Stormarn
Klimawandel

Milde Winter führen zur Wildschwein-Plage

Eine Rotte weiblicher Wildschweine im Wald: ein Anblick, der sich in Stormarns Wäldern immer öfter bietet

Eine Rotte weiblicher Wildschweine im Wald: ein Anblick, der sich in Stormarns Wäldern immer öfter bietet

Foto: S. Meyers / HA

Die Frischlinge finden ausreichend Futter. Population breitet sich rasant aus. Die Tiere verursachen auf den Feldern hohe Schäden.

Ahrensburg.  Sonnenschein, Außentemperaturen im zweistelligen Bereich, feine Knospen an den Bäumen mitten im Winter. Es ist ganz besonders mild in diesem Dezember, doch ein bisschen milder als früher ist es fast in jedem Winter. Eine Folge des Klimawandels. Davon profitiert das Wildschwein. Die Bestände wachsen, auch in Stormarn.

„Als es noch richtig kalte Winter gab, erfroren die ersten Würfe meist“, sagt Jan Fritzen, Erster Vorsitzender der Kreisjägerschaft Stormarn. Heute bringen Bachen, so heißen die weibliche Wildschweine, pro Wurf vier bis sechs Frischlinge zur Welt. Davon überleben meist alle. „Heute werden sogar junge Frischlinge trächtig, die nur bis zu einem Jahr alt sind“, sagt Fritzen. Denn es gibt in den Wäldern genug und qualitativ gute Nahrung, sodass das Schwarzwild oft bereits im Geburtsjahr geschlechtsreif wird.

Stormarns Jäger erlegten in diesem Jahr 763 Schweine

Die Folge: Konnten Jäger früher in Stormarn nur vereinzelt Wildschweine beobachten, etwa im Sachsenwald, haben sie sich mittlerweile flächendeckend ausgebreitet. Im Kreis wurden im Jagdjahr 2014/2015 insgesamt 763 Wildschweine erlegt, das sind knapp 90 mehr als in der Saison zuvor. Landesweit waren es fast 10.000 Tiere. Die Jäger sorgen auch in diesem Jahr für reichlich Nachschub an Wildbret. Das Fleisch eines ausgewachsenes Ebers ist allerdings für den Menschen ungenießbar. Verzehren lassen sich nur Sauen und Frischlinge. Die Sauen werden ausgiebig gebeizt. Danach ist das Fleisch besonders saftig und würzig-pikant.

Wildschweine leben in sogenannten Rotten zusammen. Diese Gruppen bestehen aus mehreren Bachen und deren Frischlingen. Die männlichen Keiler ziehen allein durch die Wälder. Angeführt wird die Rotte von der ältesten und erfahrensten Bache, der Leitbache. „Sie gibt dem Rest der Rotte normalerweise vor, wann sie trächtig werden darf und wann nicht“, sagt Fritzen. Das Ganze sei hormongesteuert. „Wie die Anti-Baby-Pille der Wildschweine sozusagen.“ Demnach richtet sich die Paarungsbereitschaft aller Bachen nach der Leitbache. Im Normalfall. Aber durch den Klimawandel und die daraus resultierenden Umwelteinflüsse wirke diese natürliche Verhütung nicht mehr. Das heißt: Es kommt massenhaft zu Frischlingsgeburten.

Hinzu komme, dass es durch die milden Temperaturen keine Fressnot gibt. „Die Eichel- und Buchenmast hat sich erhöht“, sagt Fritzen. Bedeutet, dass Eichen und Buchen massenhaft Früchte tragen. In der Vergangenheit fiel lediglich alle fünf Jahre Futter von den Bäumen. „Heute ist jedes Jahr Mastjahr“, sagt er. Denn wenn Bäume Stress haben, etwa durch besondere Umwelteinflüsse, kommt es zu einer Überproduktion von Früchten, um die Fortpflanzung abzusichern. Außerdem produzierten die Bäume besonders viel Eiweiß. Fritzen: „Wildschweine finden das saugut – das ist für sie wie für uns Schokolade.“ Das sei auch der Grund dafür, dass Wildschweine heutzutage vermehrt in Privatgärten unterwegs sind. Denn weil sie so viel pflanzliches Eiweiß fressen, erhöhe sich entsprechend auch der Bedarf an tierischem Eiweiß. Und genau das bekommen die Wildschweine in Gärten, auf Golfplätzen und Ackerflächen oder am Rande der Autobahnen. Ungestört können sie hier ihre Nasen in den Boden stecken und nach Mäusen, Regenwürmern und Engerlingen graben.

Auf den Feldern der Landwirte entstehen hohe Sachschäden

Kreisjägermeister Klaus Klemm hört immer häufiger von Bauern, deren Ackerflächen von Wildschweinen umgewühlt werden. „Dadurch können teilweise hohe Schäden entstehen“, sagt Klemm. Eine Genehmigung brauche ein Jäger zum Erlegen des Schwarzwildes nicht, ganz im Gegenteil zum Dam- oder Rotwild. „Frischlinge und Überläufer können ganzjährig geschossen werden, ausgewachsene Tiere nur vom 16. Juni bis zum 31. Januar.“

Allzu sorglos sollten sich Menschen keinesfalls einem Wildschwein nähern. „Keiler haben Eckzähne im Unterkiefer, sogenannte Gewehre, die bis zu 20 Zentimeter lang sein können – und rasiermesserscharf sind“, sagt Fritzen. Diese Gewehre können bis zu zehn Zentimeter aus dem Maul des Tieres, dem Gebrech, herausschauen. „Bachen hingegen haben keine Eckzähne, aber sie beißen gern“, sagt er. Also sollte Kontakt unbedingt vermieden werden, denn: „Weglaufen bringt absolut gar nichts“, sagt Fritzen. Die Tiere seien sehr schnell: Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 40 Kilometer pro Stunde würde das Schwarzwild den Menschen sehr schnell einholen.

Was die Zukunft bringen wird? Genau können das auch die Experten nicht sagen. „Doch erfahrungsgemäß reguliert die Natur sich irgendwann selbst“, sagt Fritzen. „Etwa durch Seuchen – aber beschwören will ich das natürlich nicht.“