Stormarn
Kriminalität

Zwei Hunde versetzen Hoisdorfer in Angst

Zwei Kangal Hunde sollen in Hoisdorf mehrfach Menschen und Hunde angegriffen haben

Zwei Kangal Hunde sollen in Hoisdorf mehrfach Menschen und Hunde angegriffen haben

Foto: Steimer, C. / picture alliance / Arco Images G

Die beiden Kangals sollen mehrfach Menschen und andere Hunde angegriffen haben. Die Polizei ermittelt, die Ordnungsbehörde schweigt.

Hoisdorf.  „Es ist eine Ohnmacht. Man kann nichts machen und muss zusehen, wie der eigene Hund zerrissen wird.“ Es sind Worte voller Fassungslosigkeit, die Gerd Schröder über die Lippen kommen, wenn er sich an den 18. März erinnert. Der 66 Jahre alte Rentner aus Hoisdorf ist mit seinem Welsh Terrier Charly am Uferweg spazieren. Plötzlich kommt eine Radfahrerin und warnt den Mann. Er solle sich schnell in Sicherheit bringen, zwei freilaufende und bissige Hunde würden gleich auf ihn zukommen.

Die muskulösen Tier sind rund 80 Zentimeter groß

Doch da ist es schon zu spät. „Eines der Tiere sprang mir in den Rücken“, erinnert er sich. Die Angreifer sind zwei Kangals, auch als türkische Hirtenhunde bekannt. Die muskulösen Tier sind rund 80 Zentimeter groß und bringen mehr als 50 Kilogramm auf die Waage. Die Tiere umringen Gerd Schröder und seinen Terrier und stürzen sich dann auf Charly. Der wird durch die Luft geschleudert. Schröder versucht, seinem Hund zu helfen, wird zu Boden gestürzt und verliert seine Brille. „Ich hatte Todesangst“, sagt der Hoisdorfer.

Er greift zu einem Pfefferspray, das er dabei hat. Eine ganze Dose setzt er gegen die Tiere ein, die kurz von ihrem Opfer ablassen. Eine Anwohnerin hört die Schreie und öffnet ihre Tür. Hund und Herrchen retten sich in den Flur des Hauses. „Die Kangals standen vor dem Haus und haben wie Raubtiere gewartet“, sagt Schröder, der seine Frau Angela anruft. Charly blutet stark und muss sofort zum Tierarzt. Vom Halter der Kangals fehlt jede Spur. Die Tiere lassen ab und laufen weiter.

„Ich bin sofort mit dem Auto dorthin gefahren“, sagt Angela Schröder, die immer noch die schrecklichen Bilder vor Augen hat. „Der ganze Flur war voller Blut“, erinnert sich die 62-Jährige. Noch am selben Tag muss der Welsh Terrier operiert werden. „Ich kann nicht verstehen, wie man zwei Hunde, die so gefährlich sind, frei in Hoisdorf herumlaufen lassen kann.“

Nach dem Angriff erstatten die Schröders Anzeige. Auf Anfrage bestätigt die Polizei, dass sie schon mehrere Verfahren gegen den Hundehalter eingeleitet hat. Denn schon mehrfach sind die großen Hunde ohne ihr Herrchen durch die 3500-Seelen-Gemeinde gelaufen. „Uns liegen zwei Ordnungswidrigkeitsanzeigen und eine Strafanzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung vor“, sagt Polizeisprecherin Sonja Kurz.

Nur eine halbe Stunde nach dem Angriff auf Gerd Schröder wird eine 48 Jahre alte Frau angegriffen, die in einem Waldstück mit ihrem Hund spazieren geht. Die beiden Kangals springen die Frau an und versuchen immer wieder, ihren Hund anzugreifen. „Die Frau schrie um Hilfe und wehrte die Hunde immer wieder ab. Dabei wurde sie an der Hand verletzt“, sagt Sonja Kurz. Letztlich lassen die Tiere von der Hoisdorferin ab und laufen davon.

Doch nicht nur an diesem Tag waren die Tiere ohne Aufsicht unterwegs. „Am 1. April riefen Anwohner die Polizei, weil zwei Hunde frei in Hoisdorf herumliefen“, sagt die Polizeisprecherin. Die Beamten fingen die Tiere ein und brachten sie ins Tierheim nach Großhansdorf. Halsbänder oder Steuermarken hatten die Hunde nicht. „Am nächsten Tag bekamen wir einen Anruf vom Tierheim, dass der Halter die Tiere abgeholt hat“, sagt Kurz.

Die Polizei hat schon nach der ersten Anzeige im März sofort das Ordnungsamt eingeschaltet, das für Maßnahmen gegen den Besitzer zuständig ist. Was die Behörde bisher unternommen hat, will sie nicht sagen: „Wir wollen uns dazu nicht äußern“, sagt Manja Harder, Leiterin des Fachbereichs Ordnung und Sicherheit beim zuständigen Amt Siek.

Laut neuem Hundegesetz, das Anfang des Jahres in Kraft getreten ist, sind Hunde nicht mehr wegen ihrer Rasse, sondern dann, wenn sie auffällig geworden sind, als Gefahrenhund einzustufen. Also wenn sie Menschen oder Tiere angegriffen haben. Ob das Amt Siek dies umgesetzt hat, ist unklar: Die Behörde schweigt. Ist ein Hund als gefährlich eingestuft, ist der Halter verpflichtet, unter anderem eine theoretische und praktische Sachkundeprüfung mit dem Hund abzulegen, um diesen weiterhin halten zu dürfen.

Hoisdorfs Bürgermeister Dieter Schippmann sagt: „Uns sind die Hände gebunden.“ Bürger hatten sich bei ihm gemeldet. „Ich finde es erschreckend, dass die Tiere hier frei herumlaufen. Ich habe mich dann beim Amt schlau gemacht und die Gemeindevertreter informiert“, sagt Schippmann, der die Sache als äußerst ernst bezeichnet. „Offenbar muss erst etwas Schlimmes passieren, bis gehandelt wird.“

Davor haben auch die Schröders Angst. „In der Nähe des Grundstücks des Hundebesitzers sind der Sportplatz sowie eine Schule und ein Kindergarten“, sagt Angela Schröder: „Meine beiden Enkel sind dort.“ Sie hat Schule und Kita nach dem Angriff informiert. „Ich habe jetzt immer zwei Dosen Pfefferspray dabei und gehe nur noch eine kleine Runde mit Charly“, sagt sie. In den angrenzenden Wald traut sie sich gar nicht mehr. Ihr Mann Gerd Schröder sagt: „Ich schaue immer, ob irgendwo Gartenpforten aufstehen, durch die ich notfalls flüchten könnte.“ Die Familie erwartet vom Amt, dass endlich etwas passiert und sie wieder ohne Angst auf die Straße gehen können. „Wieso kann das Amt nicht zumindest dafür sorgen, dass die Tiere einen Maulkorb tragen müssen?“, fragen sie verständnislos.

Nach der Attacke der beiden Kangals war eine junge Frau bei den Schröders und hat sich entschuldigt. „Das reicht mir aber nicht. Ich möchte, dass die Halter auch die Tierarzt-Rechnungen übernehmen. Wir haben mehr als 700 Euro zahlen müssen“, sagt Schröder, die die Rechnungen an den Hundehalter geschickt hat.

Der Hundehalter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat jetzt einen Rechtsanwalt eingeschaltet. „Wir haben mehrere Anzeigen bekommen“, sagt der Mann. Dass seine Tiere mehrfach vom Grundstück gelaufen sind, liege daran, dass ein umgestürzter Baum den Zaun zerstört habe. „Inzwischen haben wir für die Hunde Zwinger“, sagt er. Auch sei der Zaun wieder repariert. Vom Ordnungsamt habe er bisher noch keine Aufforderung zu einem Sachkundetest bekommen. „Das sind ganz liebe Tiere.“