Stormarn
Neujahrsempfang

Trendforscher: „Online-Handel wird Städte verändern“

Foto: blende4 / HA

Trendforscher appelliert beim Neujahrsempfang der IHK zu Lübeck an Unternehmer, mit mehr Mut und Ideen die Zukunft anzugehen.

Lübeck.  Es war ein visionäres, mitunter verblüffendes und in Teilen auch etwas beunruhigendes Bild, das Zukunfts- und Trendforscher Oliver Leisse beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Lübeck zeichnete. Er sprach über Roboter, die weite Teile der Arbeit übernehmen werden; über Computer, die medizinische Diagnosen stellen; über Sensoren, die unser Verhalten erfassen und auswerten. Und über schon ganz konkret entwickelte Geräte, mit denen Verbraucher direkt kommunizieren und per Anweisung ihre Einkäufe bestellen. Seine Kernthese: Es kommen dramatische Veränderungen auf uns zu, auf die wir vorbereitet sein müssen. Und er stellte fest, dass Deutschland in vielen Dingen der internationalen Konkurrenz noch weit hinterherhinke.

Ein für die Wirtschaft zentrales Beispiel, so Leisse, sei das geänderte Kaufverhalten der Menschen. Habe der Online-Handel der Endverbraucher heute noch einen Anteil von etwa zehn Prozent, werde dieser in wenigen Jahren voraussichtlich auf 40 Prozent steigen. „Das wird das Gesicht der Städte verändern“, prognostizierte er. Und er verband mit dieser Prognose einen dringenden Appell an die Unternehmer: „Der Handel muss sich neu erfinden, er braucht endlich mehr Ideen und mehr Mut.“ Um der Konkurrenz aus dem Internet gewachsen zu sein, müsse mehr in ein „Einkaufserlebnis“ investiert werden.

Engere Zusammenarbeit von Kommunen und Wirtschaft

Mehr Mut war es auch, den IHK-Präses Friederike C. Kühn einforderte. „Wenn jemand Talent hat und den Mut, Neues zu wagen, müssen wir ihn unterstützen“, sagte die Bargteheiderin. Und auch sie ging auf das veränderte Kaufverhalten der Menschen und die damit verbundenen Veränderungen ein. „Der Erfolg des Handels hängt auch von der Aufenthaltsqualität vor Ort ab“, so Kühn. Und umgekehrt. Deshalb sollten Kommunen und Wirtschaft hier enger zusammenarbeiten. Das besondere Einkaufserlebnis, das sofortige Präsentieren der neu erworbenen Dinge, sei nach wie vor ein Reiz für die Menschen.

Sie nannte ein paar Städte, in denen die Bedingungen für ein solches Einkaufserlebnis durchaus gegeben seien: Mölln zum Beispiel, Lübeck, Eutin oder auch Bad Segeberg. Stormarner Städte tauchten in ihrer Aufzählung indes nicht auf. Kühn attestierte dem Handel jedoch gute Chancen, wenn er aktiv werde und die neuen Vertriebswege als Ergänzung begreife. Sie forderte von der Landesregierung Rahmenbedingungen ein, die dauerhafte Planungssicherheit für Händler und Investoren biete. Denn eines sei klar, so Kühn: „Wir werden die Uhr nicht zurückdrehen, wir werden die Kunden nicht vom Online-Handel abhalten.“

Albig äußert sich zu Flüchtlingsproblematik und Olympia

Ganz konkrete Veränderungen gab es auch bei dem von gewohnt hochkarätigen Gästen besuchten Neujahrsempfang in der Musik- und Kongresshalle Lübeck. Weil der Saal wegen der anstehenden Sanierung gesperrt ist, nahmen die rund 1200 Gäste von Beginn an im großen Foyer Platz. Ministerpräsident Torsten Albig (SPD), der weite Teile seines Kabinetts mitgebracht hatte, hielt keine lange Rede, sondern äußerte sich im Gespräch mit Moderator Christian Schröder zu den großen Themen wie der Flüchtlingsproblematik und der Industriepolitik des Landes. Er trauerte den verpassten Chancen für die Region durch die gescheiterte Olympia-Bewerbung Hamburgs nach („Einer der traurigsten Momente des Jahres 2015“) und dankte den Unternehmern, von denen sich im Rahmen einer IHK-Umfrage drei Viertel bereit erklärt hatten, Flüchtlinge als Mitarbeiter zu beschäftigen. „Denn“, so Albig, „der schwierigere Teil sei nun, die zu uns gekommenen Menschen zu einem Teil der Gesellschaft werden zu lassen.“

Thematisch passte diese Aussage gut in den Kontext. Denn auch Trendforscher Oliver Leisse vom Hamburger Institut „See more“ hatte das Thema Flüchtlinge als eine der großen Veränderungen identifiziert. Und es betrifft die ganz nahe Zukunft.