Stormarn
Landwirtschaft

Stormarns Bauern fürchten Aus für Betriebe

Hans-Joachim Wendt, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes, sieht eine Steuer auf Pflanzenschutzmittel skeptisch und befürchtet, dass viele Betriebe in Stormarn schließen müssten

Hans-Joachim Wendt, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes, sieht eine Steuer auf Pflanzenschutzmittel skeptisch und befürchtet, dass viele Betriebe in Stormarn schließen müssten

Foto: Dorothea Benedikt / HA

Geplante Abgabe, um den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren, befürworten Experten. Landwirte befürchten das Aus für viele Betriebe.

Ahrensburg.  Pilzbefall, Insekten oder Milben – Landwirte müssen immer wieder Schädlinge mit Pflanzenschutzmitteln bekämpfen, um ihre Ernte zu retten. Doch was für den Bauern ein Segen ist, ist für Natur und Umwelt oft eine schwere Belastung. Naturschützer sprechen von Artenschwund. Experten verzeichnen eine stetig steigende Belastung der Gewässer und des Grundwassers.

Um den Einsatz von Pestiziden zu begrenzen, plant Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) nun eine Steuer für Pflanzenschutzmittel, kurz PSM-Steuer genannt. „Wir müssen geeignete Wege finden, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und damit die Einträge in die Umwelt zu reduzieren“, sagt Habeck und bezieht sich dabei auf EU-rechtliche Vorgaben. 2013 beschloss die Bundesregierung, den Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmittel bis 2023 um 30 Prozent zu reduzieren.

Untersuchungen beweisen: Pestizide belasten Flüsse, Seen und Grundwasser

Seitdem ist jedoch das Gegenteil der Fall: Während 2013 deutschlandweit rund 100.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel mit einem Wirkstoff von mehr als 30.000 Tonnen verkauft wurden, setzten die Händler im vergangenen Jahr 106.155 Tonnen mit einem Wirkstoff von 34.515 Tonnen ein. Allgemein habe der Einsatz von Pestiziden laut eines Berichts der Landesregierung in den vergangenen 20 Jahren stetig zugenommen.

Und dieser Einsatz bleibt für die Umwelt nicht folgenlos. Eine 2014 veröffentlichte Studie des Naturschutzbundes (Nabu) belegt, das die Chemikalien nicht nur Schädlinge bekämpft, sondern auch die Nahrungsgrundlage für Vögel und Kleintiere beeinflusst. Seen, Flüsse und das Grundwasser werden obendrein verunreinigt. Das Land ließ zwischen 2010 und 2014 die Gewässer im Land untersuchen. Experten entnahmen an 327 Messstellen 1717 Wasserproben. 91 Prozent der Proben waren belastet, zehn Prozent der Wasserproben überschritten sogar die europaweit festgelegten Umweltqualitätsnorm. Bei der Untersuchung des Grundwassers stellten Experten in mehr als einem Drittel der Proben die Wirkstoffe von Pflanzenschutzmitteln oder deren Abbaustoffen fest. Drei Prozent aller Proben überschritten dabei die Grenzwerte. Um diese Werte zu senken, beauftragte Robert Habeck das Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig. Die Forscher sollten untersuchen, wie eine PSM-Steuer den Einsatz von Pestiziden verringern kann. Anfang dieser Woche stellte der Umweltminister das Gutachten in Berlin vor. Die Forscher empfehlen eine Grundsatzabgabe von 20 Euro für die maximal zulässige Menge an Pflanzenschutzmitteln pro Hektar und Jahr. Für die Landwirte bedeutet dies, dass sich der Einsatz der Schädlingsbekämpfungsmittel um 40 Prozent verteuert. Wer sogar häufiger spritzen muss, soll 50 Prozent mehr zahlen.

„Das werden einige Betriebe nicht überstehen“, sagt Hans-Joachim Wendt, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes in Stormarn. In dem Verband sind mehr als 1000 Betriebe. „Und wir sehen das alles sehr skeptisch“, sagt Wendt, der selbst 150 Hektar Land in Grabau bewirtschaftet. „Schon heute verwendet ein Großteil der Bauern erst dann die Mittel, wenn Schädlinge die Pflanzen befallen haben.“ Daran werde eine Steuer nichts ändern.“ Auch der Bundesverband der Agrargewerblichen Wirtschaft (BVA) fürchtet, die konventionelle Agrarwirtschaft mit einer PSM-Steuer nicht mehr wettbewerbsfähig. Die Forscher des Helmholtz-Zentrums sehen es anders. In ihren Gutachten heißt es, dass die geplante Steuer einerseits hoch genug sei, um eine sichtbare Lenkwirkung zu erzeugen. Dem internationalen Wettbewerb schade sie nicht.

Agrarwirtschaft wünscht sich Kurse für Landwirte anstatt einer neuen Steuer

„Das ist ein Irrweg“, sagt der Geschäftsführer des BVA, Arnim Rohwer. Er sagt, dass Verunreinigungen in Gewässern ausnahmslos auf die unsachgemäße Anwendung von Pestiziden zurückzuführen seien. Eine bessere Fortbildung für Landwirte sei effektiver als eine Abgabe. Auch Hans-Joachim Wendt sagt, dass es sinnvoller wäre, wenn Forscher prüften, wie der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren sei. Umweltminister Robert Habeck: „Einnahmen einer PSM-Steuer sollten in die Landwirtschaft zurückfließen.“ Die Forscher rechnen damit, dass mit der PSM-Steuer jährlich eine Milliarde Euro eingenommen werde. Der Umweltminister begrüßt dabei Ideen aus der Landwirtschaft. Dass die Steuer Betriebe zur Aufgabe zwingen könnte, diese Gefahr sieht das Ministerium nicht. Das Gutachten habe schließlich ergeben, dass die Abgabe zumutbar sei. Dieter Perdelwitz, Geschäftsführer des Verbandes der Schleswig-Holsteinischen Energie- und Wasserwirtschaft (VSHEW) mit Sitz in Reinbek, befürwortet die Pläne des Umweltministers: „Uns macht die Verschmutzung des Grundwassers Sorge. Keiner weiß genau, wie gefährlich die Abbauprodukte der Pflanzenschutzmittel sind.“

Zwar ist es technisch möglich, verunreinigtes Grundwasser zu reinigen, dies sei jedoch mit einem großen Aufwand verbunden. „Am Ende zahlt der Trinkwasserkunde die Kosten dafür“, sagt Dieter Perdelwitz. Wird also Wasser günstiger, wenn die Lenkungswirkung greift? Dazu sagt Perdelwitz: „Darüber kann man keine Auskunft geben. Die Stoffe bleiben schließlich über viele Jahre im Boden.“