Stormarn
Deutsche Bahn

Zug strandet in Reinfeld: Die Fahrgäste rufen Hilfe

Einsatzkräfte helfen den Menschen, die erst nach zwei Stunden am Reinfelder Bahnhof aus dem Zug steigen konnten

Einsatzkräfte helfen den Menschen, die erst nach zwei Stunden am Reinfelder Bahnhof aus dem Zug steigen konnten

Foto: Finn Fischer

200 Menschen für zwei Stunden in kaputten Zug gefangen. Die Passagiere alarmieren Polizei und Rettungskräfte. Kritik an der Bahn.

Reinfeld.  Die Luft wurde immer stickiger, das Thermometer stieg und es gab keinen Weg nach draußen – für viele Bahnreisende war am Freitag die Fahrt von Lübeck nach Hamburg eine Tortur. Ein Regionalexpress ist um 11.34 Uhr rund 500 Meter hinter dem Bahnhof Reinfeld mit einem Lokschaden liegen geblieben – und die rund 200 Fahrgäste wurden erst nach gut zwei Stunden aus den Waggons befreit.

„Nachdem der Zug etwa zehn Minuten gestanden hat, ist die Klimaanlage ausgefallen“, sagt Patric Haag, der in dem Zug saß. Versuche des Lokführers, den Triebwagen wieder in Gang zu bekommen, scheitern. Die Bahn entscheidet, eine Hilfslok zu schicken, die den Zug zurück in den Reinfelder Bahnhof schleppen soll. Für die Menschen in dem Zug wird die Luft immer unerträglicher, einige bekommen Kreislaufprobleme. Um 12.20 Uhr alarmiert der Notfallmanager der Bahn die Feuerwehr. Die Helfer sollen die eingeschlossenen Menschen mit Getränken versorgen. Ferner seien Fahrgäste kollabiert, heißt es in dem Hilferuf.

Abschleppen verzögert sich durch Rettungseinsatz

Noch bevor die Retter die Getränke einladen, melden sich Fahrgäste aus dem Zug selbst bei der Feuerwehr und bitten um Hilfe. Eine Frau ruft um 12.31 Uhr bei der Polizei an, die erst jetzt auf den Notfall aufmerksam gemacht wird. „Das ist schon sehr ungewöhnlich, dass wir nach einer Stunde nicht von der Bahn informiert werden“, sagt ein Sprecher der Bundespolizei.

Retter kommen in die Waggons, versorgen die Menschen mit Wasser und kümmern sich um Menschen, die mit dem Kreislauf zu kämpfen haben. Laut Bahn habe sich durch diesen Rettungseinsatz das Abschleppen des Zuges verzögert. „Wenn Menschen auf den Gleisen sind, kann die Abschlepp-Lokomotive nicht zu dem liegengebliebenen Zug fahren“, erklärt Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis.

Um 14.32 Uhr ging es für die Reisenden Richtung Hamburg

Erst um 13.10 Uhr kann die Hilfslok losfahren, um 13.30 Uhr steigen die Menschen endlich aus dem Regionalexpress am Bahnsteig in Reinfeld aus. „Dort haben wir dann weitere Menschen versorgt“, sagt Tom Reher, Sprecher der Feuerwehr. „Eine Frau war so geschwächt, dass Rettungssanitäter sich um die Frau auf dem Bahnsteig kümmern mussten“, sagt er. Ernsthaft verletzt wurde aber niemand. „Keiner musste ins Krankenhaus gebracht werden“, so Reher. Neben dem Notfallmanager der Bahn, der den Einsatz koordiniert hat, waren rund 50 Rettungskräfte vor Ort. Die Bahnstrecke zwischen Bad Oldesloe und Lübeck blieb gut drei Stunden lang gesperrt.

Laut Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis haben 40 Passagiere ihre Reise abgebrochen und sind mit dem Zug zurück nach Lübeck gefahren. 160 Menschen sind um 14.32 Uhr in einen anderen Zug Richtung Hamburg gestiegen. Viele waren genervt, zumal es schon vor der Einfahrt in den Bahnhof Reinfeld Probleme mit der Lok gab. „Ich frage mich, warum die Bahn nicht dort einfach stehen geblieben ist“, sagt Martina Knecht, die auch in dem defekten Zug saß. Fahrgäste kritisieren zudem, dass es keine Durchsagen gegeben habe. Meyer-Lovis: „Solche Fragen müssen jetzt aufgearbeitet werden.“ Laut dem Bahnsprecher sei der Einsatz wie im Notfallkonzept vorgeschrieben abgelaufen. Ferner sei es für die Fahrgäste sicherer gewesen, in der Bahn zu bleiben, als auf freier Strecke auszusteigen. „Die Evakuierungsbusse standen bereit und wurden später wieder abgezogen“, sagt der Bahnsprecher.

Der Fall erinnert an einen Einsatz im Dezember 2010

Das Notfallkonzept ist vor knapp sechs Jahren entstanden. Im Dezember 2010 war mitten im Winter ein Regionalexpress bei Tremsbüttel liegengeblieben. Bei Kälte und Dunkelheit mussten die Menschen etwa vier Stunden in dem Zug ausharren. Erst Fahrgäste alarmierten die Feuerwehr. Es folgte ein Krisengespräch und die Bahn zahlte allen 600 Fahrgästen eine Entschädigung von 250 Euro.

Stormarns Landrat Henning Görtz erfuhr erst am Freitagnachmittag durch das Abendblatt von den Vorgängen bei Reinfeld. Er sagte: „Ich werde mir unverzüglich ein Bild davon machen.“ Sollten sich dabei Parallelen zu den Vorgängen vom Dezember 2010 ergeben, müsse darüber diskutiert werden, welche Lehren aus solchen Zwischenfällen für die Alarmierungskette der Einsatzkräfte zu ziehen seien.