Stormarn
Umschulung

Quereinsteiger erobern die Kitas in Stormarn

Quereinstieg in den Erzieherberuf v.l.: Ulrike Thörner, Engin Bakan, Stefanie Schwanck

Quereinstieg in den Erzieherberuf v.l.: Ulrike Thörner, Engin Bakan, Stefanie Schwanck

Foto: Alexander Sulanke / HA

Mit Mitte 30 oder auch mit 50 noch mal den Beruf wechseln? Projekt in Stormarn macht die Umschulung zum Erzieher möglich

Ahrensburg.  Engin Bakan, 35, ist Fachkraft für Logistik, hat zwölf Jahre lang in einem Lager gearbeitet. Ulrike Thörner, 50, hat vor Jahrzehnten ihr Studium der Ernährungswissenschaften abgebrochen, dann vier Kinder großgezogen, später einen Spielkreis in Trittau geleitet, sich schließlich vielfältig engagiert. Stefanie Schwanck, 44, Mutter zweier Kinder, hat eine Ausbildung zur Bürokauffrau abgeschlossen, bis vor Kurzem aber als Tagesmutter gearbeitet.

Ihre drei Biografien könnten unterschiedlicher kaum sein. Nun werden sie in parallel verlaufende Bahnen gelenkt: Der Pinneberger Bakan, die Kastorferin Thörner und die Ahrensburgerin Schwanck schulen um. Sie wollen Erzieherinnen und Erzieher werden. „Das nennt man wohl so“, sagt Bakan. „Ich persönlich mag ja das Wort Kindergärtner lieber.“ Das zu werden habe er sich schon immer gewünscht. Nun ist es so weit. Die Drei und 22 weitere Männer und Frauen sind Teil eines Projekts, das vom Bundesfamilienministerium und vom Europäischen Sozialfonds für Deutschland gefördert wird. Es läuft an neun Standorten bundesweit, in Stormarn heißt es „Questo“ – was die Abkürzung für „Quereinstieg in Stormarn“ ist.

Teilnehmer des Projekts bekommen für ihre Ausbildung etwas Geld

„Der Bedarf an Kinderbetreuung steigt“, sagt Andrea Dechau, Projektkoordinatorin in Diensten der Arbeiterwohlfahrt (Awo), die in Stormarn Projektträger ist. Deutschlandweit gibt es ihren Worten zufolge rund 14.000 Erzieherinnen und Erzieher zu wenig, Tendenz steigend. Die Ausbildung zum staatlich geprüften Erzieher sei aber relativ unattraktiv – insbesondere für Menschen, die keine Berufsanfänger mehr sind. Dechau: „Sie ist nämlich schulisch und deshalb relativ praxisfern. Sie dauert lange. Und sie wird nicht vergütet.“ Jemand, der womöglich schon eine eigene Familie habe, könne es sich insofern gar nicht leisten, die Ausbildung zu machen.

Bei Questo sieht das anders aus. Ein Drittel der dreijährigen Ausbildung – angeboten wird sie nun von der Berufsschule in Bad Oldesloe – verbringen die angehenden Erzieherinnen und Erzieher in Stormarner Kindertagesstätten und Horten, um praktische Erfahrung zu sammeln. Formal ist es diese Praxiszeit, die auch bezahlt wird. So bekommen die „Questo“-Teilnehmer monatlich 1250 Euro brutto. „Mit diesen Rahmenbedingungen haben wir die Möglichkeit, ein ganz anderes Potenzial für die Einrichtungen zu gewinnen“, sagt Andrea Dechau.

Ein Potenzial wie Stefanie Schwanck, die immerhin acht Jahre als Tagesmutter gearbeitet hat. „Ich habe immer versucht, in den Erzieherberuf zu kommen“, sagt sie. „Aber ich hatte nicht die notwendige Qualifikation. Ihre Intention war, „einen richtigen Beruf“ aus dem zu machen, was sie ohnehin schon macht, einen Beruf, der anerkannt wird. Engin Bakan sagt über seine Motivation: „Im Lager war’s gut. Aber mir fehlte das Zwischenmenschliche. Und dass ich irgendetwas zurückbekomme, dass ich als Mensch anerkannt werde. Ulrike Thörner schließlich profitiert davon, dass die Projektteilnehmer nicht ausschließlich nach den sonst gültigen Richtlinien der Schulen ausgewählt worden sind, sondern in einem „Questo“-Assessment-Center. „Mein Abitur wäre eigentlich nicht gut genug gewesen“, sagt die 50-Jährige. Ein gutes Abitur ist eigentlich längst Voraussetzung, um die Ausbildung zum staatlich geprüften Erzieher beginnen zu können.

Im kommenden und übernächsten Jahr beginnen neue Kurse

Seit dem 1. September lernen sie nun also in einer eigenen Berufsschulklasse, sind mitunter älter als die Lehrer und sorgen im Bistro der Schule für Verwirrung, wenn sie ihre Schülerausweise vorzeigen. Ihre erste Praxiseinheit liegt auch schon hinter ihnen – eine Zeit, in der sie erst mal geguckt und Fragen gestellt haben. Ulrike Thörner: „Mit den Kindern allein in einem Raum sein dürfen wir noch nicht. Die Tür muss immer offen bleiben.“

Während das Projekt also schon läuft, arbeitet Andrea Dechau noch daran, die Kommunen davon zu überzeugen. Sie sollen als Arbeitgeber fungieren, also die Gehälter der Schüler übernehmen; die versehen dann später ihre Praxiseinheiten in diesen Kommunen. „Ahrensburg ist besonders vorbildlich“, sagt Dechau, die Stadt finanziert elf Plätze.“ Für einen zahle Großhansdorf, für vier Barsbüttel. Die Awo selbst als Kita-Träger tritt für vier „Questo“-Teilnehmer ein.

„Questo“ läuft über drei Ausbildungsjahrgänge. Zum 1. September 2016 und 2017 beginnt je eine weitere etwa 25 Personen starke Gruppe.

Infos zum Projekt unter Telefon 04102/2115-470 und per E-Mail an Questo@awo-stormarn.de