Stormarn
Barsbüttel

Schüler müssen ein iPad kaufen oder die Klasse wechseln

Sandra Kittelmann steht vor der Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule in Barsbüttel. Sie lehnt den Einsatz von iPads im Unterricht ab

Sandra Kittelmann steht vor der Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule in Barsbüttel. Sie lehnt den Einsatz von iPads im Unterricht ab

Foto: Sebastian Knorr / HA

Mutter soll rund 700 Euro für einen Tablet-Computer von Apple ausgeben. Schulkonferenz und Eltern hatten für digitales Lernen votiert.

Barsbüttel.  Sandra Kittelmann ist sauer. Denn die Mehrzahl der Eltern aus der sechsten Klasse ihrer Tochter hat sich im März dieses Jahres dafür entschieden, eine sogenannte iPad-Klasse zu werden. Dafür müssen die Schüler der Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule mit einem iPad Air2 ausgestattet werden. Knapp 500 Euro kostet der Tablet-Computer, mehr als 200 Euro fallen für Versicherung und Schutzhülle an. Das ist das exklusive Angebot von Apple, bestellt wird über die Schule, bezahlt von den Eltern.

„Ein Skandal“, findet Kittelmann: „Es ist eine Zumutung, dass Eltern über 700 Euro für Schulmaterial bezahlen sollen.“ Als die alleinerziehende Mutter sich vor knapp zwei Jahren für die Schule entschieden hatte, sei von digitalem Lernen in der Klasse ihrer Tochter noch keine Rede gewesen. Was ist neben Federmäppchen, Schulranzen, Taschenrechnern und Turnbeuteln an Kosten für Schüler noch vertretbar?

Medium soll neue Möglichkeiten schaffen

Kittelmann schüttelt den Kopf. Es geht ihr nicht nur ums Geld, sie zweifelt auch am Nutzen der digitalen Lernform sowie an der Rechtmäßigkeit des Verfahrens. „Ich werde quasi von der Schule genötigt, mitzumachen“, so Kittelmann. Die Pädagogen erhoffen sich von der Einführung der iPads einen besseren Draht zu ihren Schützlingen, denen das neue Medium neue Möglichkeiten fürs Lernen schaffen soll. Unter anderem soll der Zugang zu Unterrichtsmaterialien erleichtert werden. Auch können die Schüler auf den Ta­blets eigenständig recherchieren und mit bereitgestellten elektronischen Medien oder gemeinschaftlich an Projekten arbeiten, auch wenn sie nicht in einem Raum sind.

Nach der demokratischen Entscheidung beim Elternabend bleiben für die Oststeinbekerin jetzt noch zwei Optionen. Entweder sie stellt einen Härteantrag bei der Schule, die ihr dann bei der Finanzierung hilft, oder sie beantragt, ihr Kind in eine andere Klasse zu versetzen. Denn: Aus den ehemals vier sechsten Klassen werden im Zuge der Digitalisierung ab dem kommenden Schuljahr fünf siebte Klassen, drei von ihnen lernen ab dann mit dem iPad, zwei konventionell. „Ein Klassenwechsel kommt nicht infrage“, sagt Kittelmann, die ihre Tochter nicht aus dem Klassenverband reißen möchte, ebenso lehnt sie einen Härtefallantrag ab – aus Prinzip. „Natürlich ist das für eine alleinerziehende Mutter viel Geld“, so Kittelmann, sie kritisiert aber auch: „Bei der Schulwahl wird man nicht aufgeklärt, dann wird die Entscheidung für die iPads unter kollektivem Zwang erpresst – Kinder, die nicht an einem iPad arbeiten können, werden so stigmatisiert.“

Mutter hat Beschwerde bei Schulbehörde eingereicht

Und so kämpft Kittelmann weiter. Sie ist seit März mit dem Klassenlehrer und der Schulleitung im Gespräch, hat sich auch ans Landesministerium gewandt und eine Beschwerde bei der Schulbehörde eingereicht. Erreicht habe sie bisher nichts, die Zeit aber dränge: Bis zum 15. Juli solle sich Kittelmann entscheiden, ob sie ihre Tochter für die neue Klasse anmelden möchte. Zuletzt meldete sie sich mit einem Hilferuf beim Abendblatt.

Schulleiter Thorsten Schöß-Marquardt verweist auf Nachfrage an das zuständige Landesministerium für Schule und Berufsbildung, das den Fall derzeit prüft. „Wir sind mit den Beteiligten im Gespräch. Auch alle Rechtsfragen der Mutter werden geprüft und zeitgerecht beantwortet“, sagt dessen Sprecher Thomas Schunck. Die Einführung der iPad-Klassen in der Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule gehe auf einen Beschluss der Schulkonferenz zurück, so Schunck, „ist also von Vertretern der Schule, des Trägers und der Elternschaft gemeinschaftlich entschieden worden“. Bei dem Beschluss sei auch an Eltern gedacht worden, die finanzielle oder andere Vorbehalte haben. „Dafür gibt es ein Förderungsmodell, zudem gibt es zwei Klassen, in denen auf die Tablets verzichtet wird“, so Schunck.

Förderung digitaler Modellschulen

Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) hatte das Thema „Lernen in einer digitalen Gesellschaft“ bereits im vergangenen Jahr zu einem Kern ihrer Arbeit gemacht. Teil dieser Schwerpunktsetzung ist die Förderung sogenannter digitaler Modellschulen: 20 Schulen im Land werden so mit insgesamt 300.000 Euro unterstützt, im Kreis Stormarn haben die Emil-Nolde-Schule in Bargteheide und die Stormarnschule in Ahrensburg mit ihren Konzepten überzeugen können.

Auch die Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule hatte sich, wie weitere 100 Schulen im Land, auf die Förderung beworben, gehörte allerdings nicht zu den 20 von einer Jury ausgewählten Modellschulen. „Der Umgang mit digitalen Medien ist so wichtig wie Lesen, Schreiben und Rechnen“, betont Ministeriumssprecher Schunck, der die Initiative der Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule begrüßt und die Schule zu einer weiteren Bewerbung für die Förderung ermuntert. Auch im kommenden Jahr werde wieder Geld für digitale Modellschulen zur Verfügung stehen.

Tablet-Gegnerin sieht Risiken für die Schüler

Für Kittelmann überwiegen derweil bei der Arbeit mit den Tablets von Apple die Nachteile. „Kosten und Nutzen stehen für mich hier nicht in Relation“, sagt sie, „ich bin nicht generell ein Gegner von digitaler Innovation, sehe aber auch die Risiken“. Mit den iPads seien die Kinder immer für ihre Lehrer erreichbar, so Kittelmann, „ob das für die Kinder eine positive Entwicklung ist?“ Die Rechtschreibprüfung der Geräte störe zudem das Lernen der richtigen Orthografie. „Außerdem sind unsere Kinder dann ständig mit sehr wertvollen Geräten unterwegs, was ist wenn das an falscher Stelle bekannt wird und Kinder auf dem Heimweg abgezogen werden?“

Bis zur Entscheidung erhofft sie sich Klarheit aus Kiel. Thomas Schunck: „Wir sind im Gespräch.“