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Umsteigen auf Elektro-Autos: So kann es funktionieren

| Lesedauer: 7 Minuten
Anna Parrisius
Neben Vorträgen und Gesprächen konnten auf einem separaten Parkplatz die circa 60 Elektromobile und somit ganz unterschiedliche Modelle besichtigt werden

Neben Vorträgen und Gesprächen konnten auf einem separaten Parkplatz die circa 60 Elektromobile und somit ganz unterschiedliche Modelle besichtigt werden

Foto: Anna Parrisius / HA

In Zarpen haben sich am Sonnabend Elektromobilisten aus ganz Norddeutschland getroffen. Drei Praxis-Beispiele aus ihrem Alltag.

Zarpen.  Sie träumen von mehr Unabhängigkeit von erdölfördernden Länden wie Saudi-Arabien, sie wollen das Klima schützen – und sie wollen auch noch Spaß dabei haben. Sind die rund 100 „Elektromobilisten“ aus ganz Norddeutschland, die sich am Wochenende in Zarpen getroffen haben also ein Haufen von Idealisten und Freaks, deren Hobby wenig mit den Anforderungen normaler Alltagsmobilität zu tun hat? Nein. Denn dass der Umstieg auf elektrisch betriebene Fahrzeuge für weit mehr Menschen als jetzt eine echte Alternative ist, davon sind sie überzeugt.

Elektro-Community gebe „Alternative zu Autohäusern“

Und davon wollen sie auch die Besucher ihres Treffens überzeugen. „Wir bieten eine Alternative zu Autohäusern, deren Verkäufer oft wenig über Elektromobilität wissen“, sagt Kai Fischer (51), IT-Berater und Begründer der Elektro-Community. „Wir berichten aus erster Hand, von unseren Erfahrungen.“ Doch wie attraktiv und alltagstauglich sind die Elektromobile tatsächlich?

Viele Elektromobilisten nutzen ihr Auto für kürzere Pendlerstrecken im Alltag. „Die ist verfehlt,“ sagt Uta Janbeck, Betreiberin einer Pension und eines Cafés in Gelting, die sie und ihr Ehemann aus der eigenen Produktion erneuerbarer Energien, etwa durch Photovoltaikanlagen, speisen. „Mit meinem Auto komme ich 180 Kilometer weit, ohne aufzuladen.“ Das funktioniere zu Hause an der Steckdose, inzwischen aber auch bei vielen Arbeitgebern. Der Batteriestatus eines E-Mobils wird zudem durch die eigene Fahrweise reguliert: Wenn man bremst oder einen Berg herunterfährt, wird Energie erzeugt.

180 Kilometer reicht natürlich nicht immer

180 Kilometer reicht natürlich nicht immer. „Für längere Strecken kann man inzwischen immer häufiger auf öffentlich zugängliche Ladestationen zurückgreifen“, sagt Kai Fischer. In Zarpen zum Beispiel laden die E-Mobilisten an einer Station der Gemeinde ihre Fahrzeuge für den Heimweg wieder auf. Die ist vor allem für Durchreisende gedacht.

„In anderen europäischen Ländern ist man da allerdings schon viel weiter“, sagt Heiner Sietas (48), Wirtschaftsingenieur aus Hamburg. „Deshalb freue ich mich auch besonders auf meinen diesjährigen Schwedenurlaub.“ Beim Elektro-Community-Treffen hat er sich mit Bastian Rostek, Elektrotechnikstudent aus Kiel, verabredet. Die beiden lernten sich kennen, weil Sietas in einem Internetforum Durchreisenden anbietet, in seinem Vorgarten ihr Auto neu aufzuladen. „Die Community hält gut zusammen. Man hilft sich gegenseitig“, sagt auch Tischlermeister Karsten Hünecke (52). So dient das Treffen in Zarpen auch dem Austausch innerhalb der Gemeinschaft. Es gibt Vorträge und Erfahrungsberichte.

Besucher machen ihre erste elektronische Spritztour

Elektromobilität beschränkt sich nicht auf Autos. Matthias Schmidt, seit Jahrzehnten begeisterter Motorradfahrer, berichtet von seinem Wechsel zum Elektro-Motorrad. Er beobacht eine kontinuierliche Verbesserung von Reichweite und PS. „Sie sehen inzwischen auch endlich aus wie Motorräder. Und das Schönste: Man hört kaum etwas!“ Ohne Verbrennungsmotor sind sie weitgehend geräuschfrei. Nur das Abrollen der Reifen ist zu hören. Von anderen Emissionen berichtet Raimund Nowack, Ex-Landesvorsitzender der Grünen in Niedersachsen. Er geht in seinem Vortrag auf die Klimaerwärmung infolge von CO2-Emissionen ein.

