eine Art Ersatz für eine Klosterkneipe, können die Gäste bei einem Getränk gemeinsam den Tag ausklingen lassen. „Vor dem Schlafengehen schreibe ich später noch Tagebuch“, sagt Maike Hinke. „Um alles festzuhalten, was mir heute hier passiert ist.“