Stormarn
Naturschutz

In der Hahnheide bei Trittau wächst Stormarns Urwald

Auch das gehört zum Wald: ein umgestürzter Baum, der zahlreichen Lebewesen einen Unterschlupf bietet, sagt Michael Hansen (63). Er ist Förster der Hahnheide

Auch das gehört zum Wald: ein umgestürzter Baum, der zahlreichen Lebewesen einen Unterschlupf bietet, sagt Michael Hansen (63). Er ist Förster der Hahnheide

Foto: Verena Künstner / HA

In einem Teil des 1450 Hektar großen Waldgebietes entstehen sogenannte Naturwälder. Das Areal wird auch wirtschaftlich genutzt.

Trittau.  Wer nicht gerade hinter einer redseligen Gruppe von Nordic Walkern durch einen Wald spaziert, findet dort, was er im Stadtleben meist vergebens sucht: Ruhe. Der mit Laub gepolsterte Boden verschluckt vom Menschen gemachte Geräusche und hebt dadurch die Vogelstimmen umso deutlicher hervor. An Sonnentagen kämpfen sich Lichtstrahlen durch dichte Baumkronen. Und wenn es regnet, steigt einem ein unvergleichlicher Duft in die Nase. Inmitten hoher Bäume scheint einem die Natur näher zu sein als nirgendwo sonst. Doch der scheinbar sich selbst überlassene Raum ist meistens alles andere als unberührt.

Förster geraten jetzt häufiger bei Bürgern in die Kritik

„Was wir landläufig als Wald bezeichnen, wird seit Jahrhunderten von Menschen gestaltet“, sagt Michael Hansen. Der 63-Jährige ist Förster der Hahnheide, die mit rund 1450 Hektar eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Schleswig-Holsteins ist. Am östlichen Rand von Trittau beginnt das Areal, das 1938 unter Naturschutz gestellt wurde. „Nicht, weil besonders bedrohte Tier- oder Pflanzenarten hier zu Hause waren“, erklärt Förster Hansen. Es gab Pläne für den Bau eines Rüstungsbetriebs und einer Bunkeranlage, die in der hügeligen Struktur der Hahnheide gut getarnt gewesen wären. „Einflussreiche Bürger haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Bau zu verhindern. Mit der Ausweisung als Naturschutzgebiet ist das gelungen.“

Bis heute ist die Hahnheide der einzige vollständig unter Naturschutz stehende Wald Schleswig-Holsteinischer Landesforsten, zu denen 29 weitere Förstereien zählen. Seit 34 Jahren ist Hansen Chef des Hahnheider Forstbetriebes. „Sie sind also der junge Mann, der jetzt auf unseren Wald aufpasst.“ So wurde er von einem Ehepaar während des ersten Kontrollgangs angesprochen. Genauso empfindet er seine Aufgabe auch selbst. Doch immer öfter steht seine Zunft im Kreuzfeuer von Kritikern.

Erst kürzlich musste sich Hansens Förster-Kollege vom Lütjenseer Hainholz mit aufgebrachten Bürgern auseinandersetzen. Sie warfen ihm vor, zu viele Bäume zu fällen und den Wald massiv zu schädigen. Hansen: „Als würden wir aus purer Lust zur Axt greifen und wahllos Bäume umlegen.“ Das Gegenteil sei der Fall. „Wir gehen nach einem Plan vor, der uns vorgibt, wie viele Entnahmen wir machen dürfen und wann diese wo vorgesehen sind. Außerdem liegt es auch in unserem Interesse, den Wald gesund zu erhalten.“ Nur dann sei er auch wirtschaftlich nutzbar. Aus den Buchen, die etwa 60 Prozent des Bestands ausmachen, werden neben Möbeln, Dielen und Parkett auch Eisstiele gemacht. Wer ein Eis am Stiel nascht, hält also vielleicht den Teil einer Buche aus der Hahnheide in der Hand.

Der nachwachsende Rohstoff Holz wird weltweit gehandelt. Die Nachfrage ist groß, ständig muss für Nachschub gesorgt werden. Oft auch um jeden Preis, wie der Raubbau in den Regenwäldern beweist. „Eine gute Waldpflege zeichnet sich dadurch aus, dass mehr Holz nachwächst als entnommen wird“, sagt Hansen. Für den Förster hat Nachhaltigkeit Priorität. „Dass Produkte aus schonend bewirtschafteten Wäldern wie unserem stammen, erkennt der Verbraucher am FSC-Siegel“, erklärt Hansen. Wo FSC (Forest Stewardship Council) draufstehe, stecke ökologisches Bewusstsein drin. Mit geschultem Blick erfasst Michael Hansen während seiner Revierbegänge, wie er den Baumbestand ordnen muss, um den Wald über Jahrzehnte gesund zu halten. Dazu entnimmt er Bäume, die ihren kräftigeren Nachbarn Platz zum Wachsen nehmen. Jungen Bäumen verschafft er Licht, indem er zu dichte Baumkronen auflockert. Andere lässt er solange stehen, bis der natürliche Zerfall einsetzt. Hansen: „Das sind unsere Habitat-Bäume. Sie bieten zahlreichen Lebewesen Unterschlupf und sind in einem Wirtschaftswald unerlässlich.“

Hahnheide ist ein Paradies für Sportler und Naturfreunde

Der Wald ist auch Raum zum Entspannen. Die Hahnheide gilt als eines der beliebtesten Naherholungsgebiete östlich von Hamburg. Hier schnappen Städter frische Luft, Sportliche laufen bergauf- und bergab. Genießer lassen sich von versteckte Seen und urigen Bachtälern beeindrucken. Für Familie Löwel ist die Hahnheide sogar ein Zuhause. Das Gastronomen-Ehepaar hat vor vier Jahren den Landgasthof Stahmer in Hohenfelde übernommen. „Wir fallen quasi aus der Haustür raus mitten in den Wald“, sagt Jan Löwel. Die Lage ziehe Gäste an, denen es nach Spaziergang, nach Kaffee und Kuchen oder Deftigem verlangt. Einmal pro Woche zieht es Familie Löwel selbst in den Wald. „Wir haben eine Lieblingsstrecke, für die wir eine dreiviertel Stunde brauchen. Danach sind die Lebensgeister geweckt.“ Und das jüngste der vier Kinder im Kinderwagen ist eingeschlafen. Seit Anfang der 80-er Jahre gibt es Bereiche, in denen Förster Michael Hansen und seine Mitarbeiter keine Hand anlegen. In diesen Naturwäldern wächst alles wo, wie und solange es will. Rund 300 Hektar des Staatsforstes sind als Naturwald ausgewiesen. Muss aus Sicherheitsgründen doch einmal ein Baum gefällt werden, bleibt dieser an Ort und Stelle liegen.

Noch wirken diese Bereiche wenig urwüchsig: Die heimischen Buchen stehen in Reih’ und Glied, es wachsen kaum Sträucher oder junge Bäume nach. „Das liegt daran, dass die dichten Kronen kaum Licht durchlassen“, sagt Michael Hansen. Er schätzt, dass es noch 70 bis 80 Jahre dauern wird, bis sich aus dem jetzt relativ unspektakulären Bild ein spannender Urwald entwickelt hat.