Stormarn
Bank-Geheimnisse

Ahrensburgs CDU-Hoffnung stammt aus Beirut

Toufic Khayat (l.) im Gespräch mit Abendblatt-Redakteur Lutz Wendler auf einer Parkbank im Westen von Ahrensburg

Toufic Khayat (l.) im Gespräch mit Abendblatt-Redakteur Lutz Wendler auf einer Parkbank im Westen von Ahrensburg

Foto: Thomas Jaklitsch / HA

In unserer Serie treffen Stormarner auf ihrer Lieblingsbank und lassen sie erzählen. Heute: Toufic Khayat, neu im Vorstand der CDU.

Ahrensburg.  Anwalt oder Politiker, das stand für den Vater außer Frage, wenn er über die Berufsperspektiven seines Sohnes sprach, der so gut reden konnte und so viel Gebrauch davon machte. Toufic Khayat erinnert sich gut daran, dass der Vater, wenn er seinen Freunden imponieren wollte, rhetorisch fragte: „Wollt ihr mal was hören?“ Und dann durfte der damals acht Jahre alte Toufic auf Zuruf demonstrieren, dass er alle Minister in der libanesischen Regierung benennen konnte.

Nun, der Sohn hat die Prophezeiung seines Vaters doppelt erfüllt, denn er ist beides geworden: Jurist und Politiker. Doch was der Vater damals in Beirut nicht ahnen konnte: Toufic wurde deutscher Jurist und deutscher Politiker. 29 Jahre alt ist er inzwischen, hat gerade seine Doktorarbeit zu einem bilateralen steuerrechtlichen Problem eingereicht, am 1. April sein Referendariat mit der Strafrechtsstation am Amtsgericht Ahrensburg begonnen und ist gerade zum stellvertretenden Ortsvorsitzenden der CDU in seiner Wahlheimat Ahrensburg gewählt worden.

Ein erstaunlicher Lebensweg, denn Khayat ist erst vor 15 Jahren nach Deutschland gekommen. Wer seinen Lebenslauf liest, hat das Gefühl, das Pensum sei ohne Doppelgänger nicht zu schaffen. Nebenbei betreut er zurzeit als Mentor an der Fernuniversität in Hagen Studierende im Schuldrecht sowie Unternehmensrecht, hat einen Lehrauftrag für Privatrecht an der Hochschule Fresenius in Hamburg und ist Korrekturassistent für Klausuren und Hausarbeiten an der Uni Bielefeld.

Sein Debüt war Christian Conrings Online-Wahlkampf

Daneben gab und gibt es diverse ehrenamtliche Engagements wie die Aktion „Richtig bewerben“ für Hauptschüler und das Projekt „Balu und Du“ der Caritas Düsseldorf, für das Khayat sich bis 2014 ein Jahr lang einmal wöchentlich um einen Jungen, der aus Tschetschenien stammt, kümmerte und ihn bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten vertraut mit der deutschen Sprache und dem Leben hier machte.

Und dann ist da noch die politische Arbeit. 2013 trat Toufic Khayat in die CDU ein. Seit 2015 lebt er in Ahrensburg, wurde vom Ortsverband sofort „mit offenen Armen aufgenommen“ und als Spezialist für digitale Netzwerke in den Wahlkampf von Christian Conring um das Bürgermeisteramt eingebunden. Er gehörte als Bürgerliches Mitglied bald dem Finanz- und dem Umweltausschuss an und den Landesfachausschüssen Finanzen und Haushalt sowie Integration. Für Letzteres ist er Experte aus eigener Erfahrung, denn Khayat ist ein Musterbeispiel gelungener Integration – obwohl die Bedingungen seinerzeit deutlich schlechter waren: „Ich hätte mir damals die Integrationskurse von heute gewünscht, aber so etwas gab es noch nicht.“

Als sein Vater, der schon vorher den Libanon verlassen und in zweiter Ehe eine Deutsche geheiratet hatte, ihn und seine beiden jüngeren Brüder im Jahr 2000 ins Lippetal nach Ostwestfalen holte, kannten die drei kein Wort Deutsch. Toufic brauchte nur ein halbes Jahr, um sich die fremde Sprache anzueignen: „Das lag daran, dass zu Hause nur Deutsch gesprochen wurde“, sagt er. Und fügt mit gespielter Strenge hinzu: „Wenn wir Arabisch redeten, gab es kein Taschengeld.“ Außerdem habe er von einer engagierten Lehrerin profitiert, die ihm ehrenamtlich Extra-Stunden gab.

Dennoch war der schulische Einstieg für den 14-Jährigen schwierig. Toufic Khayat war in Beirut ein guter Schüler gewesen, der eine Privatschule besucht hatte. In Deutschland wurde er niedriger eingestuft und musste erst einmal einen sehr guten Realschulabschluss auf einer Hauptschule vorlegen, bevor er aufs Gymnasium wechseln durfte. Dort wurde es auch besser mit sozialen Kontakten. Zuvor hatte er Anpassungsprobleme in Sachen Coolness: „Ich habe viel und gerne gelesen, das war nicht so angesagt. Und im Schritt tief sitzende Jeans waren auch nicht mein Stil.“ Doch er sagt auch, dass er schon damals selbstbewusst genug war, das auszuhalten. „Ich hatte immer meinen eigenen Kopf.“

Dieses Selbstvertrauen zeigt sich auch in der Ahrensburger Politik, wo Khayat kürzlich mit Bürgermeister Michael Sarach (SPD) etwas aneinandergeriet, als der eine Zusatzausgabe von 12.000 Euro so verkaufte, als müssten die Politiker sie mal eben durchwinken und Toufic Khayat den Eindruck hatte, Sarach wolle seine Nachfragen altväterlich abbügeln. „Er sagte, ich sei zu jung, um das beurteilen zu können. Aber erstens stimme ich grundsätzlich nicht Vorlagen zu, die ich nicht verstehe. Und zweitens ärgerte mich, dass ein Betrag als geringfügig dargestellt wurde, der hoch genug war, um damit eine Zeit lang ein Studium zu finanzieren. Ich musste einen BAföG-Kredit aufnehmen und viele Jobs machen, und hier wurde nach meinem Eindruck Geld aus dem Fenster geworfen.“

Gut vorstellbar, dass sich der Bürgermeister künftig häufiger mit dem selbstbewussten jungen Mann auseinandersetzen muss, der als Teil eines stark verjüngten CDU-Vorstands für einen offensiven Politikstil steht. Zur CDU kam Khayat übrigens, als er darüber nachdachte, sich für ein Promotionsstipendium bei einer Parteistiftung zu bewerben. „Ich treffe Entscheidungen nie leichtfertig und lasse mich eher vom Verstand als von Emotionen leiten, deshalb habe ich mich informiert, wofür die Parteien stehen. Die konservativen christlichen Werte der CDU entsprachen mir“, sagt er.

Dass er ein systematischer und beharrlicher Mensch ist, lässt sich auch an seinem Studium ablesen, das er mit einer Vielzahl von Jobs als Kellner, auf Messen oder Dolmetscher für Arabisch mit Asylbewerbern für die Clearingstelle Rheinland-Pfalz finanzierte. Khayat erzählt, dass er, wenn er etwas nicht sofort verstand, nie aufgegeben habe, sondern es sich durch viel Arbeit insoweit aneignete, „bis der Groschen gefallen war“. Bezeichnend ist die Vorbereitung fürs 1. Staatsexamen mit 130 Probeklausuren im Repetitorium – das Ergebnis war ein Prädikatsexamen, das ihm bereits Türen in einer Großkanzlei öffnete. Nach dem 2. Staatsexamen will er im Bereich Steuerrecht arbeiten, als Anwalt oder als Finanzrichter.

Nach Ahrensburg ist er gekommen, weil seine Verlobte Kirstin Schilling, die er im Studium in Trier kennenlernte, aus Stormarn stammt und dorthin zurückkehren wollte. Die beiden leben seit einem Jahr mit einem Labrador-Mischling, der den Kopfmenschen Khayat ab und zu ablenkt und ihm bewusst macht, dass das Leben nicht nur Arbeit ist, im Reihenhaus ihrer Großeltern im Westen der Stadt und fühlen sich insgesamt sehr wohl. Auch deshalb engagieren sich beide in der Kommunalpolitik. Zumal es nach dem Eindruck von Toufic Khayat dort einiges zu bewegen gibt: „Mir gefällt die Kommunikation zwischen Verwaltung und Politik nicht. Wir erwarten sachliche Antworten vom Bürgermeister, die wir nicht immer bekommen. Außerdem dauern große Projekte hier viel zu lange.“ Er findet, das Ahrensburg Potenzial für ein moderates qualifiziertes Wachstum habe: „Wir müssen jedoch aufpassen, dass die Stadt nicht viel zu schnell zu groß wird und wir unsere soziale Infrastruktur überfordern.“

Deutschland ist für ihn längst Heimat und Deutsch seine zweite Muttersprache. Elf Jahre hat es gedauert, bis er das erste Mal wieder nach Beirut reiste und seine Mutter wiedersah, die sich damals vom Vater getrennt und eine neue Familie gegründet hatte. Von der geliebten Oma konnte er sich nur via Skype verabschieden. „Sie ist kurz danach gestorben.“ Inzwischen fährt er alle zwei Jahre in den Libanon. Kurzurlaube reichen, dann hat er schon wieder Heimweh – nach Deutschland. „Ich bin immer froh, wieder nach Hause fahren zu können. Ich bin sehr geradlinig und organisiert, das Chaos in Beirut ist mir fremd. Es ist angenehmer, in einem Land zu leben, wo das Licht angeht, wenn man auf den Schalter drückt, und wo immer Wasser aus dem Hahn kommt“, sagt er. Außerdem sei die Stadt ein gefährliches Pflaster für Politiker. „Mein Vater sagte mal: ‚Im Libanon hättest du nicht überlebt’. Ich bin Individualist und sehe nicht ein, dass ich vor jemandem kuschen soll.“

In der Frage der Integration von Flüchtlingen ist Khayat zwiegespalten. Die Pflicht, Menschen aufzunehmen ist für ihn unbestritten, da sei die Kanzlerin zu Recht standhaft, ihre Politik sei eine humanitäre, christlichen Werten verpflichtete Aufgabe. Auch wirtschaftlich sieht er keine Probleme. Bedenken hat er jedoch, was die kulturelle Identifikation anbelangt: „Die Menschen müssen sich der Kultur anpassen, in der sie leben.“

Vor Toufic Khayats 30. Geburtstag im Sommer dieses Jahres werden seine Verlobte und er heiraten. Dann will er ihren Nachnamen annehmen, auch das ist ein Bekenntnis zur neuen Heimat. Er wird dann Toufic Schilling heißen – ein Name, den man sich merken sollte.