Doch es ist nicht nur der Umweltschutz, der die Besucher interessiert. Viele machen ihre erste elektrische Spritztour. „Man darf den Spaßfaktor nicht vergessen, wie wendig es sich elektrisch fährt, wie schnell man anfahren kann,“ sagt Kai Fischer.

Das Pendlerauto

Wie alles begann: Als Christian Weber einen Tesla in seiner VW-Werkstatt hatte, wollte er unbedingt mal Probe fahren. „Der Fahrspaß stand für mich bei der Anschaffung meines VW-Elektrowagens im Vordergrund.“ 100 Prozent Öko-Strom wird er zu Hause erst in einigen Wochen beziehen. „Dass die Umstellung auf erneuerbare Energien parallel passieren muss, wurde mir erst in der Elektrocommunity klar.“

Kosten: Als Jahreswagen kostete der VW 20.000 Euro. „Der teuerste Schaden bei Verbrennerautos, der des Motors, wird bei meinem Auto nicht anstehen. Und die Bremsen nutzen sich kaum ab“, sagt Weber. Pro 100 Kilometer zahlt er ungefähr drei Euro für den Stromverbrauch.

Verwendung: Tanja und Christian Weber pendeln jeden Tag mehr als 50 Kilometer zur Arbeit, sind aber auch schon nach Dänemark gefahren.

Alltagstauglichkeit: Den VW laden die Webers über Nacht zu Hause. Das dauert an einer normalen Steckdose sechs bis acht Stunden. Oder aber Christian Weber lädt den Wagen bei seiner Arbeit auf, das geht dann schneller.

Der kleine Feine

Wie alles begann: „Ich habe ein kleines Auto gesucht“, sagt Dammann. „Vom Renault-Händler aus bin ich einen Kilometer weit mit dem Twizy gefahren – und die Entscheidung stand fest.“ Das war im Frühjahr 2015. Überzeugt habe ihn auch, dass der als Quad eingestufte offene Zweisitzer gute Crashtestwerte hatte.

Kosten: Der Twizy hat 8500 Euro gekostet, war damit billiger als ein Smart. Für Dammann ist wichtig, dass er kaum laufende Kosten hat. In die Werkstatt muss der Twizy eigentlich nur, weil die Batterie geliehen ist – nicht, weil viel repariert werden müsste. Für den Strom zahlt Thorsten Dammann nur wenige Euro pro Woche.

Verwendung: Dammann fährt mit dem Twizy täglich 20 Kilometer weit zur Arbeit, „im Sommer und Winter ohne Heizung“.

Alltagstauglichkeit: Bei einer Reichweite von 50 bis 100 Kilometer je nach Fahrweise kann Dammann seinen Twizy immer zu Hause laden. Er fährt maximal Tempo 95. „Auf der Autobahn bin ich mit ihm noch nicht gefahren“, sagt Dammann. „Das will ich aber auch nicht.“

Der Familienwagen

Wie alles begann: Aike Müller und seine Frau haben seit einigen Jahren eine Photovoltaik-Anlage auf ihrem Haus. „Da wir zu viel Strom erzeugten, stellte sich uns die Frage: Was tun mit dem Überschuss?“ Die Entscheidung fiel auf den strombetriebenen Tesla. Davor fuhr Müller einen Mercedes.

Kosten: 91.000 Euro hat die Anschaffung im Jahr 2015 gekostet. Strom ist für die gesamte Nutzungszeit des Autos an den Tesla-Stationen kostenfrei. Reparaturkosten aufgrund von Verschleiß werden, wie bei allen Elektroautos, voraussichtlich niedrig sein.

Verwendung: Aike Müller braucht den Tesla hauptsächlich für Dienstreisen und ist mit ihm schon längere Strecken in den Urlaub gefahren.

Alltagstauglichkeit: Der Tesla hat bei Müllers Fahrweise eine Reichweite von 350 bis 370 Kilometer. „Wenn ich mit meiner Frau und unseren beiden Kindern unterwegs bin, müssen wir sowieso hin und wieder Pausen machen. Zum Laden braucht der Tesla eine gute halbe Stunde“, sagt Müller. Als Tesla-Kunde steht ihm europaweit ein gut ausgebautes Netz an Ladestationen zur Verfügung. Den Tesla sieht er als „gute Alternative“ zu Mercedes S- und E-Klassen.

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