Stormarn
Diskussion

Fluglärm in Stormarn: Die Argumente der Beteiligten

Öffentliche Sitzung der Fluglärmschutzkommission in Bargteheide

Foto: Christina Schlie / HA

Öffentliche Sitzung der Fluglärmschutzkommission in Bargteheide

Bürger protestieren bei öffentlicher Sitzung der Lärmschutzkommission in Bargteheide. Initiative schlägt neue Anflugkorridore vor.

Bargteheide.  Es war das erste Mal, dass die Fluglärmschutzkommission (FLSK) für den Hamburger Airport zu einer öffentlichen Bürgersprechstunde in Stormarn eingeladen hatte. Üblicherweise tagt das Gremium hinter verschlossenen Türen. 60 Bürger, größtenteils Betroffene aus der Gemeinde Jersbek, waren ins Ganztagszentrum nach Bargteheide gekommen , um ihrem Unmut über die gestiegene Überflughäufigkeit und den Fluglärm Luft zu machen.

Auch Mitglieder der Bürgerinitiative für Fluglärmschutz in Hamburg und Schleswig-Holstein (BAW) sowie der Fluglärmgeschädigten Gemeinde Elmenhorst (FGE) waren vor Ort. Ahrensburgs Bürgermeister Michael Sarach, der Stormarn in der FLSK vertritt, appellierte daran, die Kommission "nicht als Feind, sondern als helfendes Gremium" zu verstehen.

Die BAW kritisiert nicht nur den Lärmpegel bei Landungen, sondern vermehrt auch bei Starts. Bei Ostwind starteten die Flugzeuge gegen den Wind und drehten direkt über Ammersbek und Ahrensburg in Richtung Süden ab. Der Flughafen sei ohnehin sehr ungünstig gelegen: 90 Prozent aller Ziele liegen nach BAW-Recherchen südlich von Hamburg, aber 75 Prozent aller Flüge werden über den Nordosten- und Nordwesten abgewickelt. Die Folge seien Umwege.

Die Zahl der Fluglärmbeschwerden aus Stormarn ist im Vorjahr von 110 auf rund 2400 gestiegen. Jede vierte der 9340 Lärmklagen kam aus dem Kreis am östlichen Hamburger Stadtrand. Von Januar bis März dieses Jahres beschwerten sich 205 Stormarner.

Die Lärmgegner der BAW

Die Bürgerinitiative für Fluglärmschutz in Hamburg und Schleswig-Holstein (BAW) fordert strengere Auflagen wie ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr. Die geplanten Steigerungen bei Passagierzahlen (im Vorjahr 15,6 Millionen) und damit Flügen seien inakzeptabel. Die BAW hat eine Tabelle mit Einwohnerzahlen erstellt und danach Anflugkorridore über Regionen erarbeitet, in denen nur wenige Menschen wohnen.

Die Einwohnerdichte ist in Hamburg-Volksdorf (1746 Menschen je Quadratkilometer) deutlich größer als in Bargteheide (1002), Ahrensburg (895), Großhansdorf (832) Ammersbek (546) und Bad Oldesloe (470). In Dörfern wie Delingsdorf (270), Hoisdorf (217), Tremsbüttel (195), Elmenhorst (168), Hammoor (162), Bargfeld-Stegen (161), Jersbek und Lasbek (je 95) oder Rümpel (80) sinken die Zahlen weiter.

Minimum-Noise-Routing-Korridore sind für die BAW die Konsequenz. "Sie ergeben die Lösung eines Großteils des Fluglärmproblems für den Kreis Stormarn", sagt der Ahrensburger René Schwartz, Sprecher der BAW Stormarn.

Das sagen die Lärmgegner der FGE

Die Fluglärmgeplagte Gemeinde Elmenhorst (FGE)fordert eine Rückkehr zu kürzeren Landeanflügen. Nachdem der Einschwenkbereich von vier auf sieben bis zwölf nautische Meilen (NM, eine Meile entspricht 1,85 Kilometern) geändert worden war, habe sich der Lärm drastisch verstärkt. Das betreffe die gesamte Region von Tremsbüttel bis Bargfeld-Stegen.

Die Bürgerinitiative hat auch Ahrensburgs Bürgermeister Michael Sarach eingeschaltet, der Stormarn in der Fluglärmschutzkommission vertritt. Er soll das Problem bei der internen Sitzung des Gremiums am 10. Juni noch einmal darlegen.


Das sagen die Bürger aus Jersbek

Bürger aus Jersbek machten ihrem Ärger bei dem Treffen in Bargteheide erstmals öffentlich Luft. Sie beklagen, dass Flugzeuge häufig auf einer Höhe von circa 800 Metern über der Gemeinde in den Landegleitpfad einbiegen. Die Jersbeker fordern eine Verschiebung der Einflugschneise über weniger bewohntes Gebiet sowie eine gerechtere Verteilung der Lärmbelastung.
Bürgermeister Herbert Sczech (UWG) kritisierte die fehlende Unterstützung: "Es ist schade, dass keiner der Kieler Politiker den Weg nach Bargteheide gefunden hat, um zu diesem Thema Stellung zu nehmen."

Das sagen die Lärmschutzkommission

Die Fluglärmschutzbeauftragte Gudrun Pieroh-Joußen zog nach dem Abend in Bargteheide ein positives Fazit. "Wir sind sehr zufrieden mit der Beteiligung und dem Ergebnis", sagt die Leiterin der Abteilung Fluglärmbekämpfung. "Das Gespräch war sachlich und konstruktiv."

Die Anregungen aus der Bevölkerung werden jetzt innerhalb der Fluglärmschutzkommission (FLSK) geprüft. Punkte wie die von Bürgern bemängelte zu niedrige Flughöhe über Bargteheide sowie die Überflughäufigkeit über Jersbek sollen auch in den nächsten Jahren regelmäßig kontrolliert werden.

Zwei Anflugverfahren der Zukunft – der sogenannte 3,2-Winkel sowie das Ground Based Augmentation System (GBAS) würden ebenfalls daraufhin geprüft, ob sie für Hamburg in Frage kämen. Das GBAS ist eine Präzisionsanflughilfe über Satellit.

In der Kommission sitzen die Fluglärmschutzbeauftragte, Vertreter aus Hamburger Bezirken und Schleswig-Holstein, von Behörden, der Deutschen Flugsicherung und des Flughafens Hamburg.

Das sagt der Flughafen

Der Flughafen Hamburghat im April mit den fünf größten Airlines eine Pünktlichkeitsoffensive gestartet. "Für verspätet ankommende Maschinen muss ein Aufschlag von 150 Prozent ab 22 Uhr, 300 Prozent ab 23 Uhr gezahlt werden", sagt Axel Schmidt, Bereichsleiter Umwelt am Flughafen Hamburg. Auch besonders laute Maschinen zahlen erhöhte Entgelte.
Ein 16-Punkte-Plan sieht strengere Kontrollen der Flugzeiten und Routen sowie mehr Bürgerbeteiligung und eine Gebührenanhebung für späte Landungen vor. Zur weiteren Entastung betroffener Gebiete wurden lärmoptimierte Abflugrouten sowie Flugbahnbenutzungsregelungen festgelegt. Bürger haben die Möglichkeit, Leistungen aus Schallschutzfensterprogrammen zu beantragen. Weitere Infos: www.hamburg.de/fluglaerm.de.
Grundsätzlich gilt, dass Flugzeuge gegen den Wind starten und landen. Welche Bahnen dabei genutzt werden, geben die Lotsen der Deutschen Flugsicherung (DFS) vor. In der Vergangenheit wurden häufig Flüge in Richtung Nordost (33 Prozent aller Flugbewegungen) registriert.

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