Ahrensburg

Missbrauch: Letzte Mahnwache vor dem Kirchsaal Hagen

| Lesedauer: 5 Minuten
Petra Sonntag
Versammelten sich zur Mahnwache vor dem Kirchsaal Hagen (v. l.): Anselm Kohn von der Opferinitiative, ein Missbrauchsopfer, das namentlich nicht genannt werden möchte, Wolfgang Meißner von der Opferinitiative, Denise, 16, aus Hammoor, Maria, 16, aus Bargteheide, Lilly, 16, aus Tremsbüttel und Antonia, 16, aus Bargteheid

Versammelten sich zur Mahnwache vor dem Kirchsaal Hagen (v. l.): Anselm Kohn von der Opferinitiative, ein Missbrauchsopfer, das namentlich nicht genannt werden möchte, Wolfgang Meißner von der Opferinitiative, Denise, 16, aus Hammoor, Maria, 16, aus Bargteheide, Lilly, 16, aus Tremsbüttel und Antonia, 16, aus Bargteheid

Foto: Petra Sonntag / HA

Nach fünf Jahren beendet der Ahrensburger Verein zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs die Mahnwache vor dem Kirchsaal Hagen.

Ahrensburg.  Brennende Kerzen und Fackeln säumen den Weg vor dem Kirchsaal Hagen an der Hagener Allee. 25 Menschen stehen in kleinen Gruppen zusammen. Die Jüngeren von ihnen, 13 Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren, lauschen mit betroffener Miene den Ausführungen von Wolfgang Meißner. Der 67-jährige Ahrensburger liefert gerade eine Kurzzusammenfassung des bis dahin größten Missbrauchsskandals in der evangelischen Kirche.

In den 70er- und 80er-Jahren hatte hier Pastor Dieter K. mehrere Jugendliche sexuell missbraucht, sein damaliger Kollege Friedrich H. hatte gegenüber einem Kirchengericht eingeräumt, in den frühen 80er-Jahren Beziehungen zu zwei jungen Frauen unterhalten zu haben. Vertreter des Vereins zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der evangelischen Kirche, zu denen auch Wolfgang Meißner zählt, sowie interessierte Bürger haben sich an diesem Montagabend zum vorläufig letzten Mal getroffen, um eine Mahnwache abzuhalten.

Die Opferinitiative will Betroffenen Mut machen, sich zu melden

Sie haben Gesellschaft an diesem Abend. Der Deutschkursus der Klasse 11 a vom Bargteheider Kopernikus-Gymnasium hält sein Kurstreffen heute Seite an Seite mit den Ahrensburger Akteuren ab. „Die Idee, sich näher mit den Ahrensburger Missbrauchsfällen zu befassen, stammt von zwei meiner Schülerinnen“, sagt Deutschlehrerin Sabine Storch. Denise und Lilly, beide 16, hatten ihren Mitschülern das Buch „Rotkäppchen muss weinen“ von Beate Teresa Hanika vorgestellt, das den Missbrauch eines zwölfjährigen Mädchens beschreibt. Das Thema bewegte die Schüler. „Die ganze Klasse war berührt“, sagt Lilly. „Wir sind heute hergekommen, um mehr über die Folgen von Missbrauch zu erfahren.“ Denise ergänzt: „Ich finde die Aufklärung sehr wichtig. Und ich denke, dass es als Opfer gut ist, das Gefühl zu haben, dass meine Gemeinde hinter mir steht.“

Dieses Gefühl haben die Mahnwachen-Initiatoren in den vergangenen fünf Jahren nicht gehabt. Am 22. November 2010 hatten sie sich zum ersten Mal vor dem Portal der Ahrensburger Schlosskirche getroffen, zunächst wöchentlich, seit 2011 jeden ersten Montag im Monat. Im zweiten Jahr verlagerte sich die Mahnwache vor den Kirchsaal Hagen. „Wir wollten stärker auf den Ort des Geschehens aufmerksam machen“, sagt Rolf Warkentin, 80. „Die Kirche wurde in all der Zeit nie für uns geöffnet, wir wurden nicht mit offenen Armen empfangen.“

Derzeit ist noch offen, auf welche Weise sich Nordkirche und Opfer einigen

Als der Missbrauchsskandal 2010 bekannt wurde, habe er der Kirche noch die Treue gehalten. „Doch als ich merkte, dass wir mit unserem Engagement für die Opfer von der Kirche nur noch als Feinde betrachtet wurden, bin ich ausgetreten“, sagt Warkentin. „Wir wurden von der Kirche als aggressive Gruppe bezeichnet, Pastoren mieden uns“, ergänzt Wolfgang Meißner, dessen Töchter im Kirchsaal zum Konfirmandenunterricht gingen, aber nicht zu den Opfern von Pastor Dieter K. zählten. Sie kamen dennoch Monat für Monat an der Hagener Allee zusammen. „Wir stehen hier, weil wir zeigen wollen: Hier ist noch etwas offen. Ihr habt als Kirche noch etwas zu leisten“, sagt Meißner mit Blick auf das ruhende Disziplinarverfahren gegen den Ruhestandsgeistlichen Friedrich H. „Wir wollen Betroffenen Mut machen, sich zu melden. Mancher Fall lässt sich vielleicht noch juristisch verfolgen.“ Im Fall von Anselm Kohn, Mitbegründer des Vereins und einst Stiefsohn von Pastor Dieter K., ist derzeit noch offen, auf welche Weise sich Nordkirche und Opfer einigen. „Ich habe mich sechsmal mit der Kommission für Unterstützungsleistung getroffen“, sagt Kohn. „Meine Unterlagen liegen der Kirche vor, ich erwarte Mitte Dezember eine Reaktion.“ Doch in einem Punkt sei sich der 45-Jährige schon jetzt sicher: „Ich bin durch meine Aktivitäten in der Opferinitiative zur Feindfigur der Nordkirche geworden. Darüber kann man verzweifeln, aber es zeigt auch, dass wir den Finger in die Wunde legen.“ Er vermisse noch immer einen offenen Dialog. „Es muss jedem Opfer zugestanden werden, dass es nicht den einen Weg der Versöhnung gibt.“

Entschädigungszahlungen an einzelne Opfer

Im Juni 2014 hatte es einen Versöhnungsgottesdienst mit Bischöfin Kirsten Fehrs und jenem Opfer gegeben, dessen Brief an die Kirchenleitung 2010 den Stein der Aufklärung ins Rollen und Ahrensburgs Kirchengemeinde in die Schlagzeilen brachte. Nach dem Schlussbericht der von der Nordkirche beauftragten Expertenkommission im Oktober 2014 gab es zudem Entschädigungszahlungen an einzelne Opfer.

Es herrscht an diesem Abend noch einmal tiefe Betroffenheit, als ein Ahrensburger von seiner Zeit in einem evangelischen Kinderheim berichtet. Er sei von Erziehern und Heimleitung missbraucht, geschlagen und gedemütigt worden. Wolfgang Meißner sagt am Ende der Mahnwache: „Ja, ich glaube noch an Gott, aber ich habe meinen Glauben an meine Kirche verloren. Das Verhalten der Organisation hat mit christlichen Werten nichts zu tun.“

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