Stormarn
Forschungsarbeit

Hubbard JA-757 – das neue Bio-Huhn der Zukunft

Lisa Baldinger, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für ökologischen Landbau mit einem Versuchstier. Die Rassehühner Hubbard JA-757 wurden zur extensiven Haltung gezüchtet

Lisa Baldinger, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für ökologischen Landbau mit einem Versuchstier. Die Rassehühner Hubbard JA-757 wurden zur extensiven Haltung gezüchtet

Foto: Isabella Sauer / HA

Im Norden Stormarns erforscht das Thünen-Institut das ideale Futter für eine ökologische Geflügelzucht. Es gibt erste Ergebnisse.

Westerau.  Mitten in der Natur, abgelegen im Grünen im Nordosten Stormarns, steht eine alte Bauernscheune aus roten Backsteinen. Rings um das Gebäude tummeln sich auf auf dem Rasen viele kleine weiß-bräunliche Hühner. Die Hähne krähen im Chor. Hier forscht das Thünen-Institut für Ökologischen Landbau im Bereich ökologische Geflügelzucht. Aktuell arbeitet das Institut an einem Hühner-Mastversuch in zwei neuen Ställen.

Mit einem Strahlen im Gesicht und einem grünen Overall bekleidet spaziert Lisa Baldinger über den Hof in der kleinen Stormarner Gemeinde mit rund 800 Seelen. Seit einem knappen Jahr ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Thünen-Institut beschäftigt. Gerade ist sie auf dem Weg zu den beiden neuen Forschungszentren, die eher aussehen wie zwei kleine Gartenhäuschen, die auf einer Wiese im Gras stehen.

Mobile Forschungszentren sehen aus wie Gartenhäuschen

Jedes der 160 Hühner hat etwa vier Quadratmeter Auslauf. Die Masthühner sind auf zwei mobile Forschungsställe aufgeteilt – so hat jede Gruppe 320 Quadratmeter Grünflache zur Verfügung. Baldinger: „Bei uns heißen die beiden Versuchsställe MBFZ. Die Abkürzung steht für Mobiles Broiler Forschungs-Zentrum.“ Die eigene Werkstatt des Instituts hat die Forschungszentren gebaut. „So konnten sie genau auf unsere Arbeit angepasst werden“, sagt die 34-Jährige und läuft gerade an ihren gackernden Schützlingen vorbei, die neugierig ihre Köpfe durch den Zaun stecken.

Das Institut forscht vorrangig im Bereich der Rinder- und Schweinehaltung. Seit dem Jahr 2015 aber auch mit Hühnern. Baldinger sagt: „Die ökologische Geflügelhaltung ist eine Schwachstelle im ökologischen Landbau.“ Aber gerade dieser habe sich in den vergangenen Jahren erheblich ausgeweitet. „Dabei gibt es hier große Probleme, wie zum Beispiel in der hundertprozentigen Biofütterung, im Tierwohl und der Tiergesundheit sowie in der Zucht“, sagt die gebürtige Österreicherin. Diese Probleme müssten dringend gelöst werden, damit sie nicht im Widerspruch zu den Erwartungen der Kunden und den Zielen des Ökolandbaus stehen.

Mobiles Forschungszentrum ist zwölf Quadratmeter groß

Die studierte Landwirtin öffnet die Tür des mobilen Forschungszentrums. Es ist gerade einmal zwölf Quadratmeter groß. Vier getrennte Hühnergruppen mit je 20 Tieren leben hier. Die Masthühner sind eine in der Öko-Hühnerhaltung weit verbreitete Rasse namens Hubbard JA-757, die von der Zuchtfirma Hubbard für die extensive Hühnerhaltung gezüchtet wurde. Wie in der Mast üblich, werden sowohl die Hennen als auch die Hähne gemästet.

Warum ist es aber so wichtig, dass die Ställe mobil sind? Lisa Baldinger erklärt das so: „Nach jedem Mastdurchgang versetzen wir den Stall, um einen hygienisch einwandfreien und auch frischen Standort bieten zu können.“ Nur so könnten brauchbare Versuchsergebnisse erwartet werden. Der aktuelle und erste Versuch beschäftigt sich mit dem Thema Fütterung. Lisa Baldinger: „Es wird pelletiertes mit mehligem Futter verglichen, und zwar mit und ohne zusätzliche Vorlage von Keimweizen.“ Vorgekeimter Weizen ist aus Sicht von Baldinger ein ausgezeichnetes, leicht verdauliches und sehr beliebtes Futter für Hühner. „Den Keimweizen stellen wir hier im Institut selbst her“, sagt die Wissenschaftlerin und zeigt auf einen Futterbehälter in einem von einer der Versuchsgruppen abgetrennten Stall. Für den Weizen aus eigenem Anbau habe sich das Institut extra eine kleine Keimmaschine angeschafft. Lisa Baldingers Forschungsfrage lautet: Wenn Keimweizen eingesetzt wird, was soll zusätzlich gefüttert werden, damit die Tiere möglichst schnell zunehmen? Mehliges oder pelletiertes Futter? „Damit wir das schließlich wissen, wird der Futterverbrauch für jede einzelne Versuchsgruppe genau aufgezeichnet. Und die Tiere werden einmal in der Woche gewogen“, sagt die Wissenschaftlerin.

Mehliges Futter besteht aus Weizen, Erbsen und Maiskleber

Bisher sind die Hähne und Hennen schwerer, die zum Keimweizen Pellets bekommen haben. Dabei ist der Einsatz von pelletiertem Futter für die Bauern meist teurer als mehliges Futter. Letzteres besteht nämlich aus Produkten wie Weizen, Erbsen und Maiskleber. „Fast alle Produkte, die die meisten Landwirte selbst anbauen“, weiß Lisa Baldinger. Deswegen sei mehliges Futter kostengünstiger, aber bisher weniger leistungsfähig. „Mit der Zugabe von Keimweizen könnte sich das aber ja vielleicht ändern“, sagt die junge Forscherin.

Ein Versuch dauert genauso lange wie ein Mastdurchgang. „Normalerweise werden Masthühner nach zehn Wochen geschlachtet“, sagt Baldinger und lächelt die Hühner an, die sie neugierig anschauen und ihren Kopf schief legen. In dieser Woche wird die erste Hälfte der Hühner geschlachtet. Der Versuch dauert weitere zwei Wochen, die restlichen Tiere werden weiter gemästet.

Lisa Baldinger hofft auf ein gutes Ergebnis für die Landwirte

Für die 34-Jährige gehört die Schlachtung zum Versuch. Sie selbst esse gern Fleisch, allerdings nur Bio. „Ich weiß, dass diese Hühner ein tolles Leben hatten, deswegen werde ich sie auch essen.“ Dann nimmt sie eine Henne hoch und streichelt das Tier. Lisa Baldinger: „Ich würde mich freuen, wenn wir ein tolles Ergebnis für die Landwirte herausbekämen.“ Wenn die nämlich mehliges Futter mit Keimweizen kombinieren könnten, wäre das Futter für die Hühner bei den meisten Bauern aus Produkten, die sie selbst angebaut hätten.

Dann setzt die gut gelaunte Österreicherin das Huhn zurück ins Gras und macht sich auf den Weg in die Scheune. Sie stapft mit ihren grünen Gummistiefeln durch das hohe Gras in die Scheune und sagt. „Ich muss unsere Keimweizenmaschine noch anstellen.“