Stormarn
Gerichtsverfahren

Kradfahrer stirbt bei Unfall – Richter stellt Verfahren ein

Da der Angeklagte von der fahrlässigen Tötung stark betroffen war, stellt der Richter das Verfahren ein

Da der Angeklagte von der fahrlässigen Tötung stark betroffen war, stellt der Richter das Verfahren ein

Foto: Riefenstahl

Der Angeklagte ist von den Ereignissen stark betroffen. Richter zweifelt, ob Strafe Sinn hat. Nebenklägerin stimmt dem Vorschlag zu.

Ahrensburg.  „Ich kann das nicht“, bricht es aus Peter W. (Name geändert) vor der Tür zum Verhandlungssaal heraus. Er weint, schluchzt, geht in die Knie. Es ist kurz vor Prozessbeginn. Der 21 Jahre alte Oldesloer muss sich vor dem Amtsgericht Ahrensburg verantworten, weil er einen Motorradfahrer fahrlässig getötet haben soll. Nach Zureden seines Anwalts Patric von Minden betritt er den Gerichtssaal, die Verhandlung kann beginnen.

Beim Linksabbiegen übersieht Peter W. den Motorradfahrer im Gegenverkehr

Wie die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage vorträgt, will W. am 9. Juni 2015 in Bad Oldesloe um 19.20 Uhr mit seinem BMW von der Hamburger Straße nach links in die Straße Bickbüschen abbiegen. Er stoppt, lässt den Gegenverkehr passieren und fährt wieder zum Abbiegen an. Dabei übersieht er einen entgegenkommenden Motorradfahrer. Dieser versucht noch auszuweichen, stürzt und rutscht mit seiner Maschine frontal gegen das Auto von Peter W. Der Motorradfahrer erleidet trotz seines Helmes schwere Kopfverletzungen. Er stirbt wenige Tage später im Krankenhaus.

Peter W. vergräbt auf der Anklagebank schluchzend sein Gesicht in den Händen. „Mein Mandant räumt die Vorwürfe in vollem Umfang ein“, sagt sein Anwalt für ihn. Dann antwortet W. auf die Fragen von Richter Paul Holtkamp. „Ich habe den Motorradfahrer erst gesehen, als meine Freundin neben mir aufgeschrien hat“, sagt er. Seit dem Unfall bekommt der Einzelhandelskaufmann Spritzen, geht zum Neurologen. „Ich habe daran gedacht, mich umzubringen“, berichtet W. Sein Anwalt erklärt, W. sei bislang nicht in der Lage gewesen, mit den Angehörigen des Unfallopfers zu sprechen, wolle dies aber gern nachholen. Die Frau des Toten ist Nebenklägerin in dem Verfahren.

Der Richter zweifelt, ob eine Strafe für den Angeklagten noch Sinn hat

„Der Tatbestand der fahrlässigen Tötung liegt vor“, sagt Richter Holtkamp, „die Frage ist, welche Wirkung eine Strafe auf den Angeklagten noch haben kann.“ Er schlägt vor, das Verfahren einzustellen. „Der Angeklagte ist von den Ereignissen stark betroffen“, sagt der Richter. Während die Staatsanwaltschaft sofort zustimmt, berät sich die Nebenklägerin mit ihrem Anwalt auf dem Gang. „Es ist übel aufgestoßen, dass der Angeklagte keinen Kontakt gesucht hat und kurz nach dem Unfall Freizeitbilder auf seiner Facebook-Seite gepostet wurden“, sagte vorher der Nebenklägeranwalt. „Mein Mandant hat nichts gepostet“, entgegnete der Anwalt von W. Schließlich stimmt auch die Nebenklägerin dem Vorschlag zu.

Richter Holtkamp verkündet, dass das Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingestellt wird. Als Auflage muss Peter W. in den nächsten sechs Monaten 1800 Euro an die Familie des Unfallopfers zahlen. Zum Schluss sagt der Richter zum Angeklagten: „Ich empfehle ihnen dringend, das Gespräch mit den Angehörigen zu suchen.